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Das jüdische Echo · 1923-02-02 · 5 (2.2.1923) · p. Seite 58

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
5 (2.2.1923)
Date
1923-02-02
Page
Seite 58 (sequence 6)
Language
German
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58 Das Jüdische Echo Nr. 5 BERNHARD BAUCH Briennerstr. 8 Telephon 21541 Schäfflerstr. 3/5 Telephon 21540 ELEGANTE PELZE meinde, sowie als Vorstandsmitglied des hiesigen jüdischen Gesangvereins wirkte er ratend lind tatend, solange dies sein Gesundheitszustand nur irgendwie zuließ. Ein so überreiches Wirken wäre nicht denkbar gewesen, ohne die aufopferungsvolle Gattin, die dem teuren Hingeschiedenen ein Heim zu bereiten verstand, in dem er sich glücklich fühlte, in dem er Erholung fand nach den Mühen und Anstrengungen des Tages. Ihr, den Kindern, Enkeln und Verwandten möge Trost gewähren die allseitige Teilnahme, die in besonders erhebender Weise bei der Beerdigungsfeier am Sonntag, den 28. Jan., zutage trat. Die geräumige Halle vermochte nicht, die außergewöhnlich zahlreiche Trauerversammlung zu fassen. Alle Redner: Rabbiner Dr. Baerwald, der 1. Vorstand Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer für die Kultusverwaltung, Oberstudiendirektor Frühwald für die Handelsschule und höhere Töchterschule an der Luisenstraße, Hauptlehrer Friedmann für die Kollegen. Kapellmeister Ziegler für den Synagogenchor, Justizrat Dr. Fränkel für die München-Loge und J. Hirsch für den jüdischen Gesangverein, sie alle kündeten in beredten, warmherzigen Worten Wesen und Wirken des Heimgegangenen, sie alle betonten mit Nachdruck den überaus schmerzlichen Verlust, den die Familie sowohl wie unsere Gemeinde zu beklagen hat. Kantorale- und Chorgesänge umrahmten die eindrucksvolle Gedenkfeier. Heinrich Frei war ein Segen für unsere Gemeinde. Sein Andenken wird allzeit ein gesegnetes bleiben. München, den 29. Januar 1923. E. Kirschner Feuilleton Die erste jüdische Republik (Nach den getreulichen Schilderungen eines Augenzeugen) Novelle von Schalom Alechem Erschienen bei Oesterheld & Co., Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. (Fortsetzung.) Dreizehn Kolonien Menschen der Wissenschaft, die sich mit dem Leben der wilden Tiere, der Haustiere und des Federviehs beschäftigten, haben längst herausgefunden, daß das undankbarste Geschöpf der Welt der Mensch ist. Nehmt zum Beispiel uns, die dreizehn Robinsons auf der „Dreizehninsel“. Was fehlt uns? Für wen scheint die helle Sonne? Auf was schaut der klare Mond herab? Für wen grünt hier das Gras? Blühen die Bäume? Fließt der Bach? Singen die Vöglein? Rauscht das Meer? Für wen wurden die Ziegen zum Melken hergetrieben? Und wem zuliebe hat Gott die Höhle geschaffen? Geschah es nicht, damit wir in ihr vor der Hitze des Tages und vor der Kälte der Nacht Schutz finden? — Und doch sind wir immer unzufrieden! Ich will einen Morgen auf unserer „Dreizehninsel“ schildern. Wenn wir aufgestanden, die Höhle verlassen und uns gewaschen hatten, kam uns unser Arbeiter, der einfache Mann, den wir „Proletarier“ nannten, mit strahlendem Gesicht entgegen und bat uns zu Tisch. Der „Tisch“ war ein großer Stein, den der Proletarier ausgesucht hatte. Er war unten rund, mit einer glatten Fläche, als wäre er mit einem Werkzeug gehobelt. Unser Proletarier strengte sich tüchtig an, bevor er den Stein an den gewünschten Platz hingerollt hatte. Als der Stein endlich lag, wo er ihn haben wollte, suchte er kleinere Steine, auf denen man sitzen konnte. Er brauchte nicht lange zu suchen.: Steine gabs genug auf unserer Insel. Aber es kostete Arbeit, alle dreizehn an den richtigen Platz zu rollen. Dabei litt er nicht, daß ihm jemand half. „Arbeiten ist meine Sache!“ meinte er. „Ich bin gewöhnt zu arbeiten.“ „Jeder Mensch kann arbeiten und ist verpflichtet, für sich zu arbeiten,“ sagte der Spezialist und hielt eine Rede, in der er eine Theorie des gesellschaftlichen Lebens entwickelte und nachwies, daß jeder Mensch verpflichtet sei, für sich zu arbeiten. Aber der Proletarier blieb bei seiner Ansicht und ließ nicht ab, und sollte er sich den Kopf dabei zerschlagen. Er tat wie immer und sagte schlicht, mit dem Lächeln eines einfachen Mannes: „Wenn ihrs mir nicht übelnehmt, will ich euch sagen, daß Arbeit und Arbeit zweierlei ist. Es gibt allerhand Arbeit und Arbeiter . . . Der eine arbeitet mit den Händen, der andere mit den Füßen, der dritte leistet mit dem Kopf, dem Gehirn — geistige Arbeit.“ Der Mensch läßt nicht locker und hört nicht auf. Da tue einer was! Und man merkt überhaupt nicht, wann er die Arbeit schafft! Es brennt ordentlich bei ihm! Wenn wir des Morgens aufstehen, finden wir die Gefäße bereits mit Wasser gefüllt, die Ziegenmilch gemolken, den Tisch mit Bananen, Nüssen und schwarzen Beeren bedeckt ... Er hat nämlich eine Art saftige, schwarze Beeren gefunden, die ähnlich wie Weintrauben schmeckt. Es ist schön mitanzusehen, wie wir dreizehn Robinsons in langer Reihe hintereinander zum Tisch spazieren: An der Spitze die Dame, das einzige weibliche Wesen auf unserer Insel. Neben ihr geht der Kapitalist, der sich für den größten und vornehmsten „Gentlemen“ unserer Kolonie hält. Ihm folgt der Atheist, der Orthodoxe, der Zionist, der Territorialist, der Spezialist, der Nationalist, der Assimilant, der Idealist, der Materialist, dann komme ich, der Schriftsteller und ganz zuletzt — der Proletarier. Wir setzen uns um den „Adamstisch“ auf unsere primitiven Stühle, essen, trinken, plaudern und erörtern allerlei Fragen: religiöse, soziale, politische. Jeder sagt frank und frei seine Meinung heraus und eines jeden Meinung ist just das Gegenteil von des anderen Meinung.

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