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Das jüdische Echo · 1923-03-23 · 12 (23.3.1923) · p. Seite 140

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
12 (23.3.1923)
Date
1923-03-23
Page
Seite 140 (sequence 4)
Language
German
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140 Das Jüdische Echo Nr. 12 Abschrift vorstehender Eingabe wurde den Staatsministerien des Innern und der Justiz zugeleitet. Das Präsidium des Verbandes: Dr. Neumeyer-Miinchen. Oberlandesgerichtsrat Dr. Freudenth,a 1-Nürnberg. Rabbiner J.-R. Dr. H o m m e 1-Schweinfurt, Rechtsanwalt Der Herr Ministerpräsident hat die Ausführungen der Abordnung in längerer Audienz mit Interesse und Wohlwollen entgegen genommen. Die welthistorische Perspektive des Judentums Im zweiten Band des „Untergang des Abendlandes“ (Welthistorische Perspektiven) setzt sich Spengler mit dem Judentum auseinander. Diese Auseinandersetzung bewegt sich in den Bahnen, die durch die im ersten Band entwickelten Grundgedanken vorgezeichnet sind. Zwei Gesichtspunkte sind dabei wichtigste Voraussetzungen: 1. Die verschiedenen Kulturen sind in sich geschlossene Wesenheiten, die gleich organischen Gebilden, gleich Pflanzen sich zur Blüte, zur vollen Entfaltung ihres Charakters aus dem Frühling ihres Lebens erheben, um dann mit unaufhaltbarer Notwendigkeit dem winterlichen Untergang entgegenzureifen. Die Kulturen werden und vergehen unabhängig voneinander, es baut sich nicht eine spätere auf einer früheren auf, der Wesensgehalt einer Kultur geht mit den Menschen einer Kultur unter und damit gibt es in der Menschheit auch keine kontinuierliche Entwicklungslinie, keinen Fortschritt. Die einzige fruchtbare Methode der Geschichtsbetrachtung ist daher die Analogie. Die Kulturen werden auf ihren gleichartigen Lebensstufen verglichen und geschildert. 2. Es gibt drei hauptsächliche Kulturkreise: den apollinischen, den faustischen und den magischen. Apollinisch ist das Attribut der Antike, faustisch ist der Geist des Abendlandes, magisch das Wesen der arabischen Kultur. Ihr wird das Judentum zugerechnet. Spengler spricht nicht von der jüdischen Religionsgemeinschaft oder von der jüdischen Religion, sondern immer vom jüdischen „Consensus“. Consensus heißt wörtlich Übereinstimmung. Dieser Begriff, der auf alle nationalen Gruppen der magischen Kultur angewandt wird, bedeutet eine Zusammengehörigkeit, eine Gemeinschaft, deren verschiedenen Existenzformen Staat, Kirche und Nation sind, wobei der Staat nur einen kleinen sichtbaren Teil einer Einheit bildet, die letzthin eine geistige ist, die Glaubengemeinschaft aber eine Vordergrundstellung besitzt. Me uhcicis ers/r. 15, gegenüber der alten Akademie In aller Kürze streift Spengler die Werdezeit und' die „gotische“ Blütezeit des jüdischen Consensus mit den Schöpfungen religiöser Gestaltungskraft, der späten Apokalyptik, der Mischna und des Urchristentums den jüdischen Barock, wie er besonders im Bilde der Blüte der spanisch-jüdischen Glanzzeit erscheint, und wendet sich dann eingehend jenem westlichen Teil des Consensus zu, der sich um das Jahr 1000 plötzlich mitten im abendländischen Kultur kreis befindet. Nach Spengler ist das Ende in der Entwicklung aller Völker die Zivilisation und die Weltstadt. Dies war die Lebensstufe der Juden, als die abendländischen Nationen fast noch Urvöliker waren. Daher begriffen die Juden die gotische Innerlichkeit, den Dom und die Burgen nicht, die Christen nicht die überlegene Intelligenz und „das fertig ausgebildete Gelddenken“ der Juden. Während der jüdische Consensus nach Ansicht Spenglers (!) überall seine Großstädte — proletarische Ghettos — in die Flecken und Landstädte einbaute, lebte das abendländische Volk noch größtenteils auf dem Lande. Der gegenseitige Haß kam nicht aus dem Bewußtsein des Rassenunterschiedes, sondern aus dem Mangel an „Gleichzeitigkeit“. Ein anderer Gegensatz war der, daß jene jungen Völker fest in dem Boden und in der Idee des Vaterlandes wurzelten. Der jüdische Consensus aber war ein landloser, den der unbewußte Trieb des Zusammenhalts über alle Länder hinweg verband. Dieser „schweigende und selbstverständliche Zusammenhalt“ der Juden auch der heutigen unter ihren Mitbürgern ist eine Eigentümlichkeit der „magischen Nation“. Die antike Nation ist mit einer Stadt, die abendländische mit einer Landschaft innerlich verbunden, die arabische kennt weder Vaterstadt noch Muttersprache. Dieses magische Nationalgefühl mußte auf den faustischen Menschen, der den Begriff der Heimat vermißte, rätselhaft wirken. Das Eigentümliche der „alten“ Menschen ist das Vorherrschen des kalten Intellekts, der sie fähig macht, die Geschäftsmacht an sich zu reißen, wie die Juden des Abendlandes. Eine gleiche Stellung nahmen auch die Römer in der Frühzeit der magischen Kulturen ein, sie waren die „Juden“ jener Zeit. Ein Symptom des alten Menschen ist auch ihre Geschiichtslosigkeit und Spengler erblickt als am tiefsten Trennendes, daß der abendländische Mensch von den Tagen der Sachsenkaiser bis zur Gegenwart; mit starker Bewußtheit Geschichte im allerbedeutendsten Sinne erlebt hat, während der jüdische Consensus aufgehört hatte, Geschichte zu haben. Während draußen Geschichte lebendig vorüberströmt, bleibt im Ghetto und in der Seele des einzelnen alles still. Wenn der Jude an der Geschichte seines Wirtsvolkes teilnimmt, wiie 1914, so erlebt er es doch nicht als sein Geschick, sondern er nimmt Partei. Der Mensch einer fremden Kultur kann Zuschauer, Historiker sein, aber niemals Politiker, da er die Zukunft der fremden Nation nicht in sich wirken fühlt. Damit ist die politische Tätigkeit des heutigen Juden unter den Völkern von vorneherein gewertet. Für ihn sind alle Formen der anderen Kulturen, wie die faustischen Ideen des Vaterlandes, der Muttersprache, des Herrscherhauses sinnlos und lästig, weil sie ihm geschichtlich innerlich fremd sind. Er strebt nach dem seiner Natur gemäßen. Und das ist dem Wesen des landlosen und grenzenlosen Consensus entsprechend, alles Internationale, ob es sich um Sozialismus oder Pazifismus oder Kapitalismus handelt. Revolutionen sind dem Juden Abbau alles dessen, was anders ist als er.

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