Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 8 (23.2.1923)
- Date
- 1923-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jttdische Echo Kammer 8 23. Februar 1923 10. Jahrgang Theodor Herzls Tagebücher I. und II. Band* *) Ein allem Jüdischen entfremdeter jüdischer Mann lebt als Korrespondent einer großen Wiener Zeitung einsam in Paris, seinem Berufe und der Literatur. Plötzlich überfällt ihn angesichts der Sturzwelle des Antisemitismus, welche die Dreyfußaffaire hervorgebracht hat,, über Frankreich, das scheinbar so freiheitliche und gleiche gebracht hat, der Gedanke, daß es ein Aufhören des Antisemitismus nie geben werde, daß die Juden, wenn nicht eine grundstürzende Änderung in ihren Verhältnissen eintrete, auf immer dazu verdammt sein würden, inmitten einer haßerfüllten Umwelt zu leben. Und da er ein Mann der Tat war, sieht er auch gleich den Weg zur Abhilfe: die Judenfrage, die eine Weltfrage ist, muß auch eine die ganze Welt umfassende Lösung empfangen. Alle Großmächte müssen an der Lösung dieser auch ihre Völker bedrückenden Frage interessiert werden, die Juden selbst müssen sich zusammentun und im eigenen Lande einen eigenen jüdischen Staat errichten. Als der Mann diesen Gedanken gefaßt und durchgedacht hatte, ging er. der Einzelne, alsbald an die Umsetzung in die Wirklichkeit. Der für ihn so klare und selbstverständliche Plan zur Befreiung der Juden erschien ihm der Zustimmung aller, die von ihm hören würden, sicher. Es galt nur dem Baron Hirsch, den Rothschilds die Idee auseinanderzusetzen, ihre Durchführbarkeit zu zeigen, so würden diese ungeheuer reichen und als weitsichtig bekannten Leute die Ausführung selbst in die Hand nehmen und in kurzer Zeit würde das großartige Transportunternehmen, die Verpflanzung der Juden in einen neuen eigenen Boden vollendet sein. Daß die Großjuden, daß gar die zu verpflanzenden Massen selbst irgend etwas an seinem Plane, den er bis in die praktischen Einzelheiten hinein durchdacht hatte, aussetzem könnten, daß sie vor allem die Voraussetzung, daß nämlich in der Zerstreuung ihres Bleibens nicht länger sei, ablehnen könnten, das kam ihm nicht in den Sinn, dazu war er von der gegenwärtigen Not der Juden zu tief durchdrungen. Aber siehe da, die Großen lehnten ab, für philantropische Unterstützung Einzelner waren sie zu haben, aber nicht für den Satz: „W ir sind ein Volk, ein Volk“; nicht für eine Zusammenfassung und politische Leitung dieses Volkes. Da entschloß sich der Mann, seine Gedanken in die Form einer Schrift zusammenzufassen und an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie erweckte viel begeisterte Zustimmung und viel erbitterte Anfeindung. Er ging weiter und nach vieler Mühe und nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es ihm, mit Vertretern der Staaten, die er für die Durchführung seines Planes zu gewinnen hoffte, zu verhandeln als Vertreter der von ihm geschaffenen zionistischen Bewegung, als Vertreter des künftig auf eigenem Territorium vereinigten jüdischen Volkes und überall machte er durch seine mächtige Persönlichkeit einen tiefen Eindruck. Und konnte er auch bei vielen Monarchen und Ministern nicht immer soweit kommen, wie er es *) Jüdischer Verlag, Berlin. (Zu haben in der *Ewer*-Buchhandlung, München, Wagmüllerstr. 19. wünschte, so hatte er doch eines erreicht, daß nämlich zum erstenmal wieder ein politischer Vertreter des jüdischen Volkes vorhanden war, der als solcher anerkannt wurde und mit dem die Vertreter der Staaten wie von Macht zu Macht verhandelten. Daß er doch nicht weiter kam, lag zum großen Teil an dem Widerstand unter den Juden selbst, denen gegenüber sich seine Ideen vom Zionismus durchsetzen mußten. Er hatte da in einen Abgrund von Knechtsgesinnung, Kleinheit, Feigheit, Unzuverlässigkeit und Ränkesucht zu schauen. Trotzdem gelang es ihm, in allen Ländern, wo Juden wohnten, eine Bewegung aus der Erde zu stampfen, die, wenn sie auch anfangs klein war, doch stürmisch vorwärtsschritt, die finanziellen Instrumente zu schaffen, der sie eines Tages bedürfen würde, um ihr eigenes Land zu erlangen und in Besitz zu nehmen und die ständige Einrichtung des Kongresses ins Leben zu rufen, der eine Tribüne sein sollte für die Beschwerden und Ansprüche des jüdischen Volkes, eine Stelle der Beratung über die Bedürfnisse der Bewegung im Innern. Das ist in kurzen Worten, was die beiden bis jetzt erschienenen. Bände der Tagebücher Theodor Herzls, die von 1895—1900, also bis vier Jahre vor seinem Tode reichen, uns zeigen. Diese Tagebücher werden nicht nur den Zionisten angehen, den sie als Fortsetzer und Vollstrecker des Herzlichen Willens beglücken und erschüttern, wenn; er sieht, aus welch einer edlen Quelle die Bewegung floß, der er angehört, welch ein großartiges Beispiel an Hingebung und Treue ihm hier geboten wird. Sie werden jeden Juden überhaupt ergreifen, der hier das Leben eines der besten Söhne des jüdischen Volkes sich abrollen sieht, der hier einen neuen jüdischen Adelstypus erblicken muß, ja sie müßten jeden Menschen überhaupt, der im Besonderen das Allgemeine zu erkennen vermag, anziehen. denn hier ist bis ins einzelne deutlich zu sehen, wie eine neue Idee mit der Wirklichkeit in Berührung kommt und sich gegen sie durchsetzt und, wie ihrerseits wieder die Wirklichkeit ändernd und gestaltend auf die Idee selbst zurückwirkt Die Tagebücher Herzls unterscheiden sich von der üblichen politischen oder sonstigen Memoirenliteratur dadurch, daß sie nicht von der Gegenwart in eine nähere oder entferntere Vergangenheit zurückblickem und so ganz unwillkürlich die Dinge so darstellen, wie sie im gegenwärtigen Augenblick erscheinen, sondern, daß sie jeweils den Moment festhalten, der das vorangegangene Ereignis unmittelbar imter seinem frischen Eindruck notiert. So erscheint in den Tagebüchern das als wichtig, was Herzl im Augenblick des Erlebens so erschien, während sich oft aus einer späteren Eintragung ergibt, daß dem Vorkommnis nur untergeordnete Bedeutung zukam und umgekehrt; ein guter oder schlechter Eindruck, den Herzl von einer Person oder Angelegenheit empfängt und unmittelbar einträgt, muß oft kurz darauf als unrichtig widerrufen werden; ein grammatischer Fehler im Französischen, der in einem zwei Tage zuvor abgesandten und eingetragenen Briefe gemacht wurde, wird bemerkt und beschämt berichtigt, gerade dadurch aber gewinnen die Tagebücher an Eindruck der Lebendig-