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Das jüdische Echo · 1923-01-12 · 2 (12.1.1923) · p. Seite 20

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
2 (12.1.1923)
Date
1923-01-12
Page
Seite 20 (sequence 8)
Language
German
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20 Nr. 2 Das jüdische Echo „Wo bin ich?“ Jeder von uns dreizehn Robinsons erhob sich leise von seinem Lager, zog langsam; die noch nassen Kleider an, kroch einzeln aus der Höhle heraus, in Gottes helle Welt und begab sich zu dem rieselnden Bach, beugte sich, wusch Hände und Gesicht in dem frischen glitzernden Kristallwasser und betrachtete staunend die schöne Natur, den blühende Wald, die prächtigen Berge, die soeben aufgegangene Sonne, die mich an eine wundervoll her an wachsende Prinzessin in einem schönen Märchen erinnerte. Wir stellten uns mit dem Gesicht zum Wald, um unserer einzigen Dame die Möglichkeit zu geben, sich zu waschen und anzukleiden, wie es sich für eine Frau ziemt. Dann erst begrüßten wir einander mit einem freundlichen „Guten Morgen“ und erkundigten uns gegenseitig, wie wir geschlafen. Unwillkürlich entschlüpfte jedem dieselbe Frage: „Und was soll weiter geschehen?“ Über die wichtigste Frage des Essens und Trinkens brauchten wir uns keine Gedanken mehr zu machen: Wir hatten süße Bananen und fette Nüsse an den Bäumen und frisches Wasser in dem kristallenen, den Berg herabplätschernden Bach. Wir sollten also augenscheinlich nicht vor Hunger und Durst verkommen. Aber die Menschen haben Gewohnheiten, von denen sie schwer lassen können. Des Morgens ein Glas Tee oder Kaffee mit Milch zum Frühstück und eine Zigarre dazu — mag vielleicht unwichtig erscheinen, aber es ist doch angenehm, man möchte es nicht entbehren ... Und bekanntlich begehrt man am stärksten, was man nicht hat!... Ich erinnere mich nicht, wer zuerst Tee und Milch erwähnte, aber kaum hatte einer diese Frage berührt, als lang und breit darüber disputiert wurde... Einer wünschte Tee mit Milch, ein anderer Kaffee mit Milch, ein dritter wollte sich ohne Milch begnügen, wenn es nur Tee gäbe, ein vierter überschrie ihn, Milch ohne Tee wäre besser als Tee ohne Milch... der fünfte gab ihm recht, da man zum Tee Zucker brauchte, während man Milch ohne Zucker trinken könne. Während dieser Unterhaltung gingen wir langsam den Berg hinauf, über das herrliche Gras, atmeten den belebenden Duft der roten, gelb betupften Blumen ein. die zu unsern Füßen sprossen und bewunderten die göttliche Natur des reich gesegneten Stückchens Erde, auf das uns das Meer geworfen hatte... Als wir dreizehn plaudernd, streitend und mit den Händen fuchtelnd dahingingen, erblickten wir aus der Ferne, wie etwas Lebendiges, weiß Schimmerndes hin- und herwogte. Wir blieben stehen und suchten festzustellen, was es wohl sein könne, ob Menschen, kleine Kinder oder Zwerge, oder noch winzigere Geschöpfe. Gnomen genannt. Ich erinnerte mich des Romans „Kapitän Haribaba usw. usw.“, den ich auf dem Schiff gelesen und nicht beendet hatte. So weit ich mich erinnerte, waren die Menschen der Hottentottensekte (die in dem Roman vorkam und von der ich euch ja schon oben erzählte, — also die waren) nicht so winzig, auch waren sie nicht weiß, sondern schwarz. Selbstverständlich äußerte jeder von uns seine Meinung über die weißen Geschöpfe. Dreizehn Menschen — dreizehn Meinungen. Aber da wir und die. weißen Geschöpfe einander entgegenkamen, erblickten wir sehr bald eine Herde weißer Ziegen, gewöhnlicher Ziegen mit Bärten und Hörnern, mit kleinen, knarrenden Füßen und blöden Gesichtern. Daß die Ziegen nicht wild waren, konnte man daraus schließen, daß sie nicht flohen, sondern ganz nahe auf uns zukamen, als wären wir alte Bekannte, ihre blöden Mäuler zu uns ausstreckten, witternd und ihre Bärte schüttelnd, als wollten sie etwas von uns haben. Närrische Ziegen! Eher konnten sie uns etwas geben, als wir ihnen! „Wie meint ihr? Könnte man sie melken?“ fragte einer. „Wo sind eure Augen?“ entgegnete ein zweiter. „Wenn wir wenigstens ein Gefäß hätten,“ bemerkte ein dritter. „Wenn ihr erlaubt,“ versetzte der einfache Mann, der Arbeiter, „werde ich ein paar Ziegen melken. Warum staunt ihr so? Ich hatte in meiner Heimat eine Ziege, die ich allein zu melken pflegte.“ „In was wollt ihr denn melken?“ „Jedem in seinem Hut!“ Im ersten Augenblick rief der Vorschlag ein solches Gelächter hervor, als hätte der Arbeiter verlangt, daß wir mit einem Fuß den Himmel berühren sollten. Aber bald beruhigte sich das Gelächter. Der Wunsch nach etwas frischer, warmer Milch besiegte in uns alle Bedenken, jeder hielt dem Arbeiter — oder „Proletarier“, wie wir ihn nannten, sein Hütchen hin. Den Anfang machte der Millionär, der sich unter uns befand. Er hielt seinen Hut mit solcher Miene, etwa wie ein König, oder mindestens ein Minister den Becher in Karlsbad oder Marienbad bei dem Sprudel, um das bittersalzige Wasser hineinlaufen zu lassen... Aber was war zu tun?... Der Arzt hatte verordnet, daß er es auf nüchternen Magen zu sich nehme... Nach dem Millionär kamen wir anderen, auch die Dame mit ihrem Hut. — ... Jeder sagte ein anderes Wort, jeder griff nach der Milch und erquickte sich an den wenigen Tropfen. Als der Fromme, der „Orthodoxe“, an die Reihe kam, ereignete sich folgendes. Zuerst zögerte er, ob er solche Milch POBZELLAN-NOlBERMfifl MÜMCHEM THEATINERSTRASSE gegenüber der FtidherrnhaHe SBÖSSTi ÄÜ8WAEL IBT TAGJLICKJE LASBBEßGÄXZmSCl

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