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Das jüdische Echo · 1923-04-13 · 15 (13.4.1923) · p. Seite 180

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
15 (13.4.1923)
Date
1923-04-13
Page
Seite 180 (sequence 8)
Language
German
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180 Das Jüdische Echo Nr. 15 „Es ist die Zeit gekommen, und ich werde in Bälde die Gnade haben, das Pfand dem zurückzugeben, dem alle Pfänder gehören.... Der Mensch fürchtet Seinen lieben Namen und Sein Gericht. Ich gehe aber aus der Welt ohne Unmut, voller Vertrauen zu dein barmherzigen Gott, der mich gnädig richten wird. Und ich weiß, daß ich das Pfand während der Jahre beschmutzt und1 verdorben habe ...“ Wir übergehen seine Beichte und eine Moralpredigt für die Kinder. Weiter heißt es: „Und die Füße werden immer kälter, und' die Gedanken verworrener. Und gestern stieß mir etwas Wunderliches zu: beim Lernen schlummerte ich ein, und es träumte mir, daß das Buch mir aus der Hand gefallen sei. Als ich erwachte, begriff ich sofort, daß der Traum eine tiefe Bedeutung hat und daß an midi der Ruf ergeht.... Das, was mir auf dieser Welt wirklich gehört, verlasse ich nur für eine Zeitlang; nach hundertundzwanzig Jahren wird es mir nachkommen, und Ich werde die Gnade haben, es vor dem Antlitze der göttlichen Majestät wiederzusehen. Amen, Gottes Wille geschehe! Und das, was mir nicht nachkommen wird, hat mir in Wahrheit niemals gehört, und Gott allein weiß, daß ich mich davon ohne jede Bitternis trenne. In betreff meines Vermögens verfüge ich nichts. Ich vertraue meinen Söhnen (leben sollen sie) — daß sie entweder in Frieden und Eintracht beisammenbleiben, oder die Hinterlassenschaft nach Recht und Gesetz unter sich, aufteilen werden und daß keiner den andern übervorteilen wird. Und ich verlange, daß meine Erben (leben sollen sie!), und zwar meine Frau (leben soll sie!) und meine Söhne und Schwiegersöhne (leben sollen sie!) zweimal den Zehent entrichten sollen: sofort nach meinem Tode sollen sie den ganzen Besitz, die beweglichen Sachen, alle Wechsel und auch die Darlehen, die gegen mündliches Versprechen erteilt worden sind, zusammenrechnen und einen Zehent davon für meine Rechnung und für mein Seelenheil an arme Leute verteilen. Und vom Rest, das heißt von der eigentlichen Erbschaft, sollen sie einen zweiten Zehent abziehen, so wie ich von jedem Gewinn den Zehent zu opfern pflegte, und gleichfalls an arme Leute verteilen. Und die beiden Zehente sollen sie an fremde Arme, wie oben erwähnt ist, verteilen und nicht an arme Verwandte. Sie werden schon selbst wissen, wieviel sie den armen Verwandten geben sollen, doch nicht von den Summen, die für milde Zwecke bestimmt sind. Von diesen Summen darf man selbst keinen Nutzen ziehen, denn wenn man nahen Verwandten gibt, so ist es dasselbe, wie wenn man sich selbst gibt. Und auf meinem Grabstein soll nur mein Name, der Tag meines Todes und ,Sein Andenken in Segen* stehen, und sonst nichts. Und ich bitte meine Söhne und Schwiegersöhne, sie möchten nicht ganz in den Eitelkeiten dieser Welt untergehen und nicht unbedingt danach trachten, große Kaufleute zu werden: denn je größer der Kaufmann ist. umso kleiner der Jude in ihm. Und sie sollen keine Geschäfte in der Fremde beginnen und das bißchen Geld, das ich ihnen vermache, nicht in alle vier Winde streuen. Gott hilft dort, wo er will, und sein Segen kann ebensogut auf einem kleinen wie auf einem großen Geschäft ruhen. Das