Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 5 (2.2.1923)
- Date
- 1923-02-02
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Das Jüdische Echo Nr. 5 tausenden, die zum Untergange verurteilt sein würden, wenn für ihre Rettung nicht bald gesorgt würde, gleichsam ein „Nachtasyl“ sein. Die Dauerwohnung aber sollte nur im jüdischen Lande errichtet werden. Der Weltkrieg hat die segensreiche Tätigkeit Nordaus für die zionistische Sache unterbrochen. Er mußte, aus Frankreich ausgewiesen, selbst ein Asyl in Spanien suchen und jahrelang von seiner Familie und der Stätte seines bisherigen Wirkens, wie auch von seinen zionistischen Freunden getrennt, dort leben. Aber er erlebte den Tag von San Remo, den größten Augenblick seines reichen, kampffrohen Dasins. wie er ihn selbst genannt hat, der die Verwirklichung eines Teiles des von ihm seit 20 Jahren verfolgten Zieles brachte. Und als der Friede die Aufnahme der Zusammenarbeit mit den Freunden wieder ermöglichte, da eilte er nach London, an den Sitz der zionistischen Leitung, um mit Rat und Tat wieder für die gemeinsame Sache einzustehen. Es mag sein, daß Nordau nicht mehr ganz das richtige Verhältnis zu den sich immer aufs neue verjüngenden Ideen finden konnte. Er wurde wohl auch von der zionistischen Jugend nicht mehr so recht verstanden. Er ist jedenfalls in den letzten Jahren stiller geworden und hat einen für den Fernerstehenden wahrnehmbaren Anteil an der Leitung der zionistischen Organisation nicht mehr genommen. Nordaus Wirken wird im, Gedächtnis des jüdischen Volkes unvergeßlich bleiben. Sein unvergängliches Verdienst ist es. daß er neben Herzl uns den richtigen Weg in die Zukunft gezeigt und gebahnt hat, daß er uns die Grundlagen geschaffen hat, auf denen wir und die Geschlechter nach uns weiterbauen können und müssen. Sein Name wird noch lange, wenn das zionistische Programm, das er mitgeschaffen hat, verwirklicht ist, als eines der Großen in Israel genannt werden. M. St. Aus Nordaus Reden und Aufsätzen Aus der ersten Kongreß rede .... Das ist die sittliche Judennot. die bitterer ist als die leibliche, weil sie höher differenzierte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht. Der emanzipierte Jude ist haltlos, unsicher in seinen Beziehungen zu den Nebenmenschen, ängstlich in der Berührung mit Unbekannten, mißtrauisch gegen die geheimen %Gefühle selbst der Freude. Seine besten Kräfte verbraucht er in der Unterdrückung und Ausrottung oder mindestens in der mühsamen Verhüllung seines eigenen Wesens, denn er besorgt, daß dieses Wesen als jüdisch erkannt werden möchte, und er hat nie das Lust- Me uhcrusers/r. 15, gegenüber der alten Jlkademk gefühl, sich ganz zu geben, wie er ist, er selbst zu sein, wie in jedem Gedanken und Gefühle, so in jedem Ton der Stimme, in jedem Augenaufschlag, in jedem Fingerspiel. Innerlich wird er verkrüppelt, äußerlich wird er unecht und dadurch immer lächerlich und für den höher gestimmten, ästhetischen Menschen abstoßend, wie alles Unwahre. . . . Aus der Trauerrede auf Herzl .... Herzl war ein Willensgenie; sein Wille war das Größte in seiner großen Natur; nichts konnte diesen demantenen Willen abnutzen, nichts seine unwiderstehliche Spitze abstumpfen. Dieser Wille, von einem erhabenen Glauben, einer unerschütterlichen, fast mystischen Zielsicherheit geleitet, hätte Berge versetzt, wenn ihm dazu Zeit gelassen worden wäre. Der Tod hat ihn zu früh gebrochen und dadurch das jüdische Volk eines unersetzlichen Baugeräts für seine Wiederaufrichtung beraubt. Sein Glaube, seine Zielsicherheit, sein, Wille gaben ihm immer neue Kombinationen ein. Schlug eine fehl, nicht durch ihre Mangelhaftigkeit oder seine Schuld, immer nur durch Mangel an Unterstützung, so ersetzte er sie sofort durch eine andere, und die folgende war jedesmal überraschender, kühner, geistreicher als die vorherige. Was er in den neun Jahren seiner Volksführung an Staatsgedanken und diplomatischen Plänen hervorbrachte, das würde genügen, um, zehn Minister eingerichteter Normalstaaten die Unsterblichkeit zu sichern. Nun ja, er war eben ein fruchtbarer Märchendichter, spotten die Gegner. Ich aber wiederhole mit ihm: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“ Unser Volk hat einen Herzl gehabt, aber unser Herzl hat kein Volk gehabt, das verkleinert ihn nicht, nur uns. Das allein ist daran schuld, daß die ungeheure Anstrengung, die ihn das Leben kostete, verhältnismäßig geringe sachliche Ergebnisse schuf. Umso reicher aber sind ihre moralischen Ergebnisse. Herzl war ein Vorbild und ein Erzieher. Er hat ein gebrochenes Volk gerade gerichtet. Er hat ihm Hoffnungen geschenkt und Wege gezeigt. Er hat mit großartig weitem Schwünge gesät, und1 die Saat wird aufgehen und sein Volk wird ernten. Ich aber glaube, nicht passender schließen zu können als mit diesen Strophen einer Trauerkantate, die ich für einen Tondichter verfaßt habe: „Ewig in des Volks Gedächtnis Lebt dein Werk und lebt dein Bild. Sieh! Wir hüten dein Vermächtnis Treu, den stolzen Davidschild. ' In der Zionsfahne Falten Wird! dereinst dein Sarg gehüllt. Was du schworst, wir werden’s halten. Und dein Sehnen wird erfüllt...“ Die Nordau-Gartenstadt Ein Brief Nordaus San Sebastian, Guizuzcoa, den 20. Nov. 1919. Der Gedanke, im Lande Israels eine Gartenstadt aufblühen zu sehen, hat für mich einen Märchenreiz. Was liegt an dem Namen, den sie tragen wird? Möglich, daß mein Schatten, wenn sie erst Wirklichkeit ist, manchmal traumhaft durch ihre Laubgänge gleitet und von gedächtnisstarken, vseherisch begabten Einwohnern flüchtig wahrgenommen wird. Aber meine vergängliche Persönlichkeit ist bei diesem lebenden Dauerwerk völlig unerheblich. Das Wesentlichste ist. daß dort ein Geschlecht von starken, frohen Menschen in Sonnenlicht, frischer Luft und Blumendüften aufwächst, das in der Kindheit vor der Tür des freundlichen Heims Schmetterlingen nachjagte