Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 12 (23.3.1923)
- Date
- 1923-03-23
- Page
- Seite 141 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Das Jüdische Echo 141 BERNHARD BAUCH Briennerstr. 8 Telephon 21541 Schäfflerstr. 3 J$ Telephon 21540 ELEGANTE PELZE Auch in der Religiosität finden wir das Stehenbleiben. Starrsein, während in der abendländischen Geschichte ungeheure Wandlungen vor sich gehen. Vom Chadi'ssismus sagt Spengler, ohne ihn als Widerspruch zu jener Lebensstufe zu empfinden, daß er etwas Gewaltiges sei in der religiösen Geschichte der arabischen Kultur, das mitten unter andersartigen Menschen verlaufend, doch von diesen so gut wie nicht bemerkt worden. Aber auch die abendländische Kultur ist der Zivilisation der Intellektualisierung und der Großstadt entgegengeeilt und damit schwinden' ihre Gegensätze zum jüdischen Consensus. Der Altersunterschied ist geringer geworden. Die abendländische Kultur wird der Intelligenz des Consensus zugänglich. Dieser ist in eine große Bewegung der Wirtsvölker hineingezogen worden, erschüttert und zersetzt. Die Aufklärung war für den faustischen Geist doch im letzten Grunde Bejahendes, für das Judentum ist es die Zerstörung. „Nicht weil die Metaphysik beider Kulturen sich näher gekommen wäre, sondern weil sie in den wurzellosen Intelligenzen der Oberschichten keine Rolle mehr spielt, ist diese magische Nation in Gefahr, mit dem Ghetto und der Religion selbst zu verschwinden.“ Der Islam hat noch Boden unter sich, aber im Judentum fehlt jeder Zusammenhang mit irgend einem Stück Land und es sieht sich der Auflösung nach der Sprengung des Ghettos auisgeliefert. Wenn wir die Spenglerschen Perspektiven des Judentums beurteilen wollen, dürfen wir uns nicht mit den kleineren Verzerrungen; und Verschiebungen befassen. Es kann sich hier nur darum handeln. einige große Linien herauszugreifen. Auch kann hier aus Raumbeschränkung nur ein Bruchteil dessen gesagt werden, was zu erörtern wäre. Wer den ersten Band gelesen hatte, dem mußte sich die Frage aufdrängen, wie es Spengler möglich sein wird, das Judentum als Erscheinungsform der „magischen“ Kulturseele darzustellen, denn gerade jene dynamischen Elemente, die die faustische Menschheit charakterisieren, finden sich in der jüdischen Religiosität — vielleicht mehr als in irgend einer anderen Religion. Spengler spricht im ersten Bande von der ethischen Dynamik des Abendlandes und nennt das „Du sollst“ die spezifisch faustische Form der Moral. Aber man empfindet unmittelbar diese Formen für die jüdische Ethik kennzeichnend, obwohl freilich andere tiefere Fassungen für sie möglich sind. Von dem „Magischen“ der arabischen Kulturseele; wie „Algebra und Alchymie, Mosaik und Arabeske, Kalifat und Moscheen, Riten und Kismet“, ist nichts für das Judentum wirklich charakteristisch. Das „Magische“ am Urchristentum, die Apokalyptik, die Sehnsucht nach einem Reich, das nicht von dieser Welt ist, jene mystische Gedankenwelt, die der Mithraskult und die frühchristliche Kirche gemeinsam haben, stand gerade in tiefbewußtem Gegensatz zum Judentum, das jener Weltbestimmung aus seinem Wesen heraus fremd war, das nicht im Gegensatz zu Person und zum Leben Jesu stand1, aber sich jenem dogmatischen, eben „christlichen“ Gedankenkreis gegenüber ablehnend verhielt. Auch der Sinn für geschichtliches Werden und für eigene Geschichte widerspricht dem magischen Kultur gef ühil in höchstem Maß. So muß es unklar bleiben, warum das Judentum eine magische Kulturseele habe (Spengler geht auf den Profetismus übrigens mit keinem Worte ein). Die Eigenart der Existenzform des jüdischen Consensus in dem Begriff des Magischen zu fassen, kann im Rahmen der Konstruktion Spenglers verständlich erscheinen, berührt aber doch nicht das Wesen des Judentums. Wohl aber zeigt die Darstellung innerhalb dieser problematischen Perspektive — ich möchte sagen — richtige Größenverhältnisse. Die eigentümliche Stellung der Juden wird unter dem, immerhin interessanten Gesichtspunkt der mangelnden „Gleichzeitigkeit“ beleuchtet. ohne daß dabei freilich etwas wesentlich Neues gebracht wird. Was an Spenglers Werk überhaupt das allgemeine Interesse erregte, war nicht die Art und die Inhalte seiner Geschichtsbetrachtung, sondern vor allem die Folgerung, die er daraus zog, die selbst die Grundstimmung seiner Geschichtsphilosophie bildet: der Untergang des Abendlandes. Es besteht eine natürliche Analogie in dem Untergang des Judentums und da dieses mit denselben Gründen freilich historisch etwas besser gestützt, profezeit wird, so kann eine Kritik zu dieser Einstellung nur im Rahmen einer Kritik zu der Untergangsphilosophie Spenglers überhaupt möglich sein. Die Tatsache des Zionismus ist Spengler nicht unbekannt. Seine Bestrebung steht natürlich im schreiendsten Widerspruch zu jener Geschichtsphilosophie. Der Daseinsstrom des Judentums ist innerlich für sie längst abgestorben. Das Schicksal des Judentums ist erfüllt und zu diesem Schicksal gehört auch die Zerstreuung, die die Existenzform der magischen Nation sein soll. Die Juden hätten, meint Spengler, ihre Heimat hundertmal zurückerobern können, wenn sie diesen Verlust als Unglück empfunden hätten und diese Rückeroberung nicht ein Widerspruch zum magischen Nationalgefühl wäre. Da muß Spengler der Zionispius freilich eine Angelegenheit „nur einer ganz geringen und geistig beschränkten Minderheit“ bedeuten, die eben den Sinn der magischen Nationen von vorneherein nicht erfaßt hat. Das Rechenxempel ist daher einfach: eine Rückkehr nach Palästina ist dem Judentum seinem magischen Wesen nach unmöglich und innerhalb Europas muß das Judentum dank der erreichten Gleichzeitigkeit zerfließen. Abgesehen davon: Ein wirkliches Neuwerden gibt es ja in keinem Kulturkreis, wie die Antike muß auch das Abendland untergeben und das an sich viel ältere Judentum hat natürlich noch viel weniger Lebensrecht mehr. Aber nun ist schon ein allgemeiner Grundirrtum Spenglers, daß die Nationen Europas verschwinden müssen, wie die Nationen der Antike, in die aus dem Norden junge Völker hineingeströmt sind, um auf dem Boden der zertrümmerten antiken Kultur eine neue aufzubauen. Ist auch die Kultur des Abendlandes, die in der mittelalterlichen Blüte ihr Höchstes schuf, zu Grunde gegangen, so besteht eben heute eine geschichtliche Notwendigkeit im selben Sinn, wie die Notwendigkeit im Untergang der antiken Völker, daß aus den Nationen des heutigen Europa jene neuen Kulturgemeinschaften entstehen, die kommen müssen, wenn Untergang des Abendlandes nicht dasselbe wiie Untergang der Welt bedeuten soll. Denn heute