Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- 1 (5.1.1923)
- Date
- 1923-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das Jüdische Echo Nr.l Gustav Landauer Ostjuden? Uns Juden, uns alle meint man, aber die augenblickliche Lage macht es noch leicht und läßt es taktisch richtig erscheinen, die Ostjuden vorzuschieben. Und der C.V. fällt, in seinen Phantasien aus dem politischen Kinderland, auf dieses Manöver glatt herein. Man braucht einen Prügelknaben für die wirtschaftliche Verelendung breiter Massen in Deutschland, für die Geldentwertung, für den Spekulantenwahnsinn, für die Folgen des heiligen Krieges. Es rast der See und will sein Opfer haben. Die Antisemiten pfeifen, und die jüdischen Edelmänner tanzen und geben den Ostjuden in aller Öffentlichkeit den Fußtritt, den d i e wahrhaftig zu allerletzt verdienen. Denn der C.V. weiß so gut wie wir. daß das Gejammer über die Überflutung Deutschlands mit ostjüdischen Schädlingen auf lügenhaften Übertreibungen beruht; daß es die deutsche Oberste Heeresleitung einst gewesen ist — lang, lang ists her —, die um die Gunst der Ostjuden förmlich buhlte und sogar jiddisch lernte, als sie die polnischen Juden für ihre politischen Zwecke brauchte und mißbrauchte; daß eben diese Heeresleitung Ostjuden massenhaft und durchaus nicht ganz freiwillig nach Deutschland importierte, weil sie Arbeitskräfte brauchte, die sie anderswo nicht so bequem „engagieren“ konnte; daß die Wohnungsnot in den Großstädten wahrhaftig nicht durch die Ostjuden, die vielfach familienweise zusammengepfercht wohnen, irgendwie wesentlich vermehrt wird; und daß, ganz positiv ausgedrückt, in zahlreichen Erwerbszweigen die Ostjuden einen unentbehrlichen und wertvollen Wirtschaftsfaktor darstellen, im westlichen Industriebezirk sogar seit Jahren zu Tausenden Schwerarbeit verrichten! Dies alles und noch viel mehr weiß der C.V. oder sollte es wenigstens wissen, wenn er beansprucht, im öffentlichen jüdischen Leben mitzureden. Und wäre gegenüber dem antisemitischen Gefasel vom internationalen Börsenkapital der Juden, das sich gegen Deutschland wendet, nicht ein bescheidener Hinweis möglich gewesen auf die nicht immer ganz durchsichtigen Finanzoperationen mancher deutscher Industriekreise, die zweifellos nicht ausschließlich nationalen Zwecken dienen, und auf die internationalen Verkettungen der ehemaligen deutschen Fürstenhöfe, für die die gesamtdeutschen Interessen gewiß nicht ausschlaggebend gewesen sind? Aber der C.V. unterdrückt seine Kenntnisse, da er keine sittliche Verpflichtung in sich verspürt, für seine bedrängten Brüder einzutreten. ' — —-—-— - gegenüber der alten JlKadern ie Jferrenfcbneiderei - Srs/Al Stoffe! -5 Superflua nocent — Überflüssiges schadet! Müssen wir wirklich betonen, daß wir uns einig fühlen mit allen Deutschen im Kampfe gegen alle Schädlinge am deutschen Volk? Im allgemeinen versteht sich das Moralische einfach von selbst — bei der Ortsgruppe München des C.V. offenbar nicht; denn sonst würde sie ja nicht Selbstverständliches betonen. Was muß man von einem Menschen halten, der, unaufgefordert, in alle Welt hinausposaunt: Hört, ihr Leute, hört doch nur: ich bin kein Lump, ich bin ein anständiger Kerl. — Die anderen, die, an deren Adresse dieses Gewimmer gerichtet ist, lachen — wir aber, wir müssen uns schämen. Ja, wir schämen uns dieser Erklärung! Und haben nur eine Hoffnung: Daß die Zentralinstanzen des C.V.. in dem wir, als in einer umfassenden Organisation von Juden, trotz allem und allem einen brauchbaren politischen Faktor zu erblicken nicht aufhören wollen und in den unsere lebendige Auffassung von Juden und Judentum ja bereits einen kräftigen Keil getrieben hat, daß also der Centralverein selbst die Erklärung und vor allem die Gesinnung seiner Münchener Ortsgruppe eindeutig desavouieren und vor allem durch geeignete Maßnahmen Wiederholungen unmöglich machen wird. Für die Ortsgruppe München des C.V. ist offenbar nie das Wort gesprochen worden: Kol jisroel arewim seh loseh — alle Juden müssen einer für den andern einstehen. Sie hat sich mit ihrer Erklärung, die allem jüdischen Verbundenheitsgefühl wie eine Faust ins Gesicht schlägt, außerhalb der jüdischen’ Gemeinschaft gestellt — wolle Gott, sie bleibe da! Für uns aber erwächst aus solchen mehr als peinlichen Entgleisungen, die den inneren Zerfall der deutschen Juden mit erschütternder Deutlichkeit enthüllen, mit vertieftem Ernst die Verpflichtung, die gesammelte Kraft unserer Arbeit einzusetzen, um vom deutschen Judentum zu retten, was noch zu retten ist. Zum Schluß noch eine Frage an die Verwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde — eine Frage, auf die wir sicherlich lange auf Antwort warten können: Fühlt sich die Gemeinde, eine der größten in Deutschland, noch als eine Em bejisroel, als eine Mutter in Israel, die all e ihre Kinder mit gleicher Liebe umfaßt? Wenn sie, wie wir in naiver Harmlosigkeit hoffen, keinen Unterschied macht zwischen Juden, die in München und solchen, die in Lodz geboren sind, zwischen Juden, die bereits vor dem 1. August 1914 in München gelebt haben, und solchem die erst nach jenem schwarzen Schabbos ins Land gekommen sind, wenn die Herren in der Verwaltung sich auch nur einen Augenblick zu vergegenwärtigen vermöchten. wie die Heroen unserer Geschichte, die uns allen in gleicher Weise heilig sind, wie Moses oder Jeremias, wie Maimonides oder Mendelssohn sich zur Frage der Ostjuden in Deutschland stellen würden — was gedenkt alsdann die israelitische Kultusgemeinde in München zu tun, um den geschehenen Chillul haschem zu sühnen? * * * Wir begnügen uns jetzt mit der Veröffentlichung dieses Artikels. Es wird naturgemäß noch weiter von dieser beschämenden Angelegenheit die Rede sein. Wir hören, daß sich demnächst eine größere Versammlung mit derselben beschäftigen wird.