Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 3 (19.1.1923)
- Date
- 1923-01-19
- Page
- Seite 33 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Das Jüdische Echo 33 Sache agitiert hatte, wurde sie gequält, beraubt und, ungefähr wie Vieh, nach Deutschland deportiert. Ich will davon absehen, daß der Aufruf der deutschen und österreichischen Heeresleitung vom Herbst 1914 die unmittelbare Ursache des Todes von Hunderten von Ostjuden war, die, auf Grund des Aufrufes, zur Vorbeugung von der russischen Heeresleitung oder Verwaltung glattweg aufgehängt wurden, um gar nicht erst in der übrigen ostjüdischen Bevölkerung die Neigung aufkommen zu lassen, auf die Lockungen der Deutschen einzugehen. Die Befürchtungen, die der russischen Heeresleitung von dem Aufruf herkamen, haben dann auch zu der schrecklichen Verschleppung der jüdischen Bevölkerung geführt. Sie wissen — vielleicht haben Sie es vergessen oder wollen es jetzt nicht wahr haben —, daß damals Zehntausende und aber Zehntausende von jüdischen Familien aus den nahe den deutschen Grenzen gelegenen Städten und Dörfern nach Osten hin evakuiert worden sind; eine Anzahl von ihnen hat glücklicherweise nachher den Rückweg nach Litauen usw. gefunden. Die Berufsstatistik des jüdischen ArbeiterfürSorgeamtes. die der Herr Minister heute vorgetragen hat, will Herr Dr. Kaehler mit echt wissenschaftlicher Gründlichkeit durch den Brief eines anonymen Stadtverordneten widerlegen. Daß Herr Dr. Kaehler kein Politiker ist, hat er auch dadurch bewiesen, daß er den jüdischen Organisationen vorgeworfen hat sie machten den Ostjuden das Leben in Deutschland zu behaglich. Herr Dr. Kaehler scheint niemals in der öffentlichen Wohlfahrtspflege gearbeitet zu haben oder er verheimlicht die Erfahrungen, die er dabei gewonnen hat. Er wüßte sonst, daß die stärkste und finanziell beste öffentliche Wohlfahrtspflege noch unter dem Existenzminimum bleiben muß, und daß die Behaglichkeit, die das jüdische Arbeiterfürsorgeamt oder andere Hilfsorganisationen den Ostjuden bieten könnten, schon aus finanziellen Gründen heute nicht geboten werden kann. Hat sich, Herr Dr. Kaehler, haben sich die übrigen Herren niemals die Frage vorgelegt, weshalb denn, obgleich die Verhältnisse hier nicht behaglich sind, trotz der dauernden Polizeischikanen, trotz der öffentlichen Invektiven. die sich die Ostjuden sogar von den Demokraten sagen lassen müssen, — weshalb dennoch bei den Ostjuden der Zug nach dem Westen besteht? Geehrte Versammlung, dieser Zug nach, dem Westen muß doch einen tieferen Grund haben, und ich glaube, ich kann den Grund nennen; die Ostjuden haben eine alte Sentimentalität und sie haben noch die Vorstellung, daß das Deutschland, das sie jetzt vorfinden, noch das geistige Deutschland sei. das ihnen einst der Führer Europas und namentlich der Lichtträger für den Osten war. Es ist kein Zufall, daß Sie beinahe in jeder ostjüdischen Bibliothek als Hauptwerk in der deutschen Sprache Schillers Werke finden. Aus Schillers Werken — Tausende von Ostjuden werden es Ihnen bestätigen — lernen die jungen Leute unter den Ostjuden die deutsche Sprache, und wie es für die Madame de Stael einmal ein Deutschland Schillers und Goethes gab, so ist heute noch für sehr viele Ostjuden das Deutschland Goethes und Schillers das in ihrer Auffassung allein existierende. Aber nein, sagt Herr von Eynern, die ganze Frage hat mit geistigen Dingen nichts zu tun, es ist ein