Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 2 (12.1.1923)
- Date
- 1923-01-12
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Das Jüdische Echo 21 trinken dürfe. Nachdem er sich aber gesagt hatte, daß die Mehrheit stärker war und daß er gegen die Menge nichts ausrichten würde, und sich der Wahrheit erinnerte, daß man sich der Menge fügen soll, machte er sich nur noch Sorgen darüber, wie er trinken würde, ohne den Kopf zu bedecken?... Ein gelehrter Jude findet aber immer einen Ausweg: Er deckte seinen Kopf mit dem Schoß seines Kaftans zu und hielt seinen Hut dem Proletarier hin, als ob er sagen wollte: „Was soll man tun? Es ist eine Strafe...“ Wie gewöhnlich lachte der Ungläubige, der Atheist, den „Orthodoxen“ aus. er nannte ihn einen Heuchler, einen Hypokriten. Aber der „Orthodoxe“ hörte nicht auf ihn. sagte seinen Segensspruch, schlürfte mit frommer Miene die Milch und war, wie man in Amerika zu sagen pflegt: „all right“. Nachdem sich alle mit Milch erfrischt hatten, setzte sich der Arbeiter auf die Erde, unter eine der Ziegen und begann einfach zu saugen. Das konnten wir nicht mitansehen, wir wandten uns ab, setzten uns auf das herrliche Gras und begannen ein Gespräch über die Insel, auf der wir uns befanden. Aus der Tatsache, daß die Ziegen keine Angst vor uns hatten und sich melken ließen, wollte einer naohweisen, daß die Insel von Menschen bewohnt sein müsse. Ein zweiter widersprach ihm und wies das Gegenteil nach, nämlich, daß die Ziegen noch nie einen Menschen vor Augen gesehen hätten und sich deshalb melken ließen. „Wie blöde sie uns anschauen! Ist das kein Beweis?!“ Wir waren alle in guter Stimmung, viel froher, als der elende Robinson. Wir hatten süße Bananen und fette Nüsse zu essen, hatten fließendes Wasser und Zigenmilch zu trinken und brauchten nicht zu arbeiten, wie Crusoe auf seiner Insel, da wir unseren Arbeiter, den „Proletarier“, hatten, der für die anderen arbeitete, keinen etwas anrühren ließ und noch obendrein bat. es ihm nicht Übel zu nehmen. Des Morgens molk er die Ziegen. Die blöden Tiere gewöhnten sich bald so sehr an uns, daß sie nicht erst warteten, bis wir zu ihnen kamen, sondern sich von selbst einstellten und sich ungeduldig gebärdeten, damit man sie melke... Dann ging er in den Wald und pflückte Bananen und Nüsse, die er für den ganzen Tag heranschleppte. Gegen Abend pflückte er frisches Gras und polsterte die Steine in der Höhle damit aus. Schließlich vollbrachte er ein Kunstwerk: er klopfte so lange mit einem Stein gegen einen anderen, bis er ein Gefäß, eine Art Topf herstellte, in die die Milch hineingemolken werden konnte. Als er den ersten fertiggemacht hatte, begann er einen zweiten, für Wasser. Er wurde mit einem Wort unser rechte Hand. Jeder erteilte ihm Befehle, die er froh und glücklich entgegennahm, weil er — wie er sagte —, gewöhnt war, zu arbeiten... Ja, alles ist Gewohnheit. Wir. die dreizehn Robinsons auf der Insel, gewöhnten uns zum Beispiel, wenn wir aufgestanden und aus der Höhle krochen, Wasser und Milch, Bananen und Nüsse vorzufinden. Der Arbeiter legte alles zurecht. Sobald etwas fehlte, mußte er es beschaffen; fiel es nicht zu unserer Zufriedenheit aus, dann schalt man ihn und ermahnte ihn grob, es ein andermal besser zu machen. Er hörte unsere Ermahnungen schweigend an. Merkwürdig! Obwohl er ein ganz einfacher Mann war. verstand er. daß wir etwas anderes waren, als er. Wir waren nicht für grobe Arbeit geschaffen, unsere Sache war geistige Arbeit, Kopf-, Gehirnarbeit. Wir wanderten des Tags über die Insel, studierten das Land, forschten, ob nicht irgendwo Menschen wohnten, kundschafteten aus, wo wir uns befanden, an welchem Meer und in der Nähe welcher Länder... Wir hofften vielleicht einen Wohnsitz zu finden und endlich erlöst zu werden, wenn uns ein vorüberfahrendes Schiff aufnehmen, oder uns irgend ein Wunder retten 'würde ... So verging ein Tag nach dem andern, eine Woche nach der anderen, ein Monat nach dem andern — aber wir sahen keine Hilfe, wir begegneten keinem Menschen! Wir gaben endlich alle Hoffnung auf und beschlossen, uns für immer hier niederzulassen. Wir wollten ein regelrechtes Leben führen, eine Wohnstätte gründen-,’ die Kultur des Landes heben, Ordnung einführen, die Arbeit unter uns verteilen, Gesetze und Rechte ausarbeiten, nach denen der Besitz verteilt werden sollte, mit einem Wort — ein Königreich bilden, einen Staat, eine Konstitution oder gar eine Republik. Wir begannen die Arbeit mit Lust und legten den ersten Stein zu unserer Republik, zu der ersten jüdischen Republik der Welt. Es versteht sich, daß dies nicht so schnell geschah, wie es sich erzählt. Wir bitten tun etwas Geduld bis zu den weiteren Kapiteln. (Fortsetzung folgt.) Spreehsaal (Ohne Veranwortung der Redaktion) Die zionistische Bewegung ist die Renaissancebewegung des jüdischen Volkes. Sie entstand nicht nur aus der Sehnsucht nach Zion, sondern auch als Protest gegen den unjüdischen Geist des Galuthjudentums. Es ist daher eine Kritik gegen die Einführung von Gesellschaftsbällen innerhalb der Zionistischen Organisation notwendig. Die Aufmachung, Eintrittspreise, Buffet usw. sind so, daß nur. sehr gut bemittelte Kreise an den Feiern teilnehmen können. Ob das dem jüdischen Volksgedanken; sehr zuträglich ist, möchte iich dahingestellt sein lassen. Simchas Thora, Chanukkah und Purim sind doch stets Feste gewesen, die alt und jung, reich und arm brüderlich vereinten. Der Gesellschaftsanzug baut aber in diesem Falle Schranken zwischen den Klassen. Juda Makkabi wird sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er die Art des Festes, das seinen Namen trägt, erfährt. Ich möchte zuletzt noch die schüchterne Frage aufwerfen, ob in der heutigen Zeit laute Feste am Platze sind? Fritz Weißbart, München. Dienerstr. 17 III. Gemeinden-u.Vereins-lcho Die Gemeindebibliothek ist ab Januar 1923 zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag, Dienstag und Donnerstag von 5—7 Uhr, Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 10—12 Uhr. Jüdische Arbeitsgemeinschaft. Samstag, den 13. Januar, abends 8 Uhr findet im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft im Augustinerbräu, Neuhauserstraße (Jägerzimmer), ein ostjüdischer Liederabend statt. Kunstwissenschaftlicher Kurs (12 Stunden). Führungen durch die alte Pinakothek für junge Mädchen jeden Samstag halb 3 bis halb 4 Uhr,