Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 3 (19.1.1923)
- Date
- 1923-01-19
- Page
- Seite 34 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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34 Das Jüdische Echo Nr. 3 BERNHARD BAUCH Schäfflerstr. 3/5 Briennerstr. 8 Telephon 21540 Telephon 21541 ELEGANTE PELZE Herr Dr. Kaehler ist auch gegen die Handwerkergenossenschaften der Ostjuden aufgetreten, die unter dem Patronat jüdischer Organisationen gegründet worden seien. Er sagt: wenn man solche Handwerkergenossenschaften gründet, so hält man ja die Ostjuden im Lande fest. Und nun rufe ich Herrn Dr. Kaehler, den Nationalökonomen, auf, nicht den Menschen Dr. Kaehler. Man kann es ihm nie recht machen. Gibt sich ein Ostjude einer unproduktiven Beschäftigung hin, so heißt es: Raus mit ihm! Bemühen sich aber Organisationen, den Ostjuden zu produktiveren, ihn in eine Genossenschaft einzupassen, ihm genossenschaftliche Grundsätze und Solidaritätsgefühl einzupflanzen und ihm ein wirtschaftliches Streben beizubringen, das nicht auf Unterbietung, sondern auf den gleichen Lohn mit anderen freien Arbeitern geht, so ist es Herrn Dr. Kaehler wieder nicht recht; denn man hält ja damit die Leute im Lande fest! Also folgt daraus, nach Herrn Dr. Kaehler, daß man die Leute auf die Bahn des Schiebertums drängen muß: denn von heute auf morgen kann man sie nicht hinauswerfen; es ist nun einmal die Eigenart dieses durch den Krieg eröffneten Wanderungsproblems, daß die Einwanderungsländer ihre Grenzen dicht geschlossen halten —. Irgendeine Zeit bleiben also viele bei uns im Lande, und produktiven Zwecken soll man sie nach dem Willen des Herrn Dr. Kaehler nicht zuführen; also bleibt ihnen, wiederum nach denn Willen des Herrn Dr. Kaehler, nur das Schi ebertu m. Das ist die Logik des Herrn Dr. Kaehler. Es ist ja nicht so, meine Damen und Herren, daß man einfach die Grenzen zumacht und, wenn dennoch jemand über die Grenzen kommt, dafür sorgt, daß er am nächsten Tag an der Westgrenze wieder hinausfliegt. Vielmehr geht die Wanderung, die sich über Jahrzehnte erstrecken wird, mit gewissen Pausen vor sich, deren Länge nicht das Deutsche Reich oder Preußen bestimmen kann; vielmehr ist der Verlauf und die Schnelligkeit der Wanderung im wesentlichen von Faktoren abhängig, z. B. von der Grenzsperre, die die Ententestaaten und andere hochvalutarischen Staaten den Wandernden auferlegen. Es wird also immer Zeitspannen geben, wo sich in Deutschland Elemente aufhalten müssen, die ihm unerwünscht sind, und für diese Zwischenzeiten muß vorgesorgt werden. Da gibt es. vom deutschen wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen, gar kein besseres Mittel als das, die „wandernde“ Bevölkerung mehr produktiven Berufen zuzuführen, sie von der Straße und den Schiebergelegenheiten wegzuführen. Das jüdische Arbeiterfürsorgeamt, das heute wiederholt genannt worden ist, hat sich in großem Umfange und mit gutem Erfolge dieser Tätigkeit hingegeben, und die etwa 15 000 jüdischen Berg- und Hüttenarbeiter und die etwa 5000 jüdischen Landarbeiter, über deren guten Eigenschaften Ihnen vorhin der Herr Abgeordnete Scholem so ergötzliche Zeugen genannt hat, bilden ein Ruhmesblatt des jüdischen Arbeiterfürsorgeamtes und der übrigen einsichtigen jüdischen Organisationen in Deutschland. Aber zu den einsichtigen Organisationen in Deutschland rechne ich nicht die deutsch-jüdischen Kreise, als deren Wortführer heute der Herr Abgeordnete Fischbeck hier aufgetreten ist. (Sehr richtig! bei der Ver. Soz.-Dem. P.) In diesem Zusammenhänge möchte ich an den Herrn Minister eine besondere Bitte richten und seine Aufmerksamkeit nochmals auf etwas lenken, was ihm ja wahrscheinlich schon bekannt ist. Es sind Bestrebungen bei amtlichen Stellen im Reiche im Gange, die Produktivierung zu erschweren, indem man sie ganz besonderen Zulassungs-, Melde- und Arbeitskartenbestimmungen unterwirft. Wir bekämen so den grotesken Zustand: wer mit der Absicht hierherkommt, unser zahlreiches Schiebertum zu vermehren, und die nötigen Geldmittel hat. um sich auf Schleichwegen eine Wohnung oder unerlaubte Vorteile anderer Art zu verschaffen, der untersteht jenen Schikanen nicht; wenn aber der einfache jüdische Arbeiter hierherkommt, um zu arbeiten, dann wird er besonderen Belästigungen von amtlicher Seite ausgesetzt. Ich meine, es ist, auch vom deutschen Standpunkt aus gesehen, wirklich nicht sinnreich, die Zuführung ostjüdischer Arbeiter zur Arbeit zu erschweren, anstatt sie zu erleichtern. Die Gewerkschaften haben in diesem Punkte bisher ihre Schuldigkeit getan. Ich hoffe, es wird nicht der Fall eintreten, daß es den Amtstellen, von denen ich spreche — sie sind im Reich zu finden — gelingen wird, die Gewerkschaften von ihrem vernünftigen Standpunkt abzubringen oder sie auch nur an ihm irre zu machen. Die deutsche Arbeiterbewegung wird, wie ich überzeugt bin, immer an den Grundsätzen gesunder Internationalität festhalten, Grundsätzen, wie sie namentlich auf dem Stuttgarter Kongreß von 1907 als die Meinung des international organisierten Proletariats festgestellt worden sind, und nach diesen Grundsätzen muß man wohl dafür sorgen, daß die einwandernden Arbeiter sogleich von Arbeiterorganisationen aufgefangen und in sie eingegliedert, nicht aber, daß sie als Arbeiter zweiter Klasse unter ein besonderes Fremdenrecht gestellt werden. Geehrte Versammlung, schließlich hat Herr Dr. Kaehler noch einen, wie ihm schien, wichtigen Grund für die Ausschließung der Ostjuden angeführt, er bezeichnet ihn mit den Worten: hygienischer Bolschewismus. Er wollte damit wohl andeuten, daß das deutsche Volk von besonderen Krankheiten, von Epidemien, bedroht sei, wenn es den Ostjuden Tür und Tor öffne. Ich glaube, die schlimmste Epidemie, die wir jetzt in Deutschland haben, ist die Alkoholpest (sehr richtig! links); sie schädigt im Augenblick die deutsche Bevölkerung wohl weit mehr, als die ansteckenden Krankheiten, die wir in Deutschland haben. Möge Herr Dr. Kaehler mit seinen volkshygienischen Sorgen hierbei anfangen; er wird bei der Bekämpfung der Alkoholpest an den Ostjuden sehr energische Bundesgenossen haben. Denn, was Sie auch sagen mögen, Herr Dr. Kaehler, in diesem Punkte werden Sie vom hygienischen Bolschewismus nicht sprechen können. Alkoholrein oder alkoholmäßig sind alle Ostjuden. Wenn Herr Dr. Kaehler einmal bei den ihm nahestehenden Kreisen der Studentenschaft und unter seinen (Abgeordneter Dr. Weyl: Parteifreunden!) — nein, ich bin gar nicht