Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 5 (2.2.1923)
- Date
- 1923-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 5 2. Februar 1923 10. Jahrgang Max Nordau Eine Trauerkunde ist aus Paris gekommen: Max Nordau ist gestorben. Wieder ist einer von den Männern dahingegangen, die an der Wiege des modernen Zionismus gestanden haben, die die festen Grundlagen seiner Organisation geschaffen, an ihrem Ausbau an erster Stelle mitgearbeitet und ihr die scharfen Waffen in dem ihr auf gezwungenen Kampf geschmiedet haben. Nordau ist nicht aus jugendlichem Überschwang zum Zionismus gekommen. Am 29. Juli 1849 in Pest als Sprosse einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie geboren, stand er schon in reifen Jahren, als Theodor Herzl mit seiner grandiosen Idee von der Schaffung eines Judenstaates an die Öffentlichkeit trat. Nordau lebte damals seit langen Jahren in Paris. Die Fühlung mit dem lebendigen Judentum war ihm verloren gegangen. Er „nahm an den Geisteskämpfen der Zeit teil, ohne viel an seine Herkunft zu denken, stolz auf seine Menschenwürde, stolz auf die deutschnationale Gesittung, von der er durchtränkt und erfüllt war.“ Sein Name war in der ganzen gebildeten Welt bekannt und geachtet. Er stand auf der Höhe seines Ruhmes als Schriftsteller, der mit klarem Geist und scharfer Feder gegen soziale Vorurteile und Krankheitserscheinungen seiner Zeit zu Felde zog. Da traf ihn wie Herzl das jähe Aufflammen des Antisemitismus als Folgeerscheinung des Dreyfuß-Prozesses, das Toben des „Nieder mit den Juden!“ schreienden Pöbels wie ein roher Peitschenschlag. Sein verletzter Stolz führte ihn zurück zu seinem Volke und machte ihn reif für die Aufnahme der neuen und doch so alten Ideen Herzls. Er war einer der ersten, denen Herzl seinen „Judenstaat“ vorlegte, und zu einer Zeit, wo dessen „Bekannte und Kollegen ihn mit diem gewohnten Maßstab nicht mehr nachkommen konnten und ihn mit albernem Hohn oder schimpflichen Nachreden anfeindetent, weil er über ihre kurze Elle hinausgewachsen war“, trat er entschlossen auf seine Seite und blieb sein „ergebener Mitarbeiter“ und Mitstreiter bis über den Tod hinaus. Herzl selbst nannte ihn seinen treuen und großen Freund und hing mit geradezu seltener Liebe und Verehrung an ihn. Er hat auch kurz vor seinem Tode Nordau als seinen Nachfolger bezeichnet. Innerhalb der zionistischen Organisation hat NordUu eine überaus fruchtbare Tätigkeit entfaltet. Jahrelang unterzog er sich auf den Kongressen der Aufgabe, die Klagen über die Lage des jüdischen Volkes in die Welt hinauszuschreien und das Gewissen Europas dem jüdischen Volke gegenüber aufzurütteln. Mit herzergreifenden Worten schildert er das Schicksal der von Ort zu Ort gejagten heimatlosen Juden des Ostens: „Sie wandern planlos vor sich hin wie ein Zug nordischer Lemminge, über dem Raubvögel schweben, um den Raubtiere schweifen, die sich nach Belieben ihre Opfer aus dem Zuge herausholen. Niemand will sie bei sich haben, jeder scheucht sie aus dem eigenen Gebiete weiter und wenn sie verzweifelt fragen: „Wohin mit uns? Was soll aus uns werden?“ — so ist die einzige Antwort, die sie erhalten, ein Achselzucken und eine Handbewegung, die gebieterisch in die Ferne weist: „Immer weiter, ins unbekannte, ins blaue, nur weg, weit weg!“ Er spricht von der wirtschaftlichen Not des jüdischen „Luftvolkes“, von den „Luftmenschen“ in den östlichen Ländern, „jener spezifisch jüdischen Erscheinung von erwachsenen, leidlich gesunden Menschen, die, durchaus ehrlich, arbeitsam, arbeitswillig, jedoch künstlich von jeder einigermaßen ergiebigen Arbeit ausgeschlossen, jeden Morgen beim Erwachen auf einen fabelhaften Glücksfall rechnen, um sich durch den Tag durchzufristen, und die es des Abends gläubig oder abergläubisch als ein Wunder anstaunen, wenn sie tagsüber für sich und die Ihrigen einen Bissen Brot gefunden haben.“ Neben die wirtschaftliche stellt Nordau die sittliche Judennot, „die bitterer ist als die leibliche, weil sie höher differenzierte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht.“ Er wird wirklich zum sprachgewaltigen Anwalt des jüdischen Volkes vor der ganzen gesitteten Welt, wenn er auf dem von ihm geleiteten achten Kongreß im Jahr 1907 im Haag den dort zum Friedenskongreß versammelten Vertretern der Mächte zuruft: „Im Namen der Sittlichkeit fordern wir für unser Volk von 12 Millionen Gerechtigkeit!“ Mit flammenden Worten, ein würdiger Nachfolger der alten Propheten, wendet sich Nordau gegen die Bekämpfer des Zionismus unter seinen eigenen Volksgenossen, vor allem gegen die assimilierten Juden des Westens. Er zerpflückt mit unbarmherziger Logik ihre Einwendungen. Er vergleicht sie, ein Bild, das heute eine so traurige Berechtigung wieder erlangt hat, mit Insassen eines Bootes, die mit der Axt nach der Hand der den Bootsrand erfassenden Schiffbrüchigen hauen, weil sie besorgen, das Fahrzeug könne durch Überfüllung für sie selbst unsicher werden. Er weist ihnen nach, daß die Luftmenschen wieder zu „Muskeljuden“ erzogen werden, daß die wirtschaftlichen Bedingungen des jüdischen Volkes von Grund auf geändert werden müssen, daß das jüdische Volk nur auf eigener Scholle im Lande der Väter wieder eine geachtete Stellung unter den Völkern einnehmen, ein wertvolles Glied der ganzen Menschheit werden könne. Er ruft ihnen zu: „Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein.“ Es ist natürlich, daß Nordau bei der ihm eigenen Art, das von ihm als richtig Erkannte unnachgiebig und folgerichtig zu vertreten, auch unter den eigenen Gesinnungsgenossen Widersacher fand. Er setzte sich ihnen gegenüber dafür ein, daß sich der Zionismus auch den Gegenwartsaufgaben, der Erziehung des Volkes, besonders der Jugend, vor der Rückkehr ins Land und der Ergreifung von Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Notlage, nicht entziehen dürfe, wenn er auch einräumt, daß diese Aufgaben gegenüber dem erstrebten Endziele von geringerer Bedeutung seien. Solche Erwägungen veranlaßten ihn nach anfänglichem Widerstreben, für das Angebot der englischen Regierung einzutreten, als diese unter dem Einfluß der zionistischen Bewegung dem jüdischen Volk ein Gebiet in Ostafrika zur Verfügung stellte. Uganda sollte den Hundert-