Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 15 (13.4.1923)
- Date
- 1923-04-13
- Page
- Seite 179 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 179 einem großen Teile von Häusern, die von Juden bewohnt sind, wurden schwere Plünderungen veranstaltet. Eine große Anzahl von jüdischen Bewohnern und Passanten wurde schwer verwundet, ihre Zahl wird auf 60—80 geschätzt. Viel größer soll die Zahl der leichter Verletzten sein. Der Pogrom hatte bereits einen großen Umfang erreicht, als Militär einschritt. Nach schwerer Mühe gelang es der Infanterie und den Ulanen, im Laufe der Nacht die Ruhe herzustellen. Man befürchtet, daß der Pogrom morgen abermals fortgesetzt werden wird, umsomehr, als die nationaldemokratische Presse auf die schändlichste Art und in unverantwortlicher Weise die Massen zu Judenpogromen auffordert und hetzt. Obzwar es evident ist. daß das Urteil an Budkiewicz nur infolge der Bemühungen des Vorsitzenden des Gerichtstribunals, des polnischen Katholiken Dzierzynski zustande gekommen ist, schiebt die nationaldemokratische Presse den Juden die Vollziehung des Todesurteils an Budkiewicz in die Schuhe. Die nationaldemokratische Presse Warschau. In der gesamten nationaldemokratischen Presse hat eine neue wütende Kampagne des exzessiven Antisemitismus begonnen. Die „Gazeta Warszawska“ bringt falsche Meldungen über angebliche Judenpogrome in Rußland, um die polnische Gesellschaft vor einem neuen jüdischen Immigrantenstrom aus Rußland zu warnen. „Dwa Grosze“ widmet einen speziellen Artikel dem Interview Sokolows über die Lage der polnischen Juden. Unter anderem erklärt das genannte Blatt, es liege nicht im Interesse Polens, daß sich im Lande die Führer des kämpfenden Judentums herumtreiben, um sich mit den inneren Verhältnissen Polens bekanntzumachen und die schwachen Seiten kennen zu lernen, die sie dann zur Organisierung der jüdischen Presse gegen Polen benützen könnten. Ferner fordert die Zeitung die Juden zur Auswanderung aus Polen auf. („Wr. Mgztg.“) Rumänien Eine Regierungserklärung gegeto die antisemitische Hetze Aus B u ka r est meldet Rador: Am 6. ds. fand beim Innenminister eine Beratung in Angelegenheit der antisemitischen Unruhen statt. An derselben nahmen auch die Minister Anghelescu und Florescu teil. Die Beratung hatte ihre Ursache in Gerüchten, daß während der Osterfeiertage Unruhen in großem Umfange in Bukarest beabsichtigt seien. In einem Communique des Innenministers heißt es, es habe sich ergeben, daß diese Gerüchte unwahr seien. Die Regierung werde alle Maßnahmen ergreifen, um Ausschreitungen zu verhindern und es seien daher Selbstverteidigungsmaßnahmen der Juden vollkommen überflüssig. Die jüdische Bevölkerung möge beruhigt sein. Die Unruhen in Rumänien Exzesse in Jassy Bukarest. (Tschecho-sLow. Preßbüro.) In Jassy veranstalteten die Nationalisten Mittwoch abends antisemitische Straßendemonstrationen, worauf Kavallerie die Menge zerstreute. Einigen Gruppen gelang es, in der Nacht in das jüdische Viertel zu gelangen, wo Tausende von Fensterscheiben zertrümmert und einige Personen verwundet wurden. Mehr als 50 Personen, meistens Studenten, wurden verhaftet. Litauen Die antinationale Agudah Die Vorgänge in Litauen, wo die Regierung im Gegensatz zum Geiste der von ihr feierlich übernommenen Autonomieverpflichtung einen Assimilanten zum jüdischen Minister ernannt hat, der in keiner Weise das Vertrauen der jüdischen Öffentlichkeit genießt, wird vom „Israelit“ folgendermaßen kommentiert: „In orthodoxen Kreisen ist man von der Ernennung natürlich auch überrascht, erhofft aber doch größere Objektivität als von einem zionistischen nationalistischen jüdischen Minister und kommt dem neuen Minister mit Vertrauen entgegen.“ Dieselbe Agudah pflegt aber sehr empört zu sein, wenn man ihr vorwirft, daß sie vom wahren Geiste des Judentums weit entfernt, in Wirklichkeit nur als ein Produkt der Assimilation anzusehen ist und daß sie überdies stets mit der Assimilation die besten Beziehungen unterhalten hat. Daß diese Haltung der Agudah nur als ein Verrat am jüdischen Volkstum empfunden werden kann, bedarf wohl keiner Klarlegung. Schweiz Sabbathschulzwang für jüdische Kinder in der Schweiz Der zentrale Schulrat der Stadt Zürich hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, im neuen, April 1923 beginnenden Schuljahr, das bis jetzt den jüdischen Schülern gewährte Recht, während der schriftlichen Arbeitsstunden der Schule fernzubleiben, außer Kraft zu setzen. In der jüdischen Bevölkerung herrscht die Meinung vor, daß die Frage der Sabbathruhe in den Schulen nur auf dem Wege der Errichtung eigener jüdischer Schulen gelöst werden kann, doch stößt die Ausführung dieses Planes auf Schwierigkeiten, die vorläufig kaum überwunden werden können. III 11 IS H Pili i I Feuilleton 11 Illlli | rin Vier Geschlechter — vier Testamente*) Von J. L. Perez I. Als Reb Elieser Chaikels verschieden war, fand man unter seinem Kopfkissen einen Zettel folgenden Inhalts: „Mein Wille ist, daß die Kinder das Waldgeschäft gemeinsam betreiben. Nach meinem Tode sollen sie einen Zaun um den Friedhof machen und das Dach der Schul ausbessern lassen. Meine Bücher bekommt mein jüngster Sohn Binjomin. Meine anderen Söhne und Schwieger¬ *) Aus „Die Zeit“, Novellensammlung, übersetzt von Alexander Eliasberg. Verlag Harz, Berlin. Vorrätig in der Ewer-Buchhandlung, Wagmüllerstraße 19. söhne haben Bücher bei ihrer Verheiratung bekommen. Meine Gemahlin — leben soll sie — soll die Wohnung für sich allein behalten. Sie soll ein armes Waisenmädchen zu sich nehmen, um nicht allein zu sein. Sie soll sich selbst Kiddusch. und Hawdole machen. Sie bekommt den gleichen Teil wie die übrigen Erben. Außerdem...“ Den Rest konnte man nicht lesen. Er hatte den Zettel noch feucht unter das Kissen gesteckt, und die Zeilen waren verwischt. II. Reb Binjomin. Elieser Chaikels Sohn, faßte sich weitläufiger: