Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 6 (9.2.1923)
- Date
- 1923-02-09
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 71 BERNHARD BAUCH Schäfflerstr. 3/5 Briennerstr. 8 Telephon 21540 Telephon 21541 ELEGANTE PELZE „Ach! Diese Lyrik und Sentimentalität!“ rief der Territorialist. „Mit eurer Trauer um das armselige, hinterbliebene Reich Israels und der Verherrlichung des heiligen Landes unserer Ahnen werdet ihr nichts ausrichten! Ein Reich Israel gibt es nur auf dem Papier, in alten Büchern, in Wirklichkeit gehört es anderen. Während ihr Lieder verfaßt, wird sich der arme Jude in der Verbannung unter fremden Völkern herumtreiben, die von ihm nichts wissen wollen. Seht euch doch einmal um, was in der Welt, — in Rußland, Rumänien, Marokko und anderen zivilisierten Ländern vorgeht!... Nein, der armselige Jude kann nicht länger warten! Er muß Land fordern! Gebt ihm ein Land! Ein Stückchen Erde! Ein winziges Eckchen, wenn es nur sein eigenes ist! Wo er nicht geschlagen, gejagt und verfolgt wird! Dort soll unser Reich Israel sein!“ „Wie es im Talmud steht,“ versetzte der Orthodoxe, „das Reich Israel ist bereit, es soll sich über alle Länder ausdehnen!“ „Das ist unsere Mission,“ bestätigte der Assimilant. ein Jude aus dem Innern Polens, ein Pole mosaischen Glaubens, mit einem Bart ä la Mierzwinski (dem berühmten Tenor), „wir Israeliten müssen uns unter die anderen Völker mischen, uns verständigen, in ihnen aufgehen und sie zu dem wahren Fortschritt führen . . „Uns unter sie mischen?“ fragte der Nationalist, ein russischer Jude, und blickte die andern an, als wollte er sagen: „Warum schweigt ihr?... Er predigt ja, daß wir uns mit den anderen Völkern vermischen sollen ... Darum sollen wir uns viele Jahrhunderte hindurch geplagt haben, darum wurden wir von Land zu Land getrieben, von Volk zu Volk verjagt . . . Lohnte es sich, die Inquisitionen aller Länder zu ertragen, auf dem Feuer sämtlicher Autodafes zu brennen, überall das Opferlamm für fremde Sünden zu sein, um uns schließlich im Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit den Völkern zu vermischen? Unsere Nationalstandarte aus den Händen zu geben?! Unsere Nationaltracht abzulegen? Den Namen „Juden“ auszumerzen? Also im Alter Selbstmord begehen? Weshalb kommt ihr uns mit allegorischen Weisheiten und verblümten Redensarten?! Dann tretet lieber öffentlich hervor und sagt wie die Missionare: „Bespritzt euch mit Wasser, dann seid ihr alle Sorgen los!“ oder noch einfacher: „Laßt euch taufen, Juden, damit es ein Ende hat! Verdammte Sache!“ „Gott bewahre! Gott behüte!“ versetzte der Orthodoxe mit einem tiefen Seufzer. „Der Allmächtige schütze uns davor.“ Da erhob sich der Sozialist, ein russisch-jüdischer Student in schwarzer Bluse. In seiner mit russischen Worten durchsetzten Sprache sagte er. daß es sich weder um Religion, noch um Nationalität handle. „Es handelt sich vielmehr um die Lösung der sozialen Frage der Kolonisation einer Insel, bei der Gründung einer Stadt nach dem alten Gesetz und Recht, das auf dem Prinzip des Eigentums aufgebaut ist . . .“ Der Sozialist bekämpfte mit scharfen, heißen Worten den Kapitalisten und dessen Eigentumstheorien... Er wollte, obgleich er kein Anarchist war, nachweisen, daß Eigentum Raub sei. „Fortschritt, der auf Raub beruht, ist ist aber kein Fortschritt! Nieder mit dem Eigentum! Es lebe der Sozialismus! Hurra!“ „Sehr richtig!“ rief der Orthodoxe. „Denn so heißt es im Talmud: Mir Silber, mir auch Gold — alles gehört mir — sagte Gott.“ Da jetzt alle durcheinander schrien, erhob ich mich und sagte, da die Kolonisationsfrage nun lange genug erörtert worden sei. müsse man zur Abstimmung schreiten: „Wer für die Kolonisation ist, der hebe die Hände in die Höhe!“ Bei dieser Gelegenheit stießen wir auf die Frauenfrage, die neue Meinungsverschiedenheiten hervorrief. Während einige nur den Männern das Recht der Abstimmung zuerkannten, verteidigten andere das Recht der Frau. Vor allem trat der Atheist, der früher amerikanischer Bürger war, für die Frau ein. .„Ladies und Gentlemen!“ begann er seinen Speech in ausführlicher, amerikanischer Art. „In keinem anderen Land sind die Frauen so gleichberechtigt, wie bei uns in den „United States of America“. In manchen Orten sind sie an allen „business“ beteiligt... Ladies first — heißt es bei uns in allen Klassen der Gesellschaft. Frauenehre ist bei uns das erste Gebot! Ich kann, euch ein Ereignis erzählen — es ist kein „bluff“, sondern eine geschichtliche Begebenheit aus den United States of America“. Es war im Jahre 1851 ... Wer nicht zuhören will, kann gehen. Soll ich erzählen oder nicht?“ „Erzählt! Erzählt!“ „Im Jahre 1851. im Monat Juli, in der größten Hitze, versammelten sich in Washington mehr als hunderttausend Frauen, die für die Gleichberechtigung der Frauen arbeiteten. Sie erörterten viele Tausende von Vorschlägen für neue „coughts“ für Ladies, die sich nur wenig von den Männerkleidern unterscheiden sollten. Die Vorschläge hatten die besten Damenschneider der „United States of America“ herausgegeben. Nur ein einziges „cought“ drang durch, und zwar war diese Tracht nicht von einer „Lady“, sondern einem „Gentleman“ erdacht, und nicht von einem Schneider, sondern einem „Butcher“. Sie bestand aus einem „Pidjack“ das ihr „Jackett“ nennt und einem Paar breiten „Pents“ die man bei euch Europäern, excuse, „Hosen“ nennt. Diese Tracht wurde besonders von der Herausgeberin der Zeitschrift „Lilly“, einer gewissen Amely Bloom, einer Verfechterin der Reformkleidung, gepriesen. Aber die ,JBloomers“ hatten kein langes Leben, die Männer, besonders die Heuchler, die sogenannten Moralisten, erhoben einen wahren Sturm gegen die Frauenhosen und belegten sie mit dem Fluch. Die Frauen, die in breiten Hosen gingen, wurden auf den Straßen gelyncht, und der „President der United States of America“ mußte einen Erlaß herausgeben, daß sämtliche emanzipierten Frauen die Hosen ablegen müßten ...“ „Ich muß sie darauf aufmerksam machen, Mister, daß ein Gentleman sich in Gegenwart einer Dame anständiger ausdrücken würde,“ sagte der Kapitalist, der sich zum Präsidenten unserer Sitzungen ernannt hatte. Der amerikanische Atheist errötete bis über die Ohren und ärgerte sich, daß er an der interessantesten Stelle unterbrochen wurde. „All right! Ladies und gentlemen!“ fuhr er fort... „Ich könnte euch noch eine Menge Beispiele aus der Geschichte der „United States of America“ anführen, um euch zu überzeugen, in wie hohem Ansehen die Frau bei uns steht, aber da mich der