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Das jüdische Echo · 1923-02-23 · 8 (23.2.1923) · p. Seite 95

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
8 (23.2.1923)
Date
1923-02-23
Page
Seite 95 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8 Das Jüdische Echo 95 In diesen Schalen werden die Tränen der Königin Esther gesammelt. — Die arme Königin! Sie weint die ganze Zeit, wenn sie über die Erde geht, und das Leid ihres geliebten Volkes sieht. Sie geht von Land zu Land — von Stadt zu Stadt — von Haus zu Haus. Aber überall das Gleiche: Kummer. und Leid, Knechtung und Verfolgung. Die Königin denkt daran, wie ihr Volk einst im Lande Palästina frei und glücklich gelebt hat, in diesem Lande, das einst ein Paradies war. Und nun? Das Land Palästina eine Wüste, die Kinder Israels verfehmt und heimatlos. Es ist ein schwerer, tränenvoller Weg, den die Königin in der Purimsnacht geht.“ „Und die Mohrenknaben?“ „Ja — ich sagte Euch: doch schon — sie fangen in ihren goldenen Schalen die Tränen der Königin auf, denn diese Tränen sind das Kostbarste, was es gibt. Einst wird aus jeder Träne ein blühender, fruchtbarer Baum erwachsen — einst, im Lande Israel.“ „Im Land Israel? Aber wann? Wann?“ Der Alte beschattet die trüben Augen. „Dann — dann — wenn die Kinder Israels wieder daheim in ihrem Lande weilen.“ „Ja, aber wann ist das? So sprich doch — sag —■ wann ist das?“ Der alte Abraham lächelt kummervoll. „Ja, wann? Vielleicht dauert es noch lange — vielleicht ist es schon bald. Hört: wenn einst eine Träne der Königin Esther in ein lebendiges Menschenherz fallen wird, dann wird ein Baum aus diesem Herzen hervorblühen, ein großer herrlicher Baum, der ganz Israel überschatten wird. Unter diesem Baum werden die Söhne Abrahams geborgen sein — dann hat die Stunde ihrer Erlösung geschlagen — sie werden heimfinden.“ Die Kinder sehen sich erstaunt, fast etwas enttäuscht an. Der Alte wird doch immer wunderlicher. Ein Baum, der aus dem Herzen eines Menschen blühen soll? Nein — das kann man nicht glauben, daß es so etwas gibt. Der kleine Josef kann an diesem Abend keinen Schlaf finden. Er muß immer an die Königin Esther denken, die ja gerade heute Nacht über die Erde wandeln soll. Der Mond fällt mit breitem Strahl hell auf das Bild der Königin. Sieht es nicht fast aus, als ob sie lebt? Hebt sie nicht die Hand? Den Fuß? Aber natürlich lebt sie. Zierlich setzt sie den Fuß im silbernen Schuh auf den goldenen Rahmen, und schreitet aus dem Bild heraus, die sechs Mohrenknaben hinterher. Und der kleinste der Knaben dreht sich um und winkt — wer könnte da widerstehen! — mit einem Satz Ist Joseph hinter dem merkwürdigen Zuge nachgesprungent. Da schreitet sie unter dem stillen, klaren Sternenhimmel, die Königin Esther — o, wie sie weint. Sie geht die stillen Straßen entlang, sie sieht in die kleinen Fenster unter den niedrigen Dächern —, und je mehr sie sieht, desto heftiger fließen ihre Tränen. — Sie haben die Landstraße verlassen, und gehen durch die Felder. Joseph spürt nicht Müdigkeit, nicht Frost, nicht Hunger — geht er denn überhaupt? Es ist fast, als ob er fliegt. Er hat alles um sich herum vergessen, er möchte nichts, als der schönen, weinenden Frau folgen. So geht die Wanderung durch Felder und Auen, durch Dörfer und Städte. So kommen sie in eine große, schimmernde Stadt. Lautlos gleitet die Königin durch die stillen Straßen. lautlos gleite sie in eins der großen Steinhäuser. Königin Esther steht in einem kleinen Zimmer. Vor ihr kniet ein Mann im dunklen, wallenden Bart. Er hat sein Haupt in ihren Händen geborgen. Ein Schluchzen erschüttert seinen Körper. Die Tränen der Königin fallen auf sein gesenktes Haupt. Aber auf einmal richtet sich der Mann hoch empor. Den Arm streckt er aus — ein Baum wächst aus seiner Hand. Es ist ein kleines Bäumchen, aber es wächst und wächst — es sprengt die Decke des Zimmers — das Dach des Hauses — ein herrlicher, riesengroßer, blühender Baum breitet sich unter dem Sternenhimmel aus. Joseph wundert sich gar nicht. Da ist ja der Baum, von dem der alte Abraham erzählt hat, der Baum, unter dem Israel Ruhe finden wird. Auch den kleinen Joseph überkommt eine tiefe Ruhe. Müde fühlt er sich auf einmal — totmüde. Er legt sich unter den blühenden Baum unter den Sternenhimmel und schläft ein.- Als Joseph auf wacht, ist es schon tief am Mittag. Der alte Kreisphysikus ist da. Er wundert sich über das hohe Fieber des Knaben, da er doch gar keine Krankheit finden kann, und brummt etwas von gehörigem Schnupfen. „Übrigens“, sagt er und reicht dem Vater eine illustrierte Zeitung hinüber, „seht mal, was ich Euch mitgebracht habe — ein Blatt aus der Hauptstadt. Seht Ihr hier den Mann, mit dem langen schwarzen Bart? Der will die Juden wieder nach Palästina zurückführen — nein — worauf die Menschen doch alles kommen!“ Das Blatt geht von Hand zu Hand. In die kleine, abgelegene Stadt war noch keine Kunde von dem großen Mann mit dem warmen, lebendigen Herzen gekommen. Erstaunte, zweifelnde, ungläubige Augen mustern den dunkelbärtigen Kopf mit den umschatteten, tiefen, dunklen Augen, die tiefer als andere Augen in das Leid der Juden gesehen haben. Josph wirft nur einen flüchtigen Blick auf das Bild Er hat ihn sofort erkannt, diesen Mann. Mit seligem Lächeln läßt er sich wieder in die Kissen zurückfallen und träumt weiter von den herrlichen Bäumen, die bald aus Königin Esthers Tränen erblühen werden — bald — bald! PORZELLAN-NIEMBLAOS MÜNCHEN TH E A TINE R S TR ASSE 9* gegenüber der FeldhtrmhaUs «BASSTE AUSWAHL KN DEBKAVCBSFBBZElilAH TÄOLICBE LAfiEBEBOÄHZBKe

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