Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-01-26 · 4 (26.1.1923) · p. Seite 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
4 (26.1.1923)
Date
1923-01-26
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9147631--05437-9078106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

44 Das Jüdische Echo Nr. 4 in dem verzweifelt langsamen Tempo überwindbar ist, in dem der IVtonsch sich von dem AJlzumenschiiehen befreit; em Vorgang, von dem allerdings in der Geschichte bisher noch kaum etwas zu bemerken ist. Und eTSt wenn wir .dies begriffen haben und nun ohne ideologischen Nebel gefestigt an die Dinge herangehen. werden wir auch das Mittel finden, durch das der Antisemitismus zwar auch nicht etwa restlos überwindbar, aber immerhin auf das Normalmaß der Beziehungen zurückzuführen ist. wie sie sonst zwischen natürlich getrennten Gruppen zu bestehen pflegen. Während nun also in Deutschland ein Haß uns umgibt, der unser Dasein vergiftet, indem er uns um den schönsten Lohn menschlichen Strebens, vielleicht sogar um dessen Sinn überhaupt bringt: vom Strome der Gemeinschaft getragen, als Gleicher unter Gleichen zu wirken; und während das Grauen vor diesem Haß sich in Verzweiflung wandelt, wenn der Blick über Deutschlands Grenzen hinaus nach Ungarn, Polen. Rußland, kurz: auf die Länder sich richtet, die wesentlich Juden bergen und selbst sich in neuem Werden befinden; während das alles so ist — was tim wir in solcher Lage? Nun, was wir in solcher Lage tun. dafür hat uns die allerjüngste Zeit wieder ein kleines unerhört deprimierendes Beispiel gegeben. Ich will darauf im einzelnen jetzt nicht eingehen; es bleibt einer weiteren Erörterung Vorbehalten. In diesem Zusammenhang, der auf das Wesen der Sache gehen will, ist diese Art von Politik, die Politik der Abwehr, der Aufklärung und des Protestes, grundsätzlich zu betrachten. Man glaubt, dem Antisemitismus durch Argumentationen begegnen zu können. Wir haben aber gesehen, daß er ein Instinkt, ein Affekt ist und als solcher sich immer der Ein wände bedient, die jeweils nach Zeit und Umständen auf gewisse Kreise von besonderer Wirksamkeit sind. Der Jude ist manchmal der Radikale, der die hergebrachten Formen des Eigentums und der Gesellschaft Umstürzen will. Dann inseriert der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, er' sei Kapitalist und an der Erhaltung der bestehenden Ordnung sogar besonders interessiert. Manchmal aber ist der Jude wieder der Kapital-Ausbeuter, der sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert. Und dann wird folgerichtig inseriert, die jüdische Ethik sei auf dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit basiert, deshalb stehe der Jude sozialen Erfordernissen sogar mit besonderem Verständnis gegenüber. In Zeiten nationaler Leidenschaft aber ist der Jude natürlich der schlechte Patriot. Und nun wird wieder im Inseratenteil der patriotische Nachweis durch Beschimpfung der eigenen Stammesgenossen vornehm erbracht. Nicht nur die Mittel dieser Politik sind unzureichend — wesentlicher ist, daß auch ihr Ziel es ist. Und hier vom Ziel aus werden wir die Frage endgültig beantworten können. Dies Abwehrjudentum nämlich sollte beinahe dankbar sein, daß es den Antisemitismus hat: als den einzigen Anlaß, der seine Reihen zusammenhält und mitunter noch etwas wie eine Spur von Leben in ihnen weckt. Wenn er wegfiele, wenn das Ziel erreicht wäre — dann würde sich erschrekkend heraussteilen, wie matt in Wahrheit dies Judentum ist, wie unlebendig, wie sehr überkommen und nicht erworben, wie sehr von Generation zu Generation mehr sich verflüchtigend, und wie sehr es des Sinnes entbehrte, daß man zuvor unter einem Judentum litt, das für die metsten nichts ist als die zufällige und unglückselige Tatsache deT Geburt. Unter solchen Aspekten kann man allerdings nichts tun als abwehren, d. h. Toleranz anzustreben, das armselige Glück der Ruhe, um sich in ihrem Schoß endgültig zum Sterben zu legen. Als Deutscher empfände es jeder als Schmach, wenn er von der Welt nichts begehrte, als wieder etwas mehr von ihr toleriert zu werden. Als Deutscher weiß er, daß dies nur die Grundvoraussetzung für das Entfaltungsstreben menschlicher Gemeinschaft ist. Aber daß man auch als Jude ein Zukunftsziel haben kann, das in erster Linie steht und dessen Erreichung mehr verheißt als Toleranz, nämlich die Achtung der Welt, vor einem Gedanken so unerhörter Art schrickt man zurück. Aber wenn überhaupt etwas uns helfen kann, dann ist es dies: die Achtung der Welt. Und nun wohlgemerkt: nicht die Achtung vor uns als einzelnen (die haben wir» soweit sie uns zusteht), sondern vor uns als Gemeinschaft, denn als solche sind wir verachtet. Und das wird sich nicht ändern, solange unsere Leistung nicht die unserer Gesamtheit, sondern immer nur die unserer Einzelnen ist. Die großen Männer, die wir der deutschen Kultur gestellt haben, sind — und dies sogar mit Recht — in die deutsche Kultur eingegangen; uns als Gemeinschaft sind" sie - verloren. Nur was wir als jüdische Gesamtheit Vollbringen, was. wir als Juden sind, ist geeignet, uns vor der Welt zu legitimieren. Es gibt in unseren Reihen heute eine mächtige Bewegung, den Zionismus, eine Bewegung, die älter ist als ihr Name und viel umfassender als ihre Organisation — und sie ist darauf aus, den jüdischen Namen vor der-Welt aufs neue durch die große jüdische Leistung zu legitimieren. Durch die große jüdische Leistung..Erinnern Sie sich einer Szene, die vor einigen .Wochen durch die Zeitungen ging. Polnische Legionäre hatten das Judenviertel in Lemberg geplündert. Einige fromme Juden flohen in die Synagoge und schlossen sich ab. Da steckten die Belagerer das Gebäude in Brand. Aber die Juden blieben drinnen, ihre Gebete singend, bis zum letzten Augenblick, und wie der Gesang verstummt war, die Synagoge eingeäschert, da fand man die Flüchtlinge in die Thorarollen eingewickelt, als verkohlte Leichen vor dem Altar liegen.“ Dies Ereignis erzählt in einer früheren Schrift H. Biüher. Und was fügt er hinzu? „Aber wir Deutsche haben keine Thora, und wir haben kerne Tempel.... Wir können nicht sterben im Dienste einer übergeordneten Gemeinschaft.“ Das allerdings ist sehr bestreitbar. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß vor der deutschen Jugend so ein Antisemit gesprochen hat, bezwungen durch die Achtung vor einer Gemeinschaft, die den Sinn ihres Lebens lebt. Nun sind zwar die Formen, in denen unsere Väter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.