will ich ganz besonders meinem teuren Sohn Jechiel einschärfen, denn ich habe bemerkt, daß er nach großen Reichtümern strebt. Und ich bitte meine Kinder, jedes Jahr vor Rosch^ Haschono einen Zehent vom ganzen Reingewinn armen Leuten zu geben. Und wenn es einmal, Gott behüte, keinen Reingewinn gibt, und selbst wenn das Jahr einmal mit einem Verlust abschließt, sollen sie auch in diesem Falle Almosen geben, denn es wird wohl nur eine göttliche Prüfung sein. Vor allen Dingen bitte ich meine Söhne und Schwiegersöhne, Tag und Nacht zu lernen und täglich mindestens ein Blatt Gemore und mindestens eine Spalte ,Rejschis-Chochmo‘ durchzunehmen. Mindestens einmal im Jahre sollen sie zum Rebben fahren. Die Frauen sollen jeden Sabbat und Feiertag im ,Kaw Hajosohor4 und ,Zeeno Ureeno* lesen. Und am Tage meiner Jahrzeit sollen die Söhne den ganzen Tag Thora lernen, und die Frauen Almosen spenden; hauptsächlich im Geheimen.“ . . . III. Als Moritz Bendetsohn (Binjomins Sohn) gestorben war, fand man einen polnisch geschriebenen Zettel folgenden Inhalts: „Ich bitte sofort nach Paris zu1 telegraphieren und mit der Beerdigung bis zur Ankunft meines Sohnes zu warten. Zehntausend Rubel vermache ich der Gemeindeverwaltung als unantastbares Kapital. Die Zinsen sind alljährlich an meinem1 Todestage an arme Leute zu verteilen. Zehntausend Rubel vermache ich dem neuen Spital zwecks Errichtung eines Bettes, doch mit der Bedingung, daß das Bett meinen Namen trage. Während der Beerdigung soll man Almosen verteilen. Man schicke Spenden in alle Talmud-Thoras; die Lehrer und die Schüler sollen meinem Leichenzuge folgen. Man bestelle einen Dajen oder sonst einen gelehrten Mann, daß er für mich den Kaddisch spreche. Der Grabstein ist nach dem beiliegenden Entwurf im Auslande zu bestellen. Die Gemeindeverwaltung soll die Aufsicht über mein Grab und den Grabstein übernehmen, wofür ihr eine gewisse Summe zur Verfügung gestellt werden soll. Die Firma soll lauten: .Moritz Bendetsohn Sohn‘.“ Das Testament schließt mit Verfügungen, die das Vermögen betreffen, einer Aufstellung der einzutreibenden Forderungen und einigen guten Ratschlägen, wie das Geschäft fortzuführen sei. IV. „Ich, .Moritz Bendetsohn Sohn4, scheide aus der Welt weder aus Freude noch aus Kummer, sondern nur aus innerer Leere. Weise war Aristoteles, welcher sagte, daß die Natur Abscheu vor der Leere habe. Eine schreckliche Maschine ist die Welt. Jedes Rädchen hat einen eigenen Zweck zu erfüllen. Und wenn es verdorben ist oder seinen Zweck schon erfüllt hat, fällt es von selbst aus der Maschine heraus und geht in nichts über.... Ich kann nicht länger leben, weil ich hier nichts mehr zu tun habe. Ich habe alles, was ich im Leben hatte erfüllen müssen, erfüllt und bin zu nichts mehr zu gebrauchen. Ich habe den Becher der Freude bis zur Neige getrunken und alles verzehrt, was mir zugemessen war. Man hat mich vieles gelehrt, nur nicht die Kunst zu leben, ohne das Leben selbst zu verzehren. Ich habe nichts auf der Welt, was mich fesselte und woran ich hinge.... Mir hat nichts gefehlt, was für mich irgend einen Wert haben könnte. Ich nahm alles ohne Sorge, ohne Bitternis und ohne Arbeit hin,, wie wenn alles allgemeines Gut wäre.... Das gilt von Sachen wie von Menschen, von Männern wie von Frauen.... Alle lächelten mir zu. und doch hatte ich keinen einzigen Freund. Alle küßten mich, und ich brauchte keine von ihnen....

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