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Das jüdische Echo · 1923-01-19 · 3 (19.1.1923) · p. Seite 35

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
3 (19.1.1923)
Date
1923-01-19
Page
Seite 35 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 35 so unfreundlich — in den wirtschaftlichen Kreisen, als deren Wortführer er hier auf tritt, mit der Bekämpfung der Alkoholpest anfangen wollte, würde er sich ein größeres Verdienst um die deutsche Wirtschaft und um die deutsche Moral erwerben, als durch die Ausschließung der Ostjuden. (Sehr richtig! links.) Ich muß in diesem Zusammenhänge zu Herrn Abgeordneten Fischbeck ein Wort über die „kulturelle* Minderwertigkeit“ der Ostjuden sagen. Diese Behauptung droht zu einer fable convenue der Unwissenheit und der Denkfaulheit zu werden. Jeder glaubt sich berechtigt, von einer kulturellen Minderwertigkeit der Ostjuden zu sprechen, der nichts von den geistigen Bedingungen kennt, die das Leben der Ostjuden beherrschen. Mit vielen eingedeutschten Juden äußert auch Herr Fischbeck eine solche beleidigende und der Wahrheit ins Gesicht schlagende Auffassung. Ich muß schon sagen: Herr Fischbeck hat wirklich keine Ahnung von den Dingen. über die er redet. Unter den Ostjuden gibt es kaum1 einen Analphabeten; alle können lesen, zwar nicht die Schrift, die wir in der Schule lernen, aber eine andere Schrift, mit einem sehr reichen Schrifttum; immerhin ist in dieser Schrift die Bibel geschrieben. Sie sind beherrscht von sittlichen Traditionen, die wiederum zum großen Teil aus der Bibel geschöpft sind. Ach, was soll ich Ihnen darüber sagen, ich werde Ihnen vorlesen, was kein Judenfreund, aber ein Mann gesagt hat, der dasselbe von sich sagen konnte wie Lassalle, daß er jede Zeile schreibe bewaffnet mit der ganzen Bildung seines Jahrhunderts! Ich werde Ihnen vorlesen, was Paul de Lagarde gerade über diese Frage in seinen deutschen Schriften, Gesamtausgabe letzter Band Seite 23 im Aufsatz „Uber die gegenwärtigen Aufgaben der deutschen Politik“, sagt: Die jüdische Religion besteht vielmehr einmal aus dem festen, allerdings höchst sonderbaren Glauben an den ungeheuren Wert der eigenen Nationalität — der Dünkel der großen Nation — damit meint er Frankreich — ist unschuldiges Kinderspiel gegen den jüdischen Rassenhochmut —: solcher Glaube hilft viel. Sodann besteht sie aus der Überzeugung, daß jeder Augenblick des Lebens nach einem göttlichen Gebote eingerichtet werden muß. Diese Gebote dünken uns vielfach äußerst kindisch, aber sie haben die Juden gewöhnt, stets unter der Zucht zu stehen, stets aufzumerken, stets entsagen zu können. Und die Kraft der Menschen und der Nationen liegt in der Zucht und der Opferfähigkeit. Dazu kommt dann als drittes die Poesie des jüdischen Kultus, vor allem die Sabbathfeier, ein wahres Atemholen des inneren Menschen, das allein den Juden ihr rastloses Leben ertragbar gemacht hat und ertragbar macht.... Nun, geehrte Versammlung, wenn nach dem Zeugnis dieses ausgesprochenen Judengegners das die ethischen und geistigen Grundlagen des jüdischen Volkes sind, dann ist es doch eine Vermessenheit. ja, es ist schlimmer, es ist eine grenzenlose Beschränktheit, von der minderwertigen Kultur der Ostjuden zu sprechen. Es ist das aber dieselbe Uberhebung, die vor und im Kriege offizielle deutsche Steilen und unser ganzes Volk gehabt haben. Es ist dieselbe Unterschätzung der gegnerischen Kräfte, die dann