Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 3 (19.1.1923)
- Date
- 1923-01-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 3 19. Januar 1923 10. Jahrgang Deutsche u. Zentralvereins- Ostjudenpolitik Der preußische Minister des Innern Severing hat ein Memorandum zur Ostjudenfrage herausgegeben, aus welchem dieser Tage ein Auszug an die Presse verschickt worden ist. Bei der Haltung der bürgerlichen Presse in München ist es nicht weiter verwunderlich, daß wir diesen in vielen Hinsichten ungemein interessanten Auszug nur in der „Münchener Post“ vorgefunden haben. Wir veröffentlichen diesen Auszug hier nach der jüdischen Rundschau. Er zeigt, daß der preußische Minister des Innern, der schließlich nicht verpflichtet ist, sich so gründlich mit dem Teil des allgemeinen Judenproblems, der als Ostjudenfrage bezeichnet wird, so eingehend zu befassen, wie es der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens tun müßte, das Ostjudenproblem als ein internationales erkannt hat. Er regt eine internationale Behandlung an und begnügt sich nicht einfach, wie die Ortsgruppe München des Zentralvereins, „Einwanderer aus dem Osten, gleichviel welcher Konfession“, als unerwünscht zu erklären. In der letzten Zeit ist auch der Wortlaut einer Reichstagsrede des sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Cohn zur Ostjudenfrage erschienen. Diese Rede, die seinerzeit nur in Bruchstücken durch die Presse bekannt wurde, gibt einen so weiten und sachkundigen Überblick über die Ostjudenfrage und ihre Behandlung in Deutschland, daß wir es besonders im Hinblick auf die traurige Behandlungsweise des Münchener Zentralvereins für nötig halten, sie unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen. Wir dürfen es unseren Lesern überlassen, den Vergleich zwischen den Ausführungen des Abgeordneten Dr. Cohn und der „Erklärung“ des Zentralvereins zu ziehen. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens leistet sowohl der deutschen als der jüdischen Sache schlechte Dienste, indem er die Ostjudenhetze verrannter und engstirniger Antisemiten fördert. R. Die Rede des Äbg. Cohn Dr. Cohn, Abgeordneter (Ver. Soz.-Dem. P.): Geehrte Versammlung! Gestatten Sie mir, mit einem persönlichen Bekenntnis zu beginnen. Ich bin nicht O s t j u d e. Es ist möglich, daß irgendeiner meiner fernen Vorfahren in jenem Teil des Preußischen Staates eingewandert ist, der im 18. Jahrhundert von Preußen annektiert worden ist, in die Provinz Schlesien. Ich weiß nur, daß mein Großvater auch kein Ostjude war, sondern in einer Stadt mit ganz überwiegend deutscher Bevölkerung durch das Vertrauen seiner Mitbürger zunächst an die Spitze der Stadtverordnetenversammlung gestellt und nachher zum Ehrenbürger gemacht worden ist. Auch mein Vater war in seiner Heimatstadt Vorsteher der Stadtverordneten. So war es in zahlreichen Städten des deutschen Ostens. Die Träger des deutschen Gedankens und der städtischen Selbstverwaltung in sehr vielen Städten Schlesiens, Westpreußens und der früheren Provinz Posen waren Juden, deren Väter oder Großväter einmal als Ostjuden über die grüne oder über die polizeilich genehmigte Grenze gekommen sind. Diese Juden waren nicht die Nutznießer der Ostmarkenzulagen. Sie sind es auch nicht, die durch gefälschte Statistiken, um sich in den Besitz der Ostmarkenzulagen zu setzen, einen Teil der Schuld daran tragen, daß deutsche Teile von Posen und Westpreußen in die Hände der Polen gespielt worden sind; auf diese gefälschten Statistiken deutscher Beamten hat sich nachher die Entente berufen können, als es galt, eine überwiegend polnische Bevölkerung in Posen und Westpreußen festzustellen. Ich will in diesem Zusammenhänge nicht von den sehr zahlreichen Juden ostjüdischer Abstammung sprechen, die, um nur einige Namen zu nennen. Ehrlich, Liebermann, Haber, Cohnheim usw., Zierden des deutschen Geisteslebens und der deutschen Wissenschaft waren. — Herr Dr. Kaehler, daß Ihre Darlegungen sich in einem sehr engen Gedankenkreis bewegen, darauf werde ich nachher zu sprechen kommen. Aber an eins will ich Sie doch erinnern: Wo wären eigentlich; die geistigen Väter Ihrer Partei, wenn sie nicht den Ostjuden Schlesinger gehabt hätten, der später den Namen Stahl trug?! Aber, geehrte Versammlung, ich sage das ja nur, um zu beweisen, daß die Ostjuden in der deutschen Wirtschaft und im deutschen Geistesleben doch nicht nur die Nehmer sind'» wie es nach den Ausführungen der Herren Kaehler, Fischbeck, v. Eynern usw. den Anschein hätte. Sie sind in hohem Maße! Geber, sowohl in wirtschaftlicher, wie namentlich in geistiger und kultureller Beziehung. Was wäre schon vor dem Kriege der deutsche Export, nicht nur nach Rußland, sondern vor allem auch nach den englischen Kolonien, ohne die Ostjuden gewesen, die in zahlreichen englischen Kolonien Träger des größten Handels waren, und denen der deutsche Fabrikant und Kaufmann seine Waren verkauft hat?! Was wäre die deutsche Wirtschaft vor dem Kriege ohne die Ostjuden in Rußland gewesen, und was würde ohne die Ostjuden aus den Hoffnungen der deutschen Wirtschaft, auf den Wiederaufbau des Handels mit den Randstaaten, mit Polen und mit Rußland, dessen natürliche Vermittler schon durch ihre Sprachkenntnisse die Ostjuden sind?! Wenn man aber die Frage der Ostjuden geschichtlich-politisch vom deutschen Standpunkte aus betrachtet: Den Weltkrieg konnte Deutschland nur so jange Zeit führen, weil es sich auf die Ostjuden stützte. Was wäre denn die deutsche Okkupationsverwaltung in Polen. Litauen und Ukraine ohne die sprachkundigen, sprach-