Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-03-09 · 10 (9.3.1923) · p. Seite 117

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
10 (9.3.1923)
Date
1923-03-09
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9147640--05516-9078185
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 10 Das jüdische Echo 117 Schmach. Wenn wir den Kampf gegen unsere Feinde aufnehmen wollen, so dürfen wir nicht das Gefühl haben, daß die Waffen, die gegen uns gerichtet werden, den Angreifern von Juden in die Hand gedrückt werden. (Lebhafter Beifall.) Die Vertreter der anderen jüdischen Parteien wollten nicht mittun, weil sie fürchteten, man werde vor leeren Bänken sprechen. Selbst wenn das der Fall gewesen wäre, so wäre die Blamage nicht auf der Seite derer, die kamen, sondern derer, die zu Hause blieben. Der Besuch dieser Versammlung aber beweist, daß wertvolleErziehungsarbeit unter den Juden geleistet werden kann. Das Gefühl der Vereinsamung, das der Jude bisher immer hatte und das ihm oft als Feigheit gedeutet wird, dieses Gefühl der Vereinsamung benehmen wir den Juden; wir wollen ihnen das Gefühl geben, daß. wenn in einem einzelnen der Jude beleidigt wird, es viele Tausende gibt, die für ihn eintreten und die das Judentum nicht als Privatsache, sondern als Volkssache betrachten. Wir wollen niemanden provozieren, aber dort, wo es notwendig ist, den Juden beizubringen, daß sie auf die Straße müssen, dort führen wir sie auf die Straße. Darum müssen wir den vielen Tausenden, die gekommen sind, danken, daß sie gekommen sind; aber Sie alle müssen uns danken, daß wir sie gerufen haben! (Stürmischer Beifall.) Sodann wurde unter stürmischen Zustimmungskundgebungen der Versammlung eine Resolution, die sich energisch gegen die antisemitischen Übergriffe und gegen die Passivität der Regierung bezw. aktive Mitwirkung einiger ihrer Mitglieder wendet, angenommen. Über die mit der Veranstaltung zusammenhängenden Vorgänge hören wir noch, daß ursprünglich die Nationalsozialisten öffentlich erklärten, sich nicht um die Versammlung kümmern zu wollen. „Niemand wird die Herren volksbewußten Juden hindern; sie sollen nicht über „neue Unterdrückung“ klagen.“ Sie konnten aber schließlich ihr wahres Wesen nicht leugnen und suchten zuerst durch Beeinflußung der Behörden, dann durch Gewalt die Kundgebung zu hintertreiben. Die Polizeidirektion fragte die Regierung an, die nichts gegen die Veranstaltung einzuwenden hatte. Nachdem die Einberufer bei einer Besprechung mit der Polizeidirektion erklärt hatten, daß die Versammlung nur dann unterbleiben würde, wenn sie verboten wird, entschloß sich die Polizei, die Versammlung im Sinne der Gesetze pflichtgemäß unter vollen Schutzzunehmen. Es muß anerkannt werden, daß sich die Wiener Polizei durchaus korrekt benommen hat. — Hakenkreuzmoral Die ärztliche Mitteilung vom 10. Februar veröffentlicht einen vom „Deutschen Ärzteverein“ und vom „Leipziger Verband“ Unterzeichneten Aufruf mit folgender Aufforderung: „Lehnen wir jede Hilfe für Franzosen und Belgier ab, keinen Rat, keine Hilfe, ehe nicht die überfallenen Gebiete geräumt sind.“. Nach Pariser Meldungen erwidert die dortige Ärzteorganisation mit der Erklärung, daß sie nach wie vor jedem Deutschen die verlangte ärztliche Hilfe angedeihen lassen wird. Die deutsche Ärzteorganisation hat leider den Franzosen ein billiges Agitationsmittel in die Hand gegeben. Der Hinweis auf die Pflicht des Arztes im Kriege, Freund und Feind in gleichem Maße zu helfen, liegt nahe. Ebenso nabe liegt es, daß die „München-Augsburger-Abendzeitung“ in ihrer Nummer 63 einen Protest des Vereins sozialistischer Ärzte, unterzeichnet von dessen Vorsitzendem, Stadtirat Dr. Silberstein, mit einer Hetze gegen „die Internationalen vom Schlage eines Dr. Silberstein“, beantwortet. — Sie haben den Patriotismus gepachtet und liefern dabei dem französischen Chauvinismus Tag für Tag willkommene Vorwände. Jugendaufklftpung und. Antisemitismus Das thüringische Volksbildungsministerium läßt unter dem Titel „Republik und Jugend“ Blätter zur staatsbürgerlichen Aufklärung und Bildung verbreiten, welche der Aufklärung und deT demokratischen Erziehung der Jugend dienen sollen. Wie wir einem deutschen Blatte entnehmen, wird in Nummer 4 und 5 dieser Blätter auch zur Judenfrage Stellung genommen. Die Jugend wird darüber aufgeklärt, wie töricht und unsinnig es sei, den Juden eine ungeheure, alle Völker umspannende Verschwörung mit einer zentralen Leitung anzudichten, welche den Zweck haben soll, die ganze Welt der jüdischen Herrschaft zu unterwerfen. Die Psychologie des Antisemitismus wird in folgender Weise erörtert: „Der größte Reiz, den der Antisemitismus anzubieten hat, besteht in einer ganz außerordentlich billigen Selbstachtung. Man kann sich über Menschen erheben, sich in eine höhere menschliche Rangsklasse einordnen, lediglich auf Grund der Tatsache, daß man kein Jude ist. Es wird also nicht mehr darnach gefragt, was man ist, sondern nur darnach, was man nicht ist. Auf Grund eines bloßen Negativums wird man sozusagen etwas Positives. Das ist das seelische Taschenspielerkunststück des landläufigen Antisemitismus, mit dem er natürlich gerade die anlockt, die ein Interesse daran haben, daß nur gefragt wird, was sie nicht a/usu vtea-Atoden u./aaftej//cuyjcfv!ei(fe£el. dTterurcuf/'rcrsxe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.