zu so traurigen Zusammenbrüchen, auch und vor allen Dingen auf geistigem Gebiete, geführt hat, wie wir sie erlebt haben. Ganz so schwach — darüber täuschen Sie sich nicht —, daß Herr Abgeordneter Fischbeck mit Eselsfußtritten auf ihnen herumtreten durfte, sind die Ostjuden denn doch nicht! Amerika hat einmal den Handelsvertrag zwischen Rußland und Amerika gekündigt, weil die russische Regierung es gewagt hatte, einem Amerikaner jüdischer Abstammung, d. h. einem Ostjuden die Einreise zu verweigern. Herr Abgeordneter Fischbeck und die hinter ihm stehenden Wirtschaftskreise, desgleichen die Freunde des Herrn Abgeordneten von Eynern richten den Blick auf die amerikanische Hilfe, die dem deutschen Volke kommen soll. Unterschätzen Sie den Einfluß der amerikanischen Juden nicht! Wenn es immer und immer wieder in der Welt bekannt wird, daß man die Freunde und Verwandten derselben Juden, die in Amerika eine sehr wichtige politische und finanzielle Rolle spielen — sie haben auch immer noch Familienangehörige im Osten — in Deutschland beschimpft und mit allen Mitteln der Polizeischikane und des wirtschaftlichen Boykotts bekämpft, so könnte eine Neigung der amerikanischen Politik. Deutschland zu helfen, sich stark einschränken und verkümmern. (Hört, hört! rechts.) Diese Erwägungen führen zu dem Gebiete internationaler Politik, das schon Herr Minister Severing berührt hat. Die Deutschen haben eine Irredenta, um mich einmal deutschnationaler Ausdrucksweise zu bedienen, unerlöst, d. h. versprengte Volksteile in Polen, in der Tschechoslowakei, in Italien, im Elsaß und an manchen anderen Stellen. Glauben Sie wirklich, daß sich die Lage dieser Deutschen verbessern werde, wenn Sie immer wieder vor aller Welt sagen, Deutschland könne nicht mit der Hand voll Ostjuden fertigwerden, könne sie geistig und wirtschaftlich nicht ertragen? Ist es vielleicht Herrn Abgeordneten Fischbeck und Herrn von Eynern bekannt geworden, wie sich die Deutschen in Polen bei den letzten Wahlen zum großen Sejm verhalten haben? Die Deutschen sind dort, wie Sie wissen, eine der nationalen Minderheiten, und die nationalen Minderheiten haben sich dort für die letzten Wahlen zu einer Gemeinschaftsliste zusammengeschlossen, also auch die Juden zusammen mit den Deutschen. Die Liste der nationalen Minderheiten hat im ganzen etwa 80 Abgeordnete in den Sejm geschickt; davon sind etwa 40 Juden und etwa 20 Deutsche. Sie ersehen aus diesen Zahlen, daß ohne die Mitwirkung der jüdischen Wäldermassen die deutsche nationale Minderheit dort einfach ohne Vertretung geblieben, zum Schweigen verurteilt gewesen wäre, oder, anders ausgedrückt, die deutsche nationale Minderheit in Polen ist bei den Wahlen von den Juden in das polnische Parlament geschleppt worden. Wie soll es auf die Bereitschaft zur Fortsetzung dieser Bundesgenossenschaft zwischen Juden und Deutschen wirken, wenn man hier, knapp 100 Meilen vom Sitze dieses Wahlbündnisses ab, erklärt: die Ostjuden sind ein Menschenschlag, mit dem die Deutschen überhaupt nicht auskommen können? Glauben Sie, Herr Abgeordneter von Eynern, oder glauben Sie, meine Herren von den Deutschnationalen, die deutschen Interessen im Auslande seien ein Porzellanladen, daß Sie darin so herumwüten?! Schließlich die menschliche Seite dieser Sache: sie muß gegen Herrn Dr. Kaehler. Herrn Abgeordneten Fischbeck und gegen Herrn Abgeordneten

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