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Das jüdische Echo · 1923-01-26 · 4 (26.1.1923) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
4 (26.1.1923)
Date
1923-01-26
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 4 26. Januar 1923 10. Jahrgang Der Antisemitismus als geistiges Problem war der Gegenstand der Erörterung einer ungewöhnlich zahlreich besuchten von der Zionistisch. Ortsgruppe München, der Jüdischen Volkspartei und dem Gesamtausschuß der Ostjuden einberufenen Gemeinde-Versammlung, deren Hauptteil von einem interessanten in die Tiefe des Problems dringenden Vortrag von Herrn Dr. Gustav Krojanker ausgefüllt war. Wir müssen es uns leider versagen, diesen Vortrag, der es verdiente, von jedem Juden Wort für Wort genauestens gekannt zu werden-, hier ganz abzudrucken und beschränken uns darauf, den Schlußabschnitt, der aus der Untersuchung die Resultate zeigt, hier Zu veröffentlichen. Wie wir hören, wird der ganze Vortrag demnächst als Broschüre erscheinen, deren aufmerksamste Lektüre wir unsern Lesern von vorneherein dringend empfehlen. Die Veranstaltung erhielt, entgegen der ursprünglichen Absicht, durch die Notwendigkeit zur „Erklärung“ des Centralvereins Stellung zu nehmen, einen besonderen Charakter. Nach einem Korreferat des Herrn Dr, Elias Straus und einer Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Bärwald, sprach Herr Jakob Reich mit bemerkenswerter Mäßigung kritische Worte über die Centralvereins-Erklärung, die er mit Recht ebenso als eine Torheit wie ein Unglück für unsere Gemeinschaft bezeichnete. Es verdient besonders festgehalten zu werden, daß. die verantwortlichen Leiter des Centralvereins und die Verfasser der „Erklärung“ den wiederholt sich darbietenden Gelegenheiten, ihren Standpunkt in freier Aussprache zu vertreten, ängstlich aus dem Wege gingen. Es war nach den Gepflogenheiten jeder Gemeinschaft eine Selbstverständlichkeit, daß die Herren in der Gemeindeversammlung vertreten mußten, was sie unternommen hatten. Sie zogen es aber vor (Vorsicht ist der Tapferkeit besserer Teil), korporativ nicht zu erscheinen. Bei einer wenige Tage später stättgefundenen Aussprache in der „Gemeindevertretung“ verschanzten sich die Herren hinter einen formalen, auch formal unberechtigten, Einwand und kein einziger der anwesenden C.-V.- Vertreter machte auch nur den Versuch, die „Erklärung“, deren Billigung von keiner Seite ausgesprochen war, zu rechtfertigen. Bei alledem glauben wir, daß der C.-V. aus dem Sturm der Entrüstung, den seine „Erklärung“ verursachte, lernen wird und daß ein derartiger Zwischenfall für die Zukunft wohl als unmöglich angesehen werden kann. Damit schließen wir die Akten und die Erörterung über diese Sache. — Zu erwähnen ist noch aus der Versammlung eine Rede von Herrn Dr. Karl Landauer, die mit einer Bankrotterklärung des Assimilantentums schloß. Einer der Häuptern wände gegen den nationalen jüdischen Gedanken war der, daß er ein Versuch zur Lösung des Judenproblems auf zu weite Sicht sei, während die Assimilation ein baldiges Verschwinden des Antisemitismus in Aussicht stelle. Nun findet Herr Dr. Landauer, den man als einen durchaus berufenen Vertreter des Assimilationsgedankens ansehen darf, daß wir uns mit einem Fortbestehen des Antisemitismus während der nächsten 100 Jahre abfinden müßten und auch damit, daß wir bei ausgeprägter Stammeseigenart nicht harmonisch in das Deutschtum eingegliedert werden können. Mit diesem Konflikt in unserem Leben haben wir uns nach Herrn Dr. Landauer abzufinden. Ist es da noch eine Frage, aus welcher Quelle der Jude unserer Tage zur in sich gefestigten Persönlichkeit werden kann: der von Dr. Krojanker dargestellten Gedankenwelt des Nationaljuden oder aus derrt mißglückten Assimilationsstreben vom C.-V. bis Dr. Landauer? Schlußpassus des Vortrags von Herrn Dr. Gustav Kroianker .Damit sind wir wieder bei unserer Erklärung des Antisemitismus angelangt: daß nämlich der Jude für jeden das ist, was er befehdet; kürzer: das Gegenbild zu seinem Bild. Für die Partei die Gegenpartei, für das Volk als Ganzes der Fremde. Und dieser Antisemitismus besteht, seit Juden in der Zerstreuung leben und wird bestehen, solange es Juden unter den Völkern gibt. Was wechselt und von Konstellationen abhängig ist, die man in sehr engen Grenzen beeinflussen kann — das ist die Form des Antisemitismus und der Grad seiner Stärke. Gewiß wird in einer Zeit, in der man das Wort Humanität aussprechen kann, ohne als lächerlicher Ideologe beschimpft zu werden, und in der die Idee der Menschheit den lockenden Glanz eines Zieles hat. auch der Antisemitismus sich bis auf die Grenze zurückführen lassen, die dem Menschheitsideal selber durch die Natur des Menschen und die Umstände gesetzt sind. Aber wir brauchen nicht einmal an wahrhaft humane, also sehr ferne Zeiten zu denken. Wir können schon von gefestigten Verhältnissen, von der Wiederkehr eines ruhigeren und gleichmäßigeren Lebenstempos eine Abmilderung des antisemitischen Ausdrucks erwarten. Aber ebenso müssen wir darauf gefaßt sein, daß er. jäh in dem Augenblick wieder aufflammt, in dem ein Volk Anlaß.hat, seine nationale Existenz mit gesteigertem Bewußtsein zu leben. Denn immer wieder wird in solchen Fällen der Jude, dieser erkennbar Andere, diese umschlossene Minderheit das Gegenbild sein, dessen Züge aus eigenen Fehlern und der Ungunst der Umstände gebildet werden. Immer wieder wird in solchen Zeiten ein Bliilier erstehen und in den tiefsinnigsten Wendungen, über die man jeweils verfügt, den Nachweis führen, daß ohne die Juden alles iti bester- Ordnung wäre. Was wir überwinden müssen, ist demnach die lächerliche Einstellung des fortschrittlichen Bürgers, dem sich von seiner jüdischen Warte her die Weltgeschichte als ein geradliniger Aufstieg von der eisernen zur goldenen Zeit dar st eilt, wobeier selbst immer wacker voran das Licht in die Finsternis trägt; als ein platter Aufklärer, der seit dem 18. Jahrhundert nichts mehr zugelernt hat. Was uns nottut, ist ein tieferes Gefühl für die Bedingungen nationalen Lebens. Denn dann werden wir aufhören, den Antisemitismus als eine eigentlich schon*'überwundene Erscheinung finsterer Zeiten zu betrachten, sondern werden in ihm eine gewiß beklagenswerte, aber natürliche Reaktion der Tierart Mensch erkennen, die, wenn überhaupt, dann nur

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