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Das jüdische Echo · 1923-02-16 · 7 (16.2.1923) · p. Seite 83

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
7 (16.2.1923)
Date
1923-02-16
Page
Seite 83 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 Das Jüdische Echo 83 « 01 ■ m ■ i ■ ■ | Feuilleton i || II 11111 lllllll ■ Die erste jüdische Republik (Nach den getreuliehen Schilderungen eines Augenzeugen) Novelle von Schalom Alechem Erschienen bei Oesterheld & Co., Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. (Fortsetzung.) Dreizehn Vereinigte Staaten Wer die Kulturgeschichte kennt und weiß, wie die menschliche Gesellschaft sich entwickelt, der wird sich über uns, die dreizehn Robinsons auf der „Dreizehninsel“, nicht wundern, es vielmehr begreifen, daß wir den Wunsch hatten, unser Hab und Gut einzuteilen. Unsere Urahnen haben es auch so gemacht. Früher, als sie noch Nomaden waren und das Vieh weideten, zogen sie mit ihren Schafen und Rindern frank und frei über Felder und Wälder. Doch später, als sie sich fest auf dem Land niederließen und anfingen, den Acker zu bebauen, da begann Streit und Zank, Kampf und Krieg, und das Blut floß in Bächen. Jeder wollte soviel wie möglich an sich reißen, wer stärker war, der siegte... Auch wir dreizehn Robinsons waren früher Nomaden, weideten das Vieh — die Ziegen — auf dem Berg, lebten von Bananen und Nüssen, die auf den Bäumen wachsen, und waren zufrieden. Doch später, als wir dieses Lebens überdrüssig waren, begannen wir an eine feste Niederlassung und an die Kolonisation unseres Landgebiets zu denken; wir beschlossen, das Land, den Wald, die Bäume, das Vieh und das übrige Hab und Gut unter uns einzuteilen. Der Unterschied bestand nur darin, daß unsere Urahnen dies mit Gewalt mit Krieg und Blutvergießen taten, während es sich bei uns Gott sei Dank ohne Krieg, ohne Kampf und ohne Zank vollzog. Kein Tropfen Blut wurde vergossen, es gab weder Verdruß, noch Neid und keine Feindseligkeiten, — das Land wurde auch nicht ausgeknobelt, wie Moses verkündet hatte. Kein Wunder, daß es bei uns ruhig zuging: wir hatten alles im Überfluß und brauchten so wenig zu arbeiten, daß es keinen Grund zum Streit gab. Jeder einzige von uns wählte sich ein Stück Berg, seine Bäume, seine Bananen, seine Nüsse, seine Blumen und seine Ziegen. Auf diese Weise war jeder sein eigener Herr und verfügte über alles was er brauchte, wie ein Fürst... Dreizehn Kolonisten — dreizehn Fürsten! Wir waren wirklich zufrieden. Als wir zusammenlebten, freuten wir uns über nichts. Erst nachdem wir uns getrennt hatten, wurde uns alles lieb und teuer. Jeder liebte seine eigene Kolonie, sein Gebiet, sein Stückchen Wald, seine Bäume, seine Ziegen, seine Höhle; so mancher empfand es angenehm, daß er seine eigenen Bananen aß, seine eigenen Nüsse knackte, seine „eigene“ Milch von seinen eigenen Ziegen trank... Denn im Eigentum liegt ein besonderes Wohlgefühl. Mag der Sozialist dazu sagen, was er will... Ich hatte Zeit genug, mich und meine Kameraden, sämtliche Robinsons auf der Dreizehninsel, zu beobachten und eines jeden Charakter mit den guten imd schlechten Eigenschaften zu studieren. Dabei fiel mir etwas Sonderbares auf: der sogenannte Sozialist, der das Eigentum leugnete, der Eigentum Raub nannte, — gerade er vergaß seine kommunistischen Ideen, sobald es einmal vorkam. daß jemand sich in sein Baumgebiet verirrte; er vergalt es ihm und warnte schimpfend vor der Gewohnheit, in fremde Taschen zu kriechen! Ja. liebe Freunde, Theorie und Praxis sind zwei sehr verschiedene Dinge. Den besten Beweis habe ich an mir selbst. So verfechte ich theoretisch den Vegetarismus und bekämpfe den Fleischgenuß. Es gibt doch kaum etwas Gräßlicheres, als ein Huhn, ein unschuldiges Tierchen mit dem Messer zu schlachten, in Stücke zu schneiden, in den Topf zu legen, auf dem Feuer zu kochen und nachher zu fressen! Wenn ich das tue, wie unterscheide ich mich von einem wilden Tier oder einem wilden Menschen? Bin ich besser, weil ich das Fleisch gekocht statt roh esse? ... Wir dreizehn Robinsons waren insofern Vegetarianer, weil wir gelobten, weder Fisch, noch Fleisch, noch sonst irgendeine Tierspeise zu genießen, wenn es uns einmal besser gehen würde. Ach. wie sehnten wir uns manchmal nach einem Rinderbraten mit Kartoffeln! Nach einem Stückchen pikant gefüllten Fisch! Nach einem Kotelett, einer Suppe, einem Ei. einer Sardelle! Wir mußten zugeben, daß wir die Bananen, die Ziegenmilch und die Nüsse gern für ein Stückchen Brot mit Knoblauch oder für eine Zwiebel mit Schmalz hingegeben hätten! Der Mensch ist schwach ... Doch das waren nur Träume. Wir dreizehn Robinsons waren von der übrigen Welt durch das große, stürmische Meer getrennt. Wir mußten uns mit dem begnügen, was wir hatten, und uns all die Jahre, die uns noch beschieden waren, hier zu verbringen, mit Bananen, Nüssen und Ziegenmilch zufriedengeben. Damit die Zeit uns nicht lang werde und um unser Elend zu vergessen, vertieften wir uns in alle kleinen Geschehnisse unseres Lebens, jeder auf seinem kleinen Gebiet, jeder in seine kleinen Interessen, die er aber auch schützen und wahren wollte. Wir versammelten uns jeden Tag zu einer bestimmten Stunde an einem bestimmten Platz, und zwar auf einem abseits gelegenen Hügel, unter einem großen Baum. Auf dem Boden — Blumen, vor unseren Augen — das ewige, schaurige Meer mit den unermüdlich rauschenden Wellen, die uns höhnend daran gemahnten, daß jeder von uns jenseits des Meeres ein Heim und Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern. Freunde und Bekannte hatte, die sich nach uns sehnten oder uns auch vielleicht schon vergessen hatten... Wir nannten unsere Versammlung den „politischen Klub“, obwohl wir uns nur trafen, um zu plaudern und das schaurige, uralte Meer anzuschauen. Wir horchten, wie es rauschte, wie die Wellen sangen, und wir erzählten einander zum hundertsten Mal unseren Lebenslauf; wir nannten die Namen aller Familienangehörigen, schilderten das Aussehen, den Charakter und die Eigentümlichkeiten jedes einzelnen so genau und so oft, daß wir mit allem vertraut waren, was jeden einzigen betraf. Allmählich begannen wir uns über unsere gegenwärtige Lage zu unterhalten und auf Mittel zu sinnen, wie wir unser Leben nach allen Richtungen hin — politisch, wirtschaftlich und sozial — gestalten sollten, damit jeder für sich unabhängig leben und wir dennoch eine gemeinsame Familie, eine Macht darstellen könnten, um für den Fall eines Überfalles von wilden Menschen oder wilden Tieren gewappnet zu sein. Jeder führte seine Idee aus, — wie immer, entspann sich eine heiße Debatte. Dreizehn Kolonisten — dreizehn Ideen.

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