Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 7 (16.2.1923)
- Date
- 1923-02-16
- Page
- Seite 84 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Das Jüdische Echo Nr. 7 Der Kapitalist trat wie gewöhnlich zuerst mit seinem Vorschlag hervor. Der Geist des Kapitalismus hat die ganze Welt so stark mit seinen eisernen Händen umklammert, daß ein Einfluß sich auch auf unserer abgeschiedenen Insel geltend machte. Manchmal erhob der Sozialist Widerspruch, indem er in seiner, mit russischen Worten durchsetzten Mundart saete: „Mit welchem Recht habt Ihr Euch ohne weiteres zum Vorsitzenden ernannt?“ Der Kapitalist, ein stiller, friedfertiger Mann, betrachtete den Sozialisten lächelnd, räumte ihm seinen Platz ein und sagte mit ausgesuchter Höflichkeit zu ihm: „Bitte, seid Ihr Vorsitzender!“ Das machte auf uns alle einen so guten Eindruck, daß wir mit Ausnahme des Sozialisten den Kapitalisten baten, das Amt eines Vorsitzenden zu behalten. Er blieb, unserem Wunsch gemäß, an seinem Platz. Sein Vorschlag war eine Art bürgerliche Konstitution. Wir sollten einen Staat von dreizehn Provinzen bilden, die von einem zu wählenden Präsidenten regiert würden. Der Präsident hätte als Gebieter des Volkes über die Kolonisten zu bestimmen, für ihre Interessen zu sorgen, ihre Klagen anzuhören und nach bestem Wissen und Gewissen über sie zu richten. Da hielt es den Sozialisten nicht länger, er sprang, wie mit heißem Wasser begossen, auf und begann mit Worten um sich zu werfen, wie „Autokratie“, „Absolutismus“, „Selbstherrschaft“... „Wenn es eine Regierung geben soll, so muß auch ein König gewählt werden,“ versetzte der orthodoxe Litauer. „In der Bibel steht geschrieben: Du sollst dir einen König wählen...“ „Damit man an Festtagen das Gebet für die kaiserliche Familie sagen kann,“ bemerkte scherzend einer der Intelligenten, wahrscheinlich der Zionist, dem der Orthodoxe entgegnete: „Unsere Weisen hießen uns für das Königshaus beten ... Ohne Furcht vor der Regierung würden die Menschen einander auffressen...“ Die letzten Worte riefen allgemein Hohn hervor. Sogar der Proletarier blickte den Orthodoxen mit feindlichen Blicken an. Außer den Orthodoxen gab es wohl niemand, der eine Monarchie gewünscht hätte. Hierauf trat der Atheist aus Amerika hervor und schlug vor, die dreizehn selbständigen Kolonien, in denen jeder Kolonist Selbstherrscher wäre, zu vereinigen, wie in den „United States of America“ und einen Präsidenten zu wählen, der alle vier Jahre neu gewählt werden sollte. Er würde den Titel tragen: „The President of the United States of the first Jewish Republic of the Thirtenisland of Israel“. „Wundervoll!“ rief der Idealist. „Ich habe schon immer von einer jüdischen Republik geträumt!“ „Höchst unpraktisch!“ unterbrach der Materialist. „Da würde 'man ja die meiste Zeit damit zubringen, den Namen niederzuschreiben. Denkt einmal: The President of the United.. Das ist ja eine endlose Litanei!“ „Erlauben Sie außerdem!“ mischte sich die Frau ein. „Warum sollen wir denn Amerika nachahmen? Soviel ich weiß, ist Paris tonangebend, alle neuesten Moden kommen von Paris. Ist die französische oder die Schweizer Republik nicht ebenso gut? Ich war erst voriges Jahr in der Schweiz ... mit meinem seligen Mann ... überall waren wir... in Zürich, Montreux, Interlaken, wir haben den Montblanc gesehen... Ich glaube, es gibt nicht noch einmal solch ein Land, wie die Schweiz. Auch Nizza ist ein hübsches Städtchen ... und in Monte Carlo gibt es auch eine Menge zu sehen, aber wenn man gut und billig leben will, soll man nur nach der Schweiz reisen. Erstens gibt es dort ausgezeichnete Milch für zwei Centimes...“ „Mille pardon, madame,“ entschuldigte sich der Kapitalist vor der Frau, „es handelt sich nicht darum, in welchem Land wir uns niederlassen sollen, sondern nach welchem Vorbild wir auf unserer Insel einen Staat gründen sollen.“ Die Frau wurde feuerrot, weil sie fühlte, daß ihre Zunge wie ein zügelloses Pferd, der Teufel weiß wohin, durchgegangen war. Trotz ihrer modernen Anschauungen und ihres männlichen Benehmens blieb sie eben eine Frau. „Entschuldigen Sie, meine Herren,“ fügte sie noch hinzu, „wenn ich von der Schweiz spreche, muß ich immer an meinen seligen Mann denken ... ich wollte nur sagen, daß mir eine föderative Republik besser gefällt...“ „Und mir gefallen weder die Vereinigten Staaten in Amerika, noch die föderative Republik in der Schweiz,“ sagte der Nationalist, „weil das nationale Element fehlt... Der Name muß national gefärbt sein... muß jüdisch klingen!“ „Also nennen wir die Insel nach Dr. Herzl!“ rief der Zionist. „Warum nicht Zangwill?“ entgegnete der Territorialist. „Herzl ist tot, Zangwill lebt ja noch!“ „Was möchten Sie? Daß Zangwill auch stirbt? Was hat er ihnen denn getan?...“ „Wer sagt denn, daß er sterben soll? Meinetwegen soll er bis 120 Jahre leben!“ „Wenn Sie es mir nicht übelnehmen,“ begann der Proletarier, der inzwischen Nüsse und Bananen für die ganze Gesellschaft vorbereitet hatte, „möchte ich auch meine Meinung sagen. Ich bin zwar ein einfacher Mann, aber mir scheint es richtig, die Insel nach niemand zu benennen. Sie sollte einfach „Die jüdische Republik“ oder „Die erste jüdische Republik der dreizehn vereinigten Staaten“ heißen.“ Der Vorschlag des Proletariers rief einen allgemeinen Beifallssturm hervor. Der Sozialist sprang vor Begeisterung, weil wir keine Monarchie werden sollten, auf einen Stein und donnerte in seiner halb russischen Mundart: „Bratja! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Republik! Es lebe das Proletariat! Ruft: Hurra!“ „Hurra!“ riefen wir alle. Dann setzten wir uns — die dreizehn zukünftigen Präsidenten der dreizehn vereinigten Staaten — an den Tisch und begannen mit großem Appetit die süßen Bananen, die fetten Nüsse und die frische Ziegenmilch zu verzehren, die der Proletarier vorbereitet hatte. Wir sprachen von der Zukunft unserer Republik und von den Statuten und Gesetzen, die ausgearbeitet werden mußten. Jemand berührte die Präsidentenfrage. Alle Augen richteten sich unwillkürlich auf den Millionär. Als er die Blicke auf sich ruhen fühlte, richtete er sich auf, um etwas zu sagen. Doch der Sozialist, der stets gegen den Kapitalismus opponierte, kam ihm zuvor: „Ich verstehe nicht, was diese Blicke zu bedeuten haben,“ sagte er halb russisch. „Wir werden, wie es in allen fortschrittlichen Staaten geschieht. Wahlen bestimmen und den Präsidenten mit Stimmenmehrheit wählen!“ Wir wählten also einen Präsidenten! (Fortsetzung folgt.)