Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 16 (20.4.1923)
- Date
- 1923-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 16 20. Hpril 1923 10. Jahrgang Numerus clausus . Numerus clausus — noch vor wenigen Jahren eine inhaltslose Phrase, Küchenlatein, ist heute ein Schlagwort geworden, das die antisemitische Internationale beherrscht, das für die Juden in der ganzen Welt zum Teil schon bittere Wirklichkeit, zum Teil Gegenstand ernster Besorgnis geworden ist. „Numerus clausus“, „jüdische Leic h en“, „arische B ä n k e“, längst totgeglaubte Requisiten aus der Rumpelkammer des tiefsten Mittelalters, sind heute Forderungen geworden, die die Vorkämpfer einer neuen Zeit, die die Kämpfer für Wissenschaft und Bildung, die alte Professoren und junge Studenten auf ihr Panier geschrieben haben. Auch wir haben in den Spalten dieser Zeitschrift schon mehr als einmal Gelegenheit gehabt, uns eingehend mit diesem neuen Ausdruck des „Zeitgeistes“ auseinanderzusetzen. Wenn wir im Folgenden nun den Hauptteil eines von Dr. S i e g - mund Kaznelson in der „Jüdischen Rundschau“ veröffentlichten Artikel über den numerus clausus bringen, so geschieht dies nicht etwa deshalb, weil wir glauben, daß diese, aus dem ganzen Schmerze eines Mannes, der erkennen muß, welch imerhörten kulturellen Abstieg die Zeitspanne etwa von Lessing bis Dinter bedeutet, geschriebenen Zeilen auf „unsere“ bayerischen Antisemiten irgendwelchen Eindruck machen werden; im Gegenteil, wir veröffentlichen diesen Aufsatz selbst auf die Gefahr hin, daß ein „Völkischer Beobachter“, ein „Volkswille“ und wie diese Blätter, über deren kulturelle Qualitäten kein Wort verloren zu werden braucht, sich alter Tradition gemäß ausdemZusammenhang gerissene Zitate zur weiteren Verhetzung ihrer „Abnehmer“ heraussuchen. Was wir hier zeigen wollen, ist einmal, daß örtliche Lösungen in dem Stadium allgemeiner Verbundenheit des Judenhasses, in dem wir uns heute befinden, nur sehr bedingten Wert haben und vor allem aber, daß es ein grundlegender Irrtum wäre, etwa anzunehmen, daß diese neue antisemitische Parole irgendwie eine Reaktion auf die von uns vertretenen Forderungen nationaler Autonomie der jüdischen Minderheiten, auf den Zionismus bedeute. Wenn wir noch der Hoffnung Ausdruck geben, daß die Worte Kaznelsons zur Wiederbelebung eines neuerstarkten jüdischen Ehrgefühles beitragen mögen, glauben wir genug zur Einführung dieses Artikels gesagt zu haben. Li-r. „Es wäre interessant,“ schreibt Dr. Kaznelson, „von den früheren Ideologen des Antisemitismus als einer „vorübergehenden“, auf „wirtschaftlichen Ursachen“, z. B. „Konkurrenzneid“, beruhenden oder einer nur „Verhetzung“, „niedrige Gesinnung“ verratenden, evtl, als „Verirrung“ verzeihlichen Erscheinung jetzt ein neues Urteil zu hören. So ganz an der Oberfläche wird selbst eine Betrachtungsweise wie diese „Abwehr“-Mentalität heute nicht mehr haften können. Das Erstaunliche an dem Nachkriegs-Antisemitismus ist nicht bloß sein ungeheures Wachstum und seine heute kaum ein Land übergehende Geschlossenheit. England kennt jetzt den Antisemitismus ebenso wie Amerika, Italien und die anderen einst als „antisemitismusfrei“ in der jüdischen Welt hochgelobten Länder. Viel merkwürdiger ist die Einheitlichkeit der Methoden, der Ausgangspunkte, der „Infektionsherde“ und des „Krankheitsverlaufs“ dieser organischen „Reaktion“. Das ist durch die Einheitlichkeit der antisemitischen Agitation, des ihm am ehesten geneigten Milieus und die oben erwähnte vielfach schon sehr eng bestehende organisatorische Verbindung zwischen den antisemitischen Bewegungen der verschiedenen Länder nicht restlos erklärbar. Hier müssen psychische Dispositionen oder „konstitutionelle Erbanlagen“ vorhanden sein, die so stark und alt sind, daß die Haltlosigkeit der beliebten Analogie mit dem Phänomen des Deutschenhasses im Weltkrieg sogleich sichtbar wird. Es läßt sich schon gar nicht mehr zählen, dieses sich immer wiederholende Echo, das die Taten des Hochschulantisemitismus in anderen Ländern finden. Dem Leser jüdischer Zeitungen des letzten Halbjahres braucht man nur die Namen der Städte und Hochschulen ins Gedächtnis zurückrufen, um die einzelnen Etappen der antisemitischen Spezialität, die als „numerus clausus“-Bewegung ebensolche Berühmtheit erlangen dürfte wie die bis dahin ebenso unbekannten Begriffe des Pogroms und der Prozentnorm zu bezeichnen. Die Prager deutsche Universität und technische Hochschule, die Wiener Universität, technische Hochschule, Exportakademie, tierärztliche Hochschule, die Universitäten von Klausenburg, Bukarest, Krakau, Lemberg, Warschau, Kowno, Riga, Dorpat, Budapest, vorher die Harvard-Universität in Amerika und, wenn man auf glorreiche Vorkriegstraditionen zurückgreifen will, die deutschen und Schweizer Hochschulen, von den russischen zu schweigen — alles Stationen derselben Marschroute: numerus clausus nicht nur der Lern-, sondern auch der Lehrfreiheit, Beschränkung also nicht bloß der Anzahl jüdischer Studenten, sondern auch der Professoren. — Daß die Losung gerade jetzt von Prag ausging, der Hauptstadt der Tschechoslowakei, die als Nationalitätenstaat die Nachfolgerin Österreichs ist, ist nicht bloß auf die „Schmach“ zurückzuführen, daß ein wenn auch nur der Abstammung und Konfession nach jüdischer Rektor an der Spitze der einzigen deutschen Universität des Landes steht. In diesem Nationalitätenland Böhmen war das Prinzip des „numerus clausus“ etwas Wohlvertrautes. Es entspricht der Forderung der „verhältnismäßigen Beamtung“, dem berühmten „nationalen Schlüssel“ bei den Richterernennungen, die jahrzehntelang das Hauptobjekt des nationalen Kampfes gewesen waren. Es ist mit einem Wort das Prinzip der gerechten Proportionalität, des „suum cuique“, des demokratischen Ausgleichs, Proporz ist Trumpf! Proporz auf und im Tod, Proporz auf und im Leben, wie die blutigen Auseinandersetzungen von Budapest, Wien und Bukarest und die von Klausenburg wegen der ungleichen Proportion zwischen jüdischen und christlichen Leichen beweisen. Die Frage des numerus clausus in dieser tieferen Bedeutung aufzurollen, sie als Prinzip politischer und ethischer Gerechtigkeit zu würdigen und auf ihre Zusammenhänge mit der Frage der nationalen Autonomie, die erst durch sie in ihrer ganzen unendlichen Kompliziertheit, Tragweite und Schwierigkeit vielleicht erkennbar wird, hinzuweisen,