Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 8 (23.2.1923)
- Date
- 1923-02-23
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103029-9147637--05489-9078158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
92 Das Jüdische Echo Nr. 8 keit und Frische und der Verfasser tritt zu uns in ein viel persönlicheres Verhältnis. Wir lernen auch seine persönlichen Eigenschaften viel besser kennen, als das bei einem wohl durchdachten und geordneten Memoirenwerk jemals der Fall sein kann, bei dem der Verdacht oder die Gewißheit immer vorhanden ist, daß Dichtung die Wahrheit über wiegt. Von einem sonstigen Tagebuch unterscheidet sich das Vorliegende dadurch, daß es nur Dinge enthält, die unmittelbar mit der leitenden Idee von Herzls Leben Zusammenhängen und so ein Stück Geschichte darstellt, das nicht von allerhand persönlichen, familiären, geschäftlichen Angelegenheiten unterbrochen ist, wie das bei anderen Tagebüchern der Fall zu sein pflegt. Alles, was in Herzls Tagebüchern persönlich ist, hat unmittelbare Beziehung zur Sache. In den am Anfang täglichen, später öfters etwas weiter auseinanderliegenden Eintragungen zieht eine bunte Reihe von Menschen und Ereignissen an uns vorüber. Audienzen bei Monarchen und Ministern, Redaktionsgespräche in der „Neuen Freien Presse“, die Eröffnung und Führung des 1. Zionistischen Kongresses in Basel und die Mühseligkeiten der Aufbringung einer Summe von 1000 Francs; Baron Hirsch, mit dem er die erste Unterredung über seinen Plan hatte; Nordau und Wolfsohn, seine ersten Vertreter; der Großherzog von Baden, sein gütiger Berater und Vertrauter; der deutsche Kaiser, der auf ihn einen großen Eindruck machte, dessen auf äußeren Effekt gerichtetes Wesen ihm aber nicht entging; Newlinsky, der verarmte polnische Adelige, mit dem Auftreten eines Grandseigneurs und dem zweifelhaften Ruf, der Herzl die ersten Beziehungen zum türkischen Hof verschaffte; Dr. Güdemann, der Wiener Oberrabbiner, der sich zu Herzl abwechselnd freundlich und feinlich verhielt und nachdem er ihm einige Monate zuvor erklärt hatte, daß er ihm völlig zur Verfügung stehe, eine Broschüre gegen ihn schrieb; Bacher & Benedikt, seine Brotherren bei der „Neuen Freien Presse“, deren Feuilletonredakteur er von 1896 ab war, die den Zionismus in ihrer Zeitung tot schwiegen und Herzl seine finanzielle Abhängigkeit sehr spüren ließen und noch viele andere wichtige und unwichtige Gestalten, die teils ausführlicher beleuchtet, teils aber auch nur mit einem einzigen Satz knapp und schlagend charakterisiert werden. Vieles von dem, was da gesagt und geschrieben wird, besonders das, was in die allgemeine Politik hinübergeht, wie die Unterhaltungen mit dem Kaiser und Großherzog, mit Hohenlohe, Bülow, Eulenburg und mit dem österreichischen Ministerpräsidenten von Körber, entbehren nicht des all- //euhausersfr. 15, gegenüber der alten J/kademie gemeinen politischen Interesses, obschon natürlich heute ihre Gegenstände veraltet und unwichtig geworden sind. Aber diese Dinge treten für den Leser der Tagebücher weit zurück. Auch die Daten der inneren Zionistischen Geschichte, soweit sie bis jetzt noch nicht bekannt waren, wie z. B. was der Gründung der Jüdischen Kolonialbank vorausging, sind nicht der wichtigste Teil. In den Vordergrund tritt vielmehr für den Beschauer die Gestalt des Mannes, der all das, was da - niedergelegt ist, gedacht und gefühlt, durchgekämpft und durchgelitten hat. Die überragende Größe des Politikers und Menschen Theodor Herzl tritt für den, der ihn nicht persönlich gekannt hat, aus den Tagebüchern noch viel eindrucksvoller und deutlicher entgegen, als aus seinen zionistischen Schriften. Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, welch ein bahnbrechender Gedanke es war, die radikale Lösung der Judenfrage in der Schaffung einer eigenen Heimstätte für die Juden zu suchen. Immerhin hatten diesen Gedanken schon andere gefaßt, insbesondere sind in dieser Beziehung die Gedankengänge der 1882 erschienenen „Autoemanzipationen von Pinsker“ ganz ähnlich, wenn auch Herzl keine der vorangegangenen Schriften gekannt und seinen Gedanken ganz unabhängig von seinen Vorgängern gefaßt hat. Was aber bei Herzl neu war, das war zunächst die Erkenntnis, daß die Diskussion über die Judennot und die Judenfrage nicht nur zu einer jüdischen, sondern zu einer allgemeinen Angelegenheit gemacht werden müsse, daß die Staaten an der Lösung dieser Frage ebensoviel Interesse hätten, wie die Juden selbst, und daß man die Judenheit zu einem politischen Faktor zusammenfassen müsse, der sein politisches Schicksal selbst in die Hand nehmen könne. Was aber Herzl vor allen seinen Vorgängern auszeichnet und was besonders aus diesen Tagebüchern deutlich wird, das ist, daß er den ungeheueren Mut und die Tatkraft besaß, als Einzelner zwei der schwierigsten Aufgaben iir die Hand zu nehmen, die sich überhaupt denken lassen, einmal die Zusammenfassung der nach Herkunft, Kultur und sozialer Schichtung so verschiedenen und dazu noch unter sich so uneinigen Juden zu einer einzigen, politisch aktionsfähigen Gemeinschaft und die Herbeiführung einer Einig'ung der Mächte über die Judenfrage, diese delikate und von den meisten nur mit Scheu und Widerwillen überhaupt behandelte Angelegenheit, und dazu noch die Erwerbung eines neuen Landes und der Aufbau eines neuen jüdischen Gemeinwesens in ihm. Da muß man sich klar machen: es ist nicht so erstaunlich, daß Herzl, nachdem er einmal die Notwendigkeit erkannt hatte, mit dem deutschen Kaiser und dem Sultan in Verbindung zu kommen strebte, daß er eine jüdischen Kongreß zusammenberief, uns ein Finanzinstrument für die Erwerbung des neuen Landes schuf, aber das ist das Große, daß er nach der Erfassung der Idee nicht vor dem Berg der Schwierigkeiten, die zwischen ihr und ihrer Erfüllung standen, zurückschreckte, daß er überhaupt wagte, an die Ausführung zu gehen, daß er nicht wie andere vor ihm den Plan mit einem „Unmöglich“ beiseite legte. Das bewirkte das Gefühl der Notwendigkeit, das _ in ihm unverrückbar feststand und das in ihm eine Triebkraft schuf, die gewissermaßen unabhängig von ihm wirkte und ihn zwang, auf dem einmal begriffenen Wege weiterzugehen, ob er wollte oder nicht. Wir finden öfters in den Tagebüchern Äußerungen der Müdigkeit, der Niedergeschlagenheit, ja der Verzweiflung. Wir finden Sätze, in denen Herzl den festen Entschluß ausspricht, von