Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 10 (9.3.1923)
- Date
- 1923-03-09
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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116 Das Jüdische Echo Nr. 10 bruch in die Leopoldstadt unternehmen wollten. Sie wurden jedoch von berittener Polizei daran gehindert. In der Volkshalle Unterdessen nahm die Versammlung in der Volkshalle einen völlig: ungestörten Verlauf. Die Ansprachen der Redner wurden mit leidenschaftlichem Interesse angehört und die Versammlung gab ihrem Unmut über die zügellose antisemitische Hetze und die Passivität der Regierung in lauten Entrüstungsrufen Ausdruck. Sämtliche Redner beschränkten sich auf kurze Ansprachen, welche mit stürmischer Zustimmung aufgenommen wurden. Den Vorsitz führte der Vizepräsident des Zionistischen Landeskomitees Kultusrat Dr. Isidor Schalit, welcher die Versammlung mit folgender Ansprache eröffnete: Wir wollen würdig und ruhig sagen, was jeden Juden bedrückt. Warum dieser infernalische Haß? Warum diese Untätigkeit, diese gewollte Apathie der Regierung? Haben wir in diesem Staate nicht redlich unsere Pflicht erfüllt? Der nämliche Rektor der Technik mußte feststeilen, als er die jüdische Kultusgemeinde um einen Beitrag für das Kriegsdenkmal der gefallenen Studenten anging, daß 18 Prozent der gefallenen Studenten Juden sind. Nobel- Preisträger wurde ein jüdischer Sohn der Wiener Alma mater, D r. B a r a m, und unerhört war, was jüdische Fürsorgetätigkeit, was der Joint für die Kriegsgefangenen und ihren Rücktransport geleistet haben. Wir protestieren nicht gegen die jugendlichen, verführten „Hakenkreuzler“. Sie wissen nicht, was sie tun und wozu sie mißbraucht werden. Wir wenden uns an die Regierung, fordern Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit für alle Bewohner und legen unser freimütiges Bekenntnis zu diesem Staate ab. (Stürmischer Beifall.) Gemeinderat Dr, Leopold PlaSchkes Nicht Provokation, sondern Aufklärung, nicht Angriff, fordern Warnung ist der Zweck dieser Versammlung. Unsere Abwehr wendet sich nicht bloß gegen jene, die diesen neuen Kampf gegen das Judentum begonnen haben, sondern vor allem gegen die Regierung, die geflissentlich die Mittel nicht finden will, diesem Kesseltreiben Einhalt zu tun. Dieser Staat braucht eher Ordnung und Sicherheit als irgendein Staat auf dem Erdenrund. Wie darf die Me u h aus ersfr. 15, gegenüber der alten Akademie Regierung dulden, daß derart infame Hetzplakate massenhaft kleben, daß Richter im Dienste das Hakenkreuz tragen und daß Advokaten verurteilt werden, die sich dagegen wehren? Diese Justiz schändet sich selbst. Wir verlangen von der Regierung, daß sie sich von Hakenkreuzlern säubere. Dieser Staat lebt im einem Zustand, der nicht Lösung der schwebenden schweren Krise — und nicht Auflösung ist. Die Aburteiler jüdischer Sittlichkeit mögen sich ihren Führer, den deutschnationalen, hakenkreuzlerischen Charakterriesen K. H. Wolf anschauen. Das gegen die Juden dieses Staates geübte Prinzip: Steuer zahlen und kuschen! werden wir uns nicht länger bieten lassen. Redner schließt unter stürmischer Zustimmung mit einem Appell, in die Reihen des bewußten Judentums einzutreten. Nach Ansprachen von Gemeinderat Dr. Pollack, Gemeinderat Dr. Ehrlich, Ing. Eugen Buchbinder betritt unter stürmischen Ovationen Oberbaurat Stricker die Rednertribüne und erklärt: Zu dieser Versammlung sollten nach unserm Wunsch die Juden Wiens nicht von einer Partei, sondern von Vertretern aller Richtungen in der Judenheit geladen werden. Die Zionisten haben an alle Parteien die Aufforderung gerichtet, die Judenschaft aufzurufen; die Vertreter der anderen Parteien aber haben erklärt, sie könnten nicht m i 11 u n; das taten sie nicht aus bösem Willen, sondern aus einer gewissen Denkart heraus. Sie erklärten, es sei nicht jüdisch, zu provozieren, und sie könnten nicht die Verantwortung dafür übernehmen, daß etwa etwas geschieht. Wir haben aber die Versammlung allein einberufen, weil die Gefahr einer Demoralisierung des Wiener Judentums bestand, daß wie In Budapest, die Juden sich nicht mehr trauen, auf die Straße zu gehen, die ihnen genau so gehört wie den anderen. Es liegt darin die Gefahr, daß das Wort von der jüdischen Feigheit zur Wahrheit werden könnte — und das darf nicht sein. Wenn wir durch diese Versammlung nichts anderes erwirken können, als mehreren tausend Juden das Gefühl beizubringen. daß sie ihr Recht genau so vertreten können wie alle anderen, so sind wir mit dem Erfolg zufrieden. (Lebhafter Beifall.) Der Antisemitismus, der jetzt in Wien betrieben wird, kostet viel Geld. Das Geld hierfür stammt zum Teil bestimmt aus Horthy-Ungarn, zum anderen Teil vielleicht aus München. Aber auch in Österreich selbst werden große Mittel aufgebracht. Wir erheben nun die Frage, die beantwortet werden muß: Ist jüdisches Geld dabei oder nicht? Die Hakenkreuzler und ihresgleichen gehören zu den sogenannten Ordnungsparteien. Und die Ordnungsparteien werden vom Bund der Großindustrie unterstützt Unter den Großindustriellen sind viele Juden. Wohl sind die aufgebrachten Mittel eine Art gewerkschaftlicher Schutzfonds: aber wir wollen' Aufklärung darüber haben, ob dieses Geld nicht direkt oder indirekt zur Unterstützung der antisemitischen Propaganda verwendet wurde. Die jüdischen Industriellen haben dafür Sorge zu tragen, daß sie erfahren, was mit ihrem Gelde geschieht. Bewußt kann wohl kein Jude für solche Zwecke Geld hergeben; aber es besteht der begründete Verdacht, daß es diesen Zwecken gegen das Wissen der Geber zugeführt wurde. Und da muß Aufklärung erfolgen. Hier handelt es sich nicht um Geld, sondern um die Frage: jüdische Ehre oder jüdische