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Das jüdische Echo · 1923-03-16 · 11 (16.3.1923) · p. Seite 128

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
11 (16.3.1923)
Date
1923-03-16
Page
Seite 128 (sequence 4)
Language
German
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128 Das Jüdische Echo Nr. 11 alles möglich — wie man so schön sagt, den Dingen ihren Lauf lassen? Der Reichswehrminister Geßler hat kürzlich im Reichstage das bedeutsame Wort geprägt, inan könne Idealbewegungen nicht mit dem Polizeistocke beikommen, ein zweifellos ebenso richtiger, wie gefährlicher Ausspruch. Daß eine, auf wahrhaft hohe Ziele gerichtete Bewegung, daß ein mit letztem Ernste gekämpfter Kampf sich nicht durch die Zwangsmittel der Staatsmaschine entscheiden läßt, das ist vielleicht eine der wenigen unumstößlichen Gewißheiten, die uns das Studium der Geschichte lehrt. Beweismaterial hiefür gibt es im fernen Altertum — die Entstehung des Christentums — wie in der allermodernsten Zeit — Antisozialistengesetzgebung — genug und schließlich ist ja der Umstand, daß es heute noch Juden gibt, daß es noch ein Judentum gibt, die schlagendste Widerlegung einer formal, mit dem Polizeistocke arbeitenden Unterdrückungspolitik. Insoferne hat Dr. Geßler zwar nichts Neues, aber sicherlich etwas Richtiges gesagt. Die Schwierigkeit liegt aber eben darin, zu erkennen, was eine ideale Bewegung ist, wodurch sich eine solche Idealbewegung von gewöhnlichen politischen Umtrieben und Demagogenhetzen nach außen* hin unterscheiden. Sind die Bewegungen, deren energische Bekämpfung durch die Polizei, durch: das Militär wir augenblicklich fordern. Idealbewegungen? Der Reichswehrminister ist, so möchte es fast scheinen, dieser Ansicht, denn sonst hätte er ein rechtes Wort am falschen Platz gesagt. Wir glauben aber kaum, daß diese Auffassung in allen Lagern geteilt wird. Wir sind' vielmehr der bestimmten Ansicht, daß diejenigen Verbände, deren energische Bekämpfung mit allen Machtmitteln des Staates wir verlangen, geradezu Gegensätze zu dem sind, was sie sein sollten und könnten, nämlich Ausdrucksformen einer wahren nationalen Bewegung. Denn darüber kann kein Zweifel sein, daß der nationale Gedanke ein idealer Gedanke ist, und keineswegs durch äußere Gewalt erstickt werden kann. Dies braucht in einer Zeit, wo wir lebendigen Anschauungsunterricht in dieser Sache als Zuschauer in Irland, als mehr oder weniger Beteiligte in Polen, Litauen, in der Tschecho-Slowakei usw. genießen, kaum noch im einzelnen ausgeführt zu werden. Aber wir glauben, daß man dem Schutz- und Trutzbund, den Mörderorganisationen, der Masse von Menschen, die es über sich bringen. Tag für Tag oder doch mehrmals wöchentlich den aufgelegten Unsinn in sich aufzunehmen, den ein „Völkischer Beobachter“., ein „Miesbacher Anzeiger“ und wie diese nur der Verhetzung dienenden Blätter alle heißen mögen, ihnen verzapft, /Ve uhcras ersfr. 15, gegenüber der alten Akademie weiß Gott zu viel Ehre antut, wenn man sie auch nur eines Vergleiches mit dem in Irland unter schwersten Opfern ringenden Volke würdigt. Worin besteht die positiv nationale Arbeit, die diese Verbände leisten? Etwa darin, daß sie fast ihre gesamte Arbeitskraft, den größten Teil ihrer Geldmittel für negative Zwecke ausgeben, für die Bekämpfung des „Internationalen“ Judentums, von dem sie, wenn es ihnen gerade in den Kram paßt, zugeben, daß es national sei. Oder in der Art, wie sie an die Lösung dieser Aufgabe herangehen? Daß sie wehrlose Menschen überfallen, verwunden, morden, daß sie zum* Terror der Straße greifen, obwohl kein Mensch es ihnen verwehrt, ihre Ziele so anzustreben, wie es zivilisierte Menschen tun? Wo steckt da auch nur ein Funke von Idealismus, wo kommt das erhabene Ziel zum Vorschein, dessen Erreichung unter Einsatz der ganzen Macht angestrebt werden muß? Es ist nicht zu viel behauptet, wenn wir sagen, daß eine nationale Bewegung, deren Hauptsinn der Antisemitismus ist, nicht würdig des Namens „national“ ist. Wichtige Aufgaben, so denken wir, gibt es gerade genug für den Deutschen: Aulsgleichung der sozialen Ungerechtigkeiten, Hebung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung, Bekämpfung des Alkoholismus, Förderung der Wissenschaft und der Künste, Neuorientierung der Erziehung und des Schulwesens, um nur einige Punkte herauszugreifen. Was haben die Deutschi-Nationalen auf diesen Gebieten geleistet? daß man sie der Ehre für würdig hält, eine ideale Bewegung zu propagieren? Aber noch aus einem anderen Gesichtspunkt heraus müssen wir es ab lehnen:, dem Herrn Reichs wehrminister recht zu geben. Eine wahrhaft ideale Bewegung läßt sich, wenn überhaupt, so am sichersten daran erkennen, daß ihre Anhänger Opfer und Leiden mutig und standhaft auf sich nehmen, in dem Gefühle, so gehandelt zu haben, wie Ehre und Gewissen es verlangen. So starben tausende von Christen im Altertum, zahllose Juden im Altertum, im Mittelalter und noch heute den Märtyrertod, so wanderten 1848 die freiheitlich gesinnten Studenten in Massen ins Gefängnis, so kämpften die Sozialisten für ihre Ziele. Das einzige Land, wo bisher die Anhänger der modern-antisemitischen „Idealbewegung“ auf die Probe gestellt wurden, war Rumänien. Fürwahr, ungeheuer Schweres wurde dort von den tapferen Pogromisten verlangt! Ein Jahr lang keine Vorlesung, ein Jahr lang keine Examina. Und nach wenigen Tagen ein demütiges: wir wollen es nicht mehr tun, wir wollen jetzt wieder brave Kinder sein! Solchen Helden gegenüber sollte, so meinen wir, der Staat in der Auswahl seiner Mittel nicht allzu wählerisch sein. Er bräuchte sie nicht noch durch Worte wie „Idealbewegung“ zu ermuntern und sie zum Zettelankleben und Wändebeschmieren, zum Hepp-Hepp-Rufen und Krakehlen, zur Fortsetzung ihres „Kampfes“ zu ermutigen. Wir können uns einige Herrchen denken, denen die Berührung mit dem Polizeistocke, der dann ruhig einmal aus spanischem Rohr bestehen dürfte, die Lust vertreiben würde, große Politiker zu spielen und sie wieder dem Platze zuführen würde, auf den sie gehören — der Schulbank. Li-r. Der Numerus clausus in Rumänien gefallen Eine Erklärung des Bukarester UniversitätsSenates Bukarest. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitg.“) Der Universitätssenat hat. nachdem die christliche Studentenschaft, wie bereits berichtet, durch Verzicht auf die Forderung des Numerus clausus den

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