Wohnungs- und Ernährungsproblem nicht nur vom deutschen, sondern auch vom ostjüdischen Standpunkt aus. und er knüpft daran die Frage: arbeiten diese Elemente in produktivem Sinne? Die Zahlen des Herrn Ministers und die Ausführungen des Herrn Abgeordneten Scholem, die sich auch auf genaues Zahlenmaterial stützen, widerlegen Herrn Abgeordneten von Eynern; ich brauche darauf nicht zurückzukommen. Aber ich war doch erstaunt, daß er aus dem reichen Material, das Herr Scholem vorgetragen hat und das auch in den Händen des Herrn von Eynern ist, aus dem reichen Material von Berichten der Gewerkschaften nur einen einzigen weniger günstigen Satz des Berichtes einer Lokalstelle der Hi'rsch-Dunckerschen Gewerkvereine verlesen hat. Ich kann nicht zugeben, daß das eine gewissenhafte Zitiermethode ist, und es spricht nicht dafür, daß Herr von Eynern dem Problem wirklich mit dem Willen zur Gerechtigkeit zuleibe gehen will. Herr Abgeordneter Fischbeck hat sich bei der Besprechung der wirtschaftlichen Schädigungen, die er den Ostjuden zur Last legt namentlich über die G o 1 d a n k a u f s s t e 11 e n ausgelassen. (Sehr richtig! bei der D.-nat. V.-P.) — Sehr richtig! Gestern ist mir die „Deutsche Zeitung“ Morgenausgabe vom 28. November 1922 in die Hand gefallen. Man sollte doch annehmen, daß die „Deutsche Zeitung“ sich der Ostjuden erwehren und ihre wirtschaftliche Tätigkeit nicht unterstützen würde. Schlagen Sie die „Deutsche Zeitung“ auf, meine Damen und Herren. Sie finden in dieser einen Nummer 17 Anzeigen von Goldankaufsstellen. (Heiterkeit und Rufe: Hört, hört! bei der Ver. Soz.-Dem. P.) Ich glaube, die „Deutsche Zeitung“ hätte selbst erkennen können, daß eine Anzahl, der Inhaber der Goldankaufsstellen penetrant jüdische Namen tragen. Aber das Gold der Ostjuden stinkt der „Deutschen Zeitung“ auch nicht, und sie nimmt es gern. Auch Herr Abgeordneter Fischbeck hat sich den Aufsatz des Herrn Dr. August Müller im „8 Uhr-Abendblatt“ in wesentlichen Teilen zu eigen gemacht. Ja aber. Herr Abgeordneter Fischbeck, wenn Sie für den freien Handel eintret e n — und das sage ich auch Herrn von Eynern, der die Wirtschaft von allen polizeilichen Zwangsmaßnahmen befreien will. — dann muß man auch die Konsequenzen des freien Handels mit in den Kauf nehmen, dann kann man es nicht verhindern, daß auch unerwünschte Elemente, die den Handel teils gar nicht verstehen, teils aber besser als die deutschen Händler und Schieber, sich mit in den freien Handel einschalten. Herr Abgeordneter Dr. Kaehler hat gerade aus den wirtschaftlichen Erwägungen heraus — und darin sind ihm Herr von Eynern und namentlich Herr Fischbeck gefolgt — einen Appell an die in Deutschland eingedeutschten Juden gerichtet, Herr Fischbeck war es ja wohl, der sich mit lauter Stimme seiner Parteifreunde annahm, der zahlreichen deutschen Juden, wie er sagte, die beste Patrioten seien und die er v o r den Ostjuden schützen müsse. Mir fiel bei dieser innigen Seelengemeinschaft zwischen Herrn Dr. Kaehler und Herrn Fischbeck der Vierzeiler eines Juden namens Heinrich Heine ein: Ach, Ihr habt mich nie verstanden. Selten auch verstand ich Euch; Nur, wo wir im Kot uns fanden. Da verstanden wir uns gleich. (Heiterkeit.) Wo sich Herr Abgeordneter Dr. Kaehler mit Hrn. Abgeordneten Fischbeck in der Aufweckung der niedrigsten Instinkte der Bevölkerung treffen kann, da vereinigt sich die Deutschnationale Volkspartei mit der Demokratischen Partei.