Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 2 (12.1.1923)
- Date
- 1923-01-12
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Das Jüdische Echo 19 ungeachtet des Sturmes von links und rechts, der sich gegen seine zweistündige Rede erhob, auf den Schaden hingewiesen, den die christlichsoziale und die deutschnationale Partei Österreich durch den Universitätsskandal zugefügt hat. sowie auf den nicht geringen Schaden, den die Stadt Wien von dem Antisemitismus der sozialdemokratischen Partei im Wiener Rathaus erleiden muß. Diese Partei will keinem Juden in der Wiener Gemeinde Heimatrecht geben. Wien müsse ein internationaler Handelsplatz bleiben, oder es würde auf die Stufe eines großen Dorfes hinabsinken. Litauen Die Tätigkeit der jüdischen Zentralbank K o w n o. (J. C. B.) Die jüdische Zentralbank in Litauen hat neue Aktien in der Gesamthöhe von einer Million Lit (100 000 Dollar) ausgegeben. Ein großer Teil dieser Summe ist bereits durch Vorzeichnung gedeckt. Deutschland Die Berliner Ostjüdische Bevölkerung und die Kölnische Zeitung Berlin. In Ostjüdischen Kreisen hat der Aufsatz in der Kölnischen Zeitung von Hebrecht, einem Mitglied des Verbandes nationaldeutscher Juden über „die Ostjudengefahr“ große Unruhe hervorgerufen. In einigen Konferenzen wurde beschlossen, durch Rundfragen die Bedeutung des Ostjudentums für den deutschen Handel und für die Entwicklung der deutschen Industrie festzustellen und dadurch den Nachweis zu erbringen, daß die Behauptung* die Ostjuden seien ein für Deutschland unproduktives Element, falsch sei. Es soll eine übersichtliche Zusammenstellung derjenigen wirtschaftlichen Unternehmungen (gewerbliche Betriebe, Aktiengesellschaften usw.) veranstaltet werden, die von Ostjuden ausgegangen oder durch Unterstützung ostjüdischer Gelder in den letzten Jahren entstanden sind, und die deutsche Produktionskraft erhöht haben. Es sind außerdem Schritte geplant, um die maßgebenden politischen und geistigen Führer des deutschen Volkes durch Vorlegung des Tatsachenmaterials über das Ungerechtfertigte der Hetze gegen die Ostjuden aufzuklären. Verschmelzung des K. J. V. und des Blau-Weiß Vom 24.—26. Dezember fand in Berlin eih außerordentlicher Kartelltag des K. J. V. und eine Führertagung des Blau-Weiß statt. Im Mittelpunkt beider Tagungen stand der Vorschlag einer Fusion beider Bünde, der vom Präsidium des K. J. V. und der Bundesleitung des Blau-Weiß vorgeschlagen wurde. Nachdem beide Bünde zunächst getrennt voneinander getagt hatten, fand am Montag nachmittags und abends eine gemeinsame Aussprache statt. Am Dienstag wurde dann die Verschmelzung beschlossen. Das gemeinsame Präsidium des neuen Bundes, der sich Kartell Jüdischer Bünde (K. J. B.) Blau-Weiß nennt, besteht aus je 6 Mitgliedern beider früheren Verbände. Die Namen der Präsidiumsmitglieder sind: Martin Bandmann. Dr. Werner Bloch, Dr. Benno Cohn. Herbert Foeder, Hans Kaufmann, Dr. Fritz Löwenstein, Dr. Walter Moses.. Bruno Perl, R.-A. Felix Rosenblüth. Dr. Leo Rosenblüth, Dr. Georg Strauß, Dr. Hermann Weill. Feuilleton Die erste jüdische Republik (Nach den getreulichen Schilderungen eines Augenzeugen) Novelle von Schalom Alechem Erschienen bei Oesterheld & Co„ Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. (Fortsetzung.) Dreizehn Robinsons auf der Insel Als ich ein kleiner Junge war, las ich mit meinem Lehrer die schöne Erzählung von dem weltberühmten Crusoe, von der ich schon vorhin sprach. Ich unterbrach mich jeden Augenblick und stellte eine neue Frage, wie zum Beispiel: „Was wäre gewesen, wenn Robinson keine Nüsse zum Essen gefunden hätte? Oder wenn er aus dem Stein kein Feuer hervorgebracht hätte? Wenn kein Papagei zu ihm herbeigeflogen wäre? Wenn er nicht dem wilden Menschen begegnet wäre, dem er den Namen .Freitag4 gegeben hat?“ Wahrscheinlich langweilten diese Fragen den Lehrer dermaßen, daß er die Geduld verlor, sich beim Kopf faßte und sich das Haar auszureißen begann. Mein Lehrer war wohl etwas nervös ... „Wie kann ein Mensch so blöde sein und nicht verstehen, daß, wenn sich alle diese Dinge nicht ereignet hätten, das Buch .Robinson Crusoe4 ungeschrieben geblieben wäre!“ Ich hoffte, daß meine Leser nach dieser Vorrede die Geschichten ruhig mitanhören werden, die ich ihnen hier erzähle, ohne an mich Fragen zu stellen. Ich will annehmen, daß niemand daran zweifelt, daß nichts von allem, was ich erzähle, auch nur eine Spur übertrieben ist. Der Vergleich mit Robinson Crusoe darf überhaupt nicht aufkommen. Robinson war ganz allein, er konnte sich also das krauseste Zeug ausdenken. Wer sollte ihm die Wahrheit nachweisen? Daß ich mir etwas ausdenke, ist unmöglich, weil ich nicht allein bin. Wir sind ja Gott sei Dank dreizehn, dreizehn Robinsons auf einer Insel, dreizehn verschiedene Elemente und Charaktere, — alles Brüder eines Volkes, alle von dem gleichen Schicksal getroffen, alles Passagiere desselben Schiffes, das Schiffbruch gelitten hatte, und alle — auf dieselbe Insel hinausgeworfen, von der wir nicht wußten, was es für eine Insel war und die wir „Die Dreizehninsel“ getauft hatten. Ich kann euch bei allem, was ihr wollt, versichern, daß wir noch nie eine Nacht so gut verbracht hatten wie die erste Nacht als Robinsons auf der „Dreizehninsel“. Nachdem wir uns mit den süßen Bananen und den fetten Nüssen gesättigt und unseren Durst mit dem wohlschmekkenden Quetlwasser des klaren, kristallenen Baches gestillt hatten, der den Berg zum Wald hinunterrieselte, legte sich jeder von uns auf seinen Stein nieder, polsterte ihn mit frischem, grünem Gras auf und versank in jeneu süßen Schlaf, der den Menschen nach langer Erschöpfung, nach heftigem Ringen mit dem Tode, nach langem Hungern und Dürsten und sonstigen Leiden und Plagen überfällt. Solch ein Schlaf wird nicht durch böse Träume verscheucht, er ist ruhig und währt bis zum Morgen, bis der lächelnde Sonnenschein eines Sommermorgens hereinbricht. Man öffnet langsam die Augen, streckt die ausgeruhten Glieder... der gestrige Tag zieht mit all seinen Geschehnissen wie ein Panorama vor unsern Augen vorüber . . . man fragt sich: