Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 6 (9.2.1923)
- Date
- 1923-02-09
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Das Jüdische Echo Nr. 6 Herr Dr. Majerczik ging dann zu einer kurzen Darstellung der Lage der jüdischen Landwirtschaft über. Er unterschied zwischen Pflanzungs- und Ackerbaukolonien. Die Pflanzungs kolonien, die in der Hauptsache Orangen. Zitronen und Mandeln produzieren, sind die älteren Ansiedlungen. Sie liegen größtenteils im Bezirke Jaffa, von wo sie in ganz kurzer Zeit zu erreichen sind. Ihre Produkte, besonders die Orangen, genießen Weltruf und haben in England trotz der Unterbietung durch die italienische Konkurrenz einen festen Markt. Für die zukünftige Entwicklung einer nationalen jüdischen Heimstätte dagegen haben diese Siedlungen trotz ihres relativ hohen äußeren Wohlstandes wenig beigetragen, weil ein großer Teil der heranwachsenden Generation dieser Kolonien nicht recht bodenständig geworden ist, sondern das Land teils verlassen hat. teils auigehört hat, es mit eigener Kraft zu bearbeiten. Die Kolonien beschäftigen in großem Ausmaße arabische Kräfte. Es ist sogar schon vorgekommen, daß jüdische Kolonisten ihren gesamten Boden an Araber gegen Gewinnbeteiligung verpachtet haben. Einen in dieser Beziehung weit erfreulicheren Anblick gewähren die Ackerbau kolonien, die durch ein besonders hochwertiges Menschenmaterial ausgezeichnet sind. Ein unvergeßlicher Eindruck wurde dem Redner beim Anblick der körperlichen Schönheit, die geradezu ein Merkmal der Gesamtheit der dort lebenden jüdischen Bauern bildet, die überhaupt in jeder Beziehung eine Auslese darsteilen. Leider sind die landwirtschaftlichen Kolonien wirtschaftlich in einer sehr bedrängten Lage, infolge der allgemeinen Getreideproduktionskrise, die ja keineswegs auf Palästina beschränkt, sondern eine allgemeine Welterscheinung ist. Ganz besondere Aufmerksamkeit verdienen die beiden vor etwa einem Jahre ins Leben gerufenen Siedlungen N u r i s und N a h a - 1 a 1, die beide auf den Besitzungen des Jüdischen Nationalfonds entstanden sind und deren Einrichtung vom Keren Hajessod durchgeführt wurde. Mit großem Schwung und geradezu leidenschaftlicher Hingabe bemühen sich dort die Chaluzim neue und Erfolg versprechende kolonisatorische Methoden durchzubilden. Zum Schlüsse betonte der Redner den welthistorischen Zusammenhang, der dadurch gegeben ist, daß Palästina das unmittelbare Nachbarland dies Suez-Kanals ist und daher geradezu ein Brennpunkt der Interessen des englischen Imperiums wurde. Die Juden müßten sich dieses Zusammenhangs endlich bewußt werden, und dürften es nicht unterlassen, Palästina wirtschaftlich zu ent- /Ve uh er us ers/r. 15t gegenüber der alten Jlkademie wickeln. Natürlich seien hiezu sehr erhebliche Geldmittel erforderlich, weil im Lande bisher immer noch relativ wenig geschehen ist und Straßen, Häuser. Schulen, Häfen, Bewässerungsanlagen, industrielle Unternehmungen, landwirtschaftliche Ansiedlungen usw. erst noch geschaffen werden müssen, was selbstverständlich ohne Investitionen großer Kapitalien nicht möglich ist. die wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes seien aber, besonders, wenn man Palästina als einen Teil in dem größeren Rahmen des vorderasiatischen Kontinents betrachte, derart, daß sachgemäße Anlagen durchaus die Erwartung einer erheblichen Rentabilität zuließen. In der Diskussion ging der Redner dann noch des Näheren auf das Ruthenbergprojekt ein. Dieses sieht eine Ausbeutung der Wasserkräfte des Jordansystems vor, zum Zwecke der Versorgung des gesamten Landes mit elektrischer Energie jeder Art. Palästina ist ein an Wasserkräften außerordentlich reiches Land, sodaß sich jährlich Milliarden von Kilowattstunden mit verhältnismäßig geringen Kosten gewinnen lassen. Die Wasserkräfte des Landes sind so bedeutend, daß man es in eine Reihe mit den bevorzugtesten Gebieten der Welt, wie die Schweiz, Österreich, Italien usw. stellen kann. Im Zusammenhänge mit den Wasserkraftwerken werden kalorische Stationen arbeiten, die in der Hauptsache Reservezwecken dienen sollen. Die erste Station dieser Art wird in Jaffa—Tel-Aviv errichtet und wird in einigen Monaten ihre Stromlieferung eröffnen. Die Bedeutung dieser Elektrifizierung sei natürlich eine unabsehbare. Die Betriebskosten der bestehenden Anlagen würden dadurch in gewaltigem Maße reduziert und die Möglichkeit für die Schaffung neuer Industriezweige überhaupt erst gegeben. Arbeitskräfte könnten dadurch für andere Zwecke frei werden und die Konkurrenzfähigkeit des Landes würde sich dadurch wesentlich erhöhen. In seinem Schlußworte hob Herr Rabbiner Dr. Freudenthal die Objektivität, mit der Herr Dr. Majerczik frei von jeder Schönfärberei die Verhältnisse geschildert habe, besonders rühmend hervor. Er, wie auch Herr Dr. Ludwig Frank, betonten, daß für uns trotz aller Anforderungen, die ja gerade in der jetzigen Zeit in erhöhtem Maße an uns herantreten, es ein unabweisbares Gebot für uns Juden sein müsse, den Aufbau Palästinas moralisch und materiell in weitestgehendem Maße zu fördern. Es sei selbstverständlich, daß der Keren Hajessod, der ja alle Juden, ohne Unterschied der politischen Anschauung vereinigen soll, wenn er im neuen Jahre mit neuen erhöhten Forderungen an den Einzelnen herantrete, auf tatkräftige Unterstützung ersten Anspruch habe. Reicher Beifall dankte Herrn Dr. Majerczik für den genußreichen Abend und zeigte die volle Zustimmung der Anwesenden in der Erkenntnis ihrer persönlichen Verantwortung für das Schicksal des heiligen Landes. Li-r. Personalia Fürth. Unsere Gemeinde hat einen derben Verlust zu beklagen, und mit uns die gesamte bayerische Judenheit. Nach kurzer Krankheit ist jüngst Frau Direktor Dr. Deutsch verschieden und, trotzdem keinerlei Bekanntmachung in den Tagesblättern erfolgte, unter außerordentlich zahlreicher Teilnahme hiesiger und auswärtiger Trauergäste zur ewigen Ruhe gebracht worden. — Einem Hause altjüdischer, tiefer und kerniger Frömmigkeit entstammend, dem Hause des verewigten langjährigen Führers seiner Gemeinde, des muster-