Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1923-01-05 · 1 (5.1.1923) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
10 (1923)
Issue
1 (5.1.1923)
Date
1923-01-05
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103029-9148114--05398-9078067
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

s Das Jüdische Echo Nr. 1 ■11 Feuilleton Die erste jüdische Republik (Nach den getreulichen Schilderungen eines Augenzeugen) Novelle von Schalom Alechem Erschienen bei Oesterheld & Co., Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. (Fortsetzung.) Auf dem Festland „Wie könnte man wohl etwas Trinkwasser beschaffen?“ Man erging sich, wie gewöhnlich, in Vermutungen und begann darüber zu streiten, wo es wohl Wasser gebe. Mehrere behaupteten, daß sicher genug Wasser vorhanden sein werde. Wo Berge seien, müsse auch Wasser sein. Andere meinten, das sei noch kein Beweis: es könne Berge geben, ohne daß unbedingt Wasser vorhanden sein müsse. Jeder äußerte seine Meinung. Dreizehn Menschen — dreizehn Meinungen. Der dreizehnte war der einfache Mann, der Arbeiter, der immer gern der letzte war. Er entschuldigte sich, wie gewöhnlich, daß er, ein einfacher Mann, es wage, dreinzureden, wenn so vornehme Leute, wie wir, disputierten. Aber wenn wir es ihm nicht übel nähmen, wollte er seine Meinung sagen, nämlich, daß beides möglich wäre: es gebe vielleicht viel Wasser oder es gebe vielleicht auch keins. Wenn wir ihm gestatteten, wollte er nach jenem Berg hinüberspringen und sehen, ob dort Wasser vorhanden sei. Der Vorschlag wurde selbstverständlich fast einstimmig angenommen; es dauerte nicht lange, und unser Bote kehrte mit strahlendem Gesicht und mit der guten Nachricht zurück, daß am Fuß des Berges, gar nicht weit von hier, ein Bach fließe mit Wasser von 'himmlischem Wohlgeschmack! Schade, daß er keinen Eimer habe, um das Wasser zu holen — er fürchte, daß wir uns alle dreizehn selbst hinbemühen müßten. Aber wir waren gern bereit, uns dieser Mühe zu unterziehen. Wir näherten uns dem fließenden, kristallreinen Wasser, das sich langsam den Berg hinuntersohlängelte. Wir knieten nieder, schlürften von dem Wasser und stillten unseren Durst nach der Art unserer Ahnen. Wir empfanden wieder Balsam in unseren Gliedern, Erquickung im Herzen und schauten wieder zuversichtlich drein... Wir ließen uns auf dem Rasen, am fließenden Bach nieder und blickten auf die schöne, feurige Sonnenkugel, die allmählich in dem dichten Urwald verschwand. Der warme Tag wich dem kühlen Abend, der bereits über unseren Häuptern schwebte, uns mit banger Angst erfüllte und neue Sorge in uns hervorrief. „Wo werden wir unser Nachtlager aufschlagen?“ Die Meinungen teilten sich, wie immer: dreizehn Menschen — dreizehn Meinungen. Einer schlug vor, im Wald zu schlafen. Doch der andere warnte vor den Tieren. Jemand riet, den Berg hinaufzusteigen und dort ein Nachtlager zu suchen. Doch ein anderer meinte, daß wir nichts als Steine finden würden. Noch ein anderer sagte, es wäre gut, wenn wir Steine fänden, — wir würden dann ein Versteck bauen, in dem wir uns vor dem Regen schützen könnten. Während wir so sprachen, gingen wir immer weiter, bis wir uns einer großen Höhle im Berg näherten, einer Art Naturgrab... Oder vielleicht hatten es Menschenhände vor vielen tausend Jahren gegraben und hinterlassen. Auch darüber stritten wir. Dreizehn Menschen — dreizehn Meinungen. Aber daß wir hier ruhen, die Nächte hier verbringen sollten — damit waren alle einverstanden. Es blieb uns ja auch kein anderer Ausweg. Übrigens müßt ihr wissen, daß es nicht so schlimm war, wie ihr es euch vorstellt Zwar hatten wir weder Kissen, noch Federbetten und Steppdecken, aber jeder beeilte sich, den Platz, den er für sich belegte, mit frisch gepflücktem Gras auszubetten. Für die Frau wählten wir einen abseits gelegenen Platz, errichteten aus herbeigeschleppten Steinen eine Art Alkoven, betteten das Lager mit Gras aus und verhingen es mit Blättern. Die ganze Arbeit verrichtete der einfache Mann, der Arbeiter. Wir hatten es ihm nicht etwa befohlen, — Gott behüte, nein, — er verrichtete es von selbst, bat, es ihm nicht übelzunehmen, und gab uns zu verstehen, daß diese Arbeit zu ihm gehöre, weil er ein geborener Arbeiter war, gewöhnt zu arbeiten, nicht müßig dazusitzen. Trotzdem es ein wenig peinlich war, ihm die ganze Arbeit zu überlassen, erhob niemand Widerspruch. Auch wir blieben nicht müßig. Wir erörterten die überaus wichtige Frage, wo wir eigentlich seien? Kann es etwas Schlimmeres auf der Welt geben, als nicht zu wissen, wo man sich befindet?. . . Merkwürdig! Obgleich viele intelligente, gebildete Menschen, ja, Studierte, Philosophen und Gelehrte unter uns waren, fand sich kein einziger, der die geographischen Namen beherrschte und die Inseln, die sich auf dem Meer befanden, auswendig hätte hersagen können. Einer, der die besten geographischen Kenntnisse^hatte, schüttete allerhand Namen, wie aus dem Ärmel: „Sizilien, Sardinien, Sumatra, Java, Borneo, Celebes, Kuba, Jamaica, Madagascar, New-Foundland, Queenland, Rionegro, Rio Madeira, Hindustan, Indopersien, Uruguay, Paraguay...“ „Halt! Halt!“ unterbrach ihn endlich einer. „Seht nur, wohin er in der Geographie geraten ist! Von Inseln auf Berge und Flüsse!...“ „Wißt ihr, was?“ rief wieder ein anderer, „wir wollen uns für unsere Insel einen speziellen Namen ausdenken! Wie wir sie taufen werden, so soll sie heißen.“ Dieser Vorschlag gefiel allgemein. Man überlegte einen passenden Namen. Jeder schlug einen Namen vor. Dreizehn Menschen — dreizehn Nameni. Der Millionär wünschte, daß die Insel „Paris“ nach der Stadt Paris heißen solle. Der Orthodoxe, der soeben das Abendgebet beendet hatte, schlug als Namen „Gotteshilfe“ vor. Der Atheist lachte ihn aus, ihm wäre es gleich, wie die Insel hieße, er wäre auch mit dem Namen „Teufelsinsel“ einverstanden. Die Frau schwieg nicht still und schlug „Eva“ nach der Mutter Eva als Name vor. Aber da sie die einzige Frau war, wollte ihr keiner beistimmen. Einer rief, die Insel müsse „Zion“ heißen, — da fragte ein anderer: „Warum denn ,Zion‘? Warum nicht Argentinien, Brasilien, Uganda oder nach irgendeinem anderen Land?“ „Wenn ihr auf mich hören wolltet, würdet inr der Insel den Namen ,Karl Marx* geben,“ rief jemand, zweifellos der Sozialist. „Warum ,Karl Marx*?“ entgegnete ein anderer. „Warum nicht Reb Mosses? Mahomet? Spinoza, Byron, Heine, Puschkin, Buckle, Spencer?“ Aus dieser Debatte ging hervor daß unter uns dreizehn Menschen genau dreizehn verschiedene Elemente vorhanden waren, die ich der Reihe nach auf zähle:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.