Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-01-19 · 3 (19.1.1923) · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
3 (19.1.1923)
Date
1923-01-19
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9147630--05424-9078093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

32 Das Jüdische Echo Nr. 5 vermittelnden, dolmetschenden Juden gewesen, ohne die Ostjuden, die der deutschen Heeresverwaltung das Getreide, die Pferde, die Wolle, die Metalle usw. zusammengebracht haben, ohne die das deutsche Heer nicht kämpfen konnte, ohne die, wie auch Ludendorff bezeugt, namentlich die Offensive im Jahre 1918 überhaupt nicht möglich gewesen wäre?! Die Ostjuden, die sich so in den Dienst der deutschen Kriegführung begeben haben, erhielten ihren Lohn von beiden Seiten. Von deutscher Seite wurden sie mit der gebührenden Undankbarkeit behandelt, und von ukrainischer und polnischer Seite hatten sie durch die Pogrome des Jahres 1919 über ihre deutschfreundliche Tätigkeit während des Krieges, zu quittieren. Die Versorgung von Heer und Heimat während des Kriegs wäre ohne die Ostjuden unmöglich gewesen, gleichviel ob es sich um die Tätigkeit deportierter Arbeiter gehandelt hat oder um die Tätigkeit von Kaufleuten und Arbeitern an Ort und Stelle in Polen und der Ukraine. Um auf das Politische zu kommen: Herr Dr. Kaehler hat uns das Ostjudentum im bengalischen Lichte des Bolschewismus gezeigt. Wenn er so sachkundig wäre, wie er es nicht ist, würde er es wissen., daß unter den führenden Bolschewisten nur sehr wenige Juden sind, in den leitenden Stellungen sind fast durchwegs Russen. Aber ich hätte von Dr. Kaehler erwartet, daß er in diesem Zusammenhang© von den ernsthaften politischen Gefahren gesprochen hätte, die von Osteinwanderern drohen, z. B. von den Mördern des früheren Senators Nabokow, von den weißgardistischen Offizieren, die in Berlin ruhige, friedliche Versammlungen benutzen, um Mordanschläge auf Miljukow zu machen. Ich hätte erwartet, etwas zu hören von dem General Biskupski und den Obersten von Freyberg und Awalow-Bermondt, von den Offizieren, die sich 1919 mit den entarteten Baltikumsoldaten und Offizieren zusammentaten und die neue Nationalhymne geschaffen und gesungen haben, die in Berlin zu hören war: Deutschland, Rußland über alles, über alles in der Welt. Ja. von diesen Ostelementen, von dieser östlichen Einwanderung, die für Deutschland sehr gefährlich ist, die in Deutschland geduldet wird und die sich der besonderen Gunst des Herrn Dr. Kaehler und seiner Freunde erfreut, von ihr hat Herr Dr. Kaehler nichts gesagt. Desgleichen habe ich in der Rede des Herrn Dr. Kaehler ein Wort über die politischen Kongresse vermißt, die in Reichenhall, in Wiesbaden und in Potsdam von weißgardistischen, antisowjetistischen, konterrevolutionären Russen, ab- /Ve uhaus ers/r. 15, gegenüber der alten Jlkademie gehalten worden sind, wo unter den Augen der deutschen Behörden Verschwörungen gegen die Sowjetregierung gestiftet werden, vielleicht auch das eine oder andere Attentat ausgeheckt und der Sturz des politischen Systems beraten wird, mit dem das Deutsche Reich immerhin feierliche, völkerrechtliche Verträge, wie den von Rapallo und den vom 6. Mai 1921, geschlossen hat. Wenn ein Vorwurf gegen die Denkschrift zu erheben ist, von der der Interpellant Herr Dr. Kaehler ausgegangen ist, so deshalb, weil sie nicht ausreichend und nicht vollständig ist. Es ist immerhin ein bedauerliches Versehen der Denkschrift, wenn sie auf Seite 8 unter Nr. IV „Ausländer“ zu a) „Verschiedene“ folgendes sagt: Einzelne Ausländer dürften sowohl während des Krieges wie vordem nur in verhältnismäßig geringer Zahl nach Deutschland eingewandert sein. Statistische Angaben darüber fehlen. Unter diesen „einzelnen Ausländern“ sind gerade die Kreise zu verstehen, von denen ich eben gesprochen habe: die Nabakow-Mörder, die Bermondt-Leute, die Offiziere und Generale, die sonst an keiner Stelle in der Denkschrift aufgeführt sind. Man spricht da von einzelnen Ausländern, — aber es sind unter den 250 000 bis 300 000 Ausländern, von denen der Aufsatz des Herrn Dr. August Müller spricht, nach den Angaben sehr eingeweihter Leute mindestens 125 000 bis 150 000 Weißgardisten und Konterrevolutionäre, die sich mit Billigung des Herrn Dr. Kaehler hier auf halten! Herr Abgeordneter Dr. Kaehler machte den schüchternen Versuch, seine Klagen in einen allgemeinen Zusammenhang zu bringen und schien das Ostiudenproblem als Teil eines großen W anderungsproblems auffassen zu wollen. Er behauptete, daß die Wanderung der Ostjuden in den 80er Jahren begonnen habe — das ist ganz falsch; — und er hatte kein Wort dafür, daß das Wanderungsproblem, wie er es sieht, im Kriege und durch den Krieg sich bedeutend verändert hat, — ja. daß vielleicht der ganze Weltkrieg als eine große Völkerwanderung neuen Stils und auf erhöhter und erweiterter Grundlage aufzufassen ist. Aber sowohl diese beiden Redner, wie vor allen Dingen der Herr Abgeordnete Fischbeck, haben alles das nur vom engsten Nützlichkeitsstandpunkt aus betrachten gut ist eine Wanderung, wenn sie den deutschen Interessen entspricht, wie ich, der Abgeordnete Fischbeck, sie auffasse; schlecht ist ein Bevölkerungselement, namentlich wenn, es vom Osten kommt, sofern es den Interessen der wirtschaftlichen Kreise schadet oder unbequem ist, die Herr Abgeordneter Fischbeck oder Herr Dr. Kaehler vertritt. Das ist ja ein Kennzeichen der politischen und militärischen Ideologie, von der die deutsche Politik in den letzten Jahrzehnten beherrscht worden ist, und Beispiele dafür hat sowohl Herr Dr. Bredt, vielleicht ohne es zu wollen, wie vor allem Herr Abgeordneter Scholem mit Willen gegeben. Der Herr Abgeordnete Scholem hat Ihnen den Aufruf der deutschen und österreichischen obersten Heeresleitung aus dem Herbst 1914 vorgetragen. Damals waren die Ostjuden nützliche Elemente; denn sie dienten dem deutschen Interesse, wie es die Herren der Heeresleitung verstanden. Nachher aber, als die ostjüdische Bevölkerung nicht ausreichend oder nicht mit dem gewünschten Erfolge für die deutsche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.