Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-04-20 · 16 (20.4.1923) · p. Seite 188

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
16 (20.4.1923)
Date
1923-04-20
Page
Seite 188 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9147982--05593-9078262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

188 Das Jüdische Echo Nr. 16 würde mehrere Aufsätze erfordern und muß darum für später Vorbehalten bleiben. Nur auf einige Gesichtspunkte sei hingewiesen, die bezüglich der naheliegendsten Mißverständnisse und falschen Schlußfolgerungen hervorzuheben wichtig erscheint. Gegen den Proporz ist nicht viel einzuwenden, er ist gut, gerecht und fortschrittlich. Aber nicht der Proporz dort und dann, wo und wann er einem gerade paßt, sondern, wenn schon Proporz, dann Universal- und Geschichtsproporz. Wir verlangen den „nationalen Schlüssel“, dann nicht bloß für die Hochschulen und die akademischen Berufe, sondern für die Staats-, Landes-, Gemeindebeamten, die Offiziere und Landwirte. Und wenn ihr Antisemiten die jüdischen Leichen in den medizinischen Hörsälen vermißt, wir sind bereit, sie zu stellen: die Hunderttausende der Toten in der Ukraine und in Polen. Die Staatsbürgerschaft ist da kein Hindernis, es werden auch Ausländer seziert. Mir scheint, auf einige Zeit ist damit die „Prozentnorm der jüdischen Leichen“ erreicht. Und dann verlangen wir, daß ihr uns die Leichen „anrechnet“, die wir vorher, zwei Jahrtausende lang liefern mußten: die Juden, die ihr erschlagen, verbrannt und gemartert habt. Nur die Toten von der Zeit Chmielnickys bis zu den russischen Pogromen brauchten gezählt zu werden; sie würden für alle Sektionen dieser Zeit und der Zukunft reichen. Und Proporz heißt ferner, daß wir für jeden Juden, dem ihr einen Beruf, eine Schule oder einen Erwerb verschlossen habt, die infolgedessen in anderen Berufen, Schulen und Erwerben Überzähligen „aufrechnen“ dürfen. Und auch hier nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Geschichte. Alle jüdischen Jünglinge und Mädchen dieser und noch mancher anderen Generationen könnten dann die Hochschule besuchen. Wenn schon reglementiert werden soll, dann bitte alles und zu jeder Zeit. Zum Beispiel auch die Verbrecher. Jeder Monat Zuchthaus für nich.tjüdische Raubmörder, Totschläger und Notzüchter ist gegen die von der Kriminalistik vorgesehene höhere Monatszahl der Gefängnisstrafen unserer Betrüger, Hehler und Mädchenhändler anzurechnen — alles selbstverständlich im Prozentualverhältnis der Bevölkerungsziffern, kurz, eben in dem proportionalen Sinne des numerus clausus. Und ein schließliches Defizit an Sünden ist uns entsprechend in „Tugend“ gutzubringen, z. B. eben in der verhältnismäßigen Privilegierung jüdischer Studenten. Diese Berechnungsart ist die allein gerechte; sie genügt aber hoffentlich, das ganze Prinzip ad absurdum zu führen. Der Schlüssel also, der nicht bloß den Antisemiten für bestimmte „verjudete“ Lokalitäten, sondern der überall paßt, erschließt uns mehr, als er uns versperrt. miium M? uh c/us ers/r. 15, gegenüber der alten Jtkademie l)ie feine ~7ferren/cbneiderei f'rs/Al Stoffe Das ist auch die eine Antwort, die man den von höchster Besorgnis erfüllten jüdischen Gegnern der nationalen Minderheitsrechte geben kann. Die andere besteht in dem Hinweis, daß der numerus clausus in Ungarn bereits längst eingeführt ist und am schärfsten gerade in diesem Lande gehandhabt wird, dessen Judenschaft man am wenigsten nationaljüdische Gefühle und Postulate von allen nachsagen kann und konnte. Und daß er zuerst den gut deutsch fühlenden Prager Rektor, Prof. Steinherz, getroffen hat, diesen Vertreter einer jüdisch-deutschen Gruppe, die für die Prager deutsche Universität durch Zahl und Zahlung sehr viel bedeutet. Also auch deutsche National- und Opfergesinnung schützen vor dem numerus clausus nicht. Die. Politik der nationaljüdischen Minoritätsrechte hat also nicht viel zu wagen. Hingegen immerhin einiges zu gewinnen, wie der Minoritätenblock bei den letzten polnischen Wahlen auch neuerdings gezeigt hat. Die jüdische Diaspora-Universität, die ja keine spezifische und ausschließlich jüdische zu sein braucht, kann der numerus-clausus-Bewegung vielleicht eher ein Ende bereiten als die verstärkte Flucht in fremde Nationalitäten. Auch die Taufe ist kein Schutz, wie die Rassenrubrik der österreichischen Volkszählung beweist.“ Ein Rekord des Keren Hajessod (Bereits kurz von uns gemeldet.) London. Das Direktorium des Keren Hajessod teilt mit: „Die Einnahmen des Hauptbüros des Keren Hajessod betrugen im März über 54 000 Pfund Von dieser Summe stammen 32 000 Pfund aus. den Vereinigten Staaten von Amerika, der Rest aus 29 anderen Ländern. Dieser Rekord ist das Resultat der verstärkten Anstrengungen, die überall durch die zionistischen Führer und die Delegationen gemacht worden sind. Eine spezifizierte Statistik folgt.“ Zum ersten Male hat der Keren Hajessod eine Monatseinnahme zu verzeichnen, die das auf der Karlsbader Jahreskonferenz unter Zugrundelegung genauer Berechnungen aufgestellte Minimum der für den Aufbau notwendigen Gelder nicht nur erreicht, sondern sogar nicht unerheblich überschritten hat. Es ist selbstverständlich, daß dieses, von allen Freunden der Palästinasache als Erlösung aus einer schweren Krise empfundene Resultat, zum weitaus größten Teil durch die Gebefreudigkeit der amerikanischen Juden erzielt wurde. Dabei darf natürlich nicht vergessen werden, daß diese Gebefreudigkeit darauf zurückzuführen ist, daß Männer wie Weizmann, Sokolow, Schmarja Levin, die als die besten Repräsentanten des jüdischen Volkes gelten können, daß Menschen wie Colonel Wedgewood, der Vertreter der englischen Arbeiterpartei und einer der begeistertsten Feunde des Palästina-Gedankens, in harter Arbeit monatelang den Boden vorbereitet haben, der nun eine immerhin beträchtliche Ernte getragen hat. Ebenso selbstverständlich ist es natürlich auch, daß Deutschland in der Reihe der 28 übrigen Länder zahlenmäßig weit zurückstehen wird. Aber wir können uns immerhin sagen, daß ein großer Teil unserer Menschen nach besten Kräften dazu beigetragen hat, das große Werk zu fördern, wenn auch lange nicht das geleistet worden ist, was man trotz unserer schlechten Valutaverhältnisse von uns hätte verlangen dürfen. Wir sind weit davon entfernt, nun siegesgewiß in die Zukunft zu schauen. Rückschläge können, ja werden mit Sicherheit kommen. Aber eines zeigt uns doch diese prosaische Zahl von 54 Tausend Pfund: Der Palästina-Gedanke lebt und das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.