Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 6 (9.2.1923)
- Date
- 1923-02-09
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Das Jüdische Echo M .. 6 . 1! SI ii 1 1 m i im | Feuilleton || III | i um in IIB ■II Die erste jüdische Republik (Nach den getreulichen Schilderungen eines Augenzeugen) Novelle von Schalom Alechem Erschienen bei Oesterheld & Co., Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. (Fortsetzung.) Dreizehn Kolonien Man kann sich also leicht vorstellen, was für ein Leben wir jetzt führten, seitdem sich jeder von uns in seiner eigenen Höhle, auf seinem eigenen Gebiet niederließ. Dreizehn Personen — dreizehn Gebiete. Das größte Territorium fiel dem Kapitalisten zu. Der Millionär war gewöhnt, breit und bequem zu wohnen, — wie er behauptete. Es war nicht seine Schuld — meinte er —, man hatte ihn von Kindheit an so erzogen und an breite, große, helle Wohnräume gewöhnt. Das kleinste Gebiet fiel dem Proletarier zu. Wann saß er denn in seiner Höhle? Er arbeitete ja vom frühen Morgen bis in die späte Nacht... Was lag daran, wo er die paar Stunden in der Nacht schlief? ... „Ich habe zu Hause auch nicht besser geschlafen,“ sagte er. Seine Arbeit bestand darin, alles sauber zu halten. Während er früher nur für eine Höhle zu sorgen hatte, mußte er jetzt für dreizehn sorgen. Dreizehn Höhlen kehren, am Tage mit Sand ausstreuen, zur Nacht mit Gras ausbetten und den verschiedenen Gewohnheiten dabei gerecht werden. Ein Glück, daß es einen gemeinsamen Tisch gab! Es fehlte nicht viel, so hätten wir auch dreizehn besondere Tische gehabt!... Aber nach langen, erbitterten Debatten beschlossen wir, das Eßzimmer in freier Natur, auf Gottes Erde, unter Gottes Himmel beizubehalten. Es war auch der geeignetste Treffpunkt, an dem wir uns des Morgens, Mittags und Abends sahen. Dabei stellte sich etwas Merkwürdiges heraus! So lange wir zu dreizehn ein gemeinsames Gebiet bewohnten, hatten wir füreinander eine feindselige Empfindung; sobald wir uns getrennt und uns einzeln auf eigenem Gebiet niedergelassen hatten, begannen wir uns nacheinander zu sehnen. Wir konnten kaum die Zeit erwarten, da wir uns an dem gemeinsamen Tisch versammelten. Wir rückten zusammen, plauderten, stritten, zankten, schimpften, sagten einander Bosheiten und Grobheiten und versöhnten uns wieder. Das wiederholte sich jeden Tag, bis wir auch daran keinen Gefallen mehr fanden und nach langem Debattieren beschlossen, unsere Insel in Kolonien einzuteilen. Dreizehn Personen — dreizehn Kolonien. Der erste, der die Frage der Kolonisation und der Einteilung des Eigentums erhob, war der Kapitalist. Er behauptete aus eigener Erfahrung, daß wir uns erst dann auf unserer Insel wohlfühlen würden, wenn wir wüßten, daß jeder von uns seinen eigenen Winkel, sein eigenes Stückchen Erde, sein eigenes Stück Wald, sein eigenes Vieh —• er meinte die Ziegen — haben würde. „Mit einem Wort,“ sagte der Kapitalist, „Eigentum ist das perpetuum mobile, das die ganze Weltmaschine in Bewegung setzt. Ohne Eigentum ist kein Fortschritt möglich.“ „Sie haben recht,“ versetzte der Orthodoxe, ein litauischer Jude von den „Litwaks“ mit dichten Schläfenlocken und langen Bärten. „Nach unseren Talmudgelehrten muß jeder Mensch für das Fortbestehen der Welt sorgen. Jeder Jude muß ein Haus bauen, einen Garten pflanzen, eine Wirtschaft gründen. Das haben wir schon' bei unserem Ahnen Noah gesehen ...“ Der Orthodoxe zitierte einen Spruch nach dem andern, bis der Atheist endlich aufsprang und ihn mit allen seinen Zitaten und Beispielen schlug, indem er behauptete, daß er vom Gesichtspunkt der Bequemlichkeit zum Kapitalisten halte. „Der Mensch ist auf Erden geboren, er muß sich also auf Erden häuslich einrichten.“ „Sehr richtig ... Von Erde bist du ...“ bemerkte der Orthodoxe. Der Streit setzte sich zwischen dem Idealisten und dem Materialisten fort. Beide hielten zum Kapitalisten, der Idealist vom idealistischen, der Materialist vom materialistischen Standpunkt. Nach ihnen ergriffen zwei junge, intelligente Hitzköpfe, der Zionist und der Territorialist, das Wort. „Darf ich ein Wort sagen,“ begann der Zionist, „wenn ich nicht irre, ist hier von Ansiedlung die Rede. Ich verstehe nicht, wieso Juden von einem andern Land als Palästina reden können? Warum spricht man von einem An siedlungsort und nicht vom Lande Israels? Wie können sich Juden in einem fremden Land kolonisieren, während das Land unserer Väter bald zweitausend Jahre verlassen ist, wie eine Witwe, und auf uns wartet, wie eine Mutter auf ihre Kinder, die in langer, finsterer Verbannung verwaist und in alle vier Winde der Welt verstreut und verweht sind!“ „Wie es im Talmud heißt... Die Mutter Rahel beweint ihre Kinder...“ bemerkte der Orthodoxe. «att» PORZELLlir-NIEDBBUCIB MÜNCHEN THEATINERSTRASSE ti gegenüber der FeldhermkmU* «BÖSSTB ACSWAIL IN 6KBBAUOlBrVBZEliIiAI TÄCtlilCHJB KÖÄSZIII«6