Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 52 (29.12.1922)
- Date
- 1922-12-29
- Page
- Seite 636 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 647 Insel! Selbstverständlich, war unsere Lage bedeutend besser, als die traurige Lage des armen Robinson. Aber was half es uns, daß wir dreizehn waren, wenn wir keine Ahnung hatten, an welchem Weitende wir uns befanden, — ob auf einer Insel oder in einer Wüste? . . . Das schöne Gras, die Bäume und die Vöglein, die wir sahen, waren uns ein Zeichen, daß wir uns nicht in einer Wüste befanden, daß hier vielleicht auch Menschen lebten. Aber was für Menschen? Vielleicht wilde, Gott behüte, eine Hottentottensekte, deren Angehörige einander gegenseitig fraßen? Da gedachte ich des Buches, das ich auf dem Schiff vor der Katastrophe gelesen habe. Es war zufällig ein jüdischer, im Jargon geschriebener Roman, der in Amerika in der siebenten Auflage erschienen war (laut Angabe auf dem Titelblatt). Der Roman hatte einen ungewöhnlich langen Titel: „Kapitän Haribaba oder sie fahren, Diamanten zu suchen und geraten zu den Menschenfressern, auf der Insel Kukurusa. die von dem Hottentottenvolke bewohnt ist.“ Das Buch erregte in der ganzen Welt solches Aufsehen — wie es in der Vorrede hieß —. daß das Papier in den Fabriken und die Typen in der Druckerei nicht ausreichten, und Setzer aus Europa auf Sonderschiffen herbeigeschafft werden mußten. Schade, daß ich den Roman nicht zu Ende gelesen habe! Der Sturm, der sich auf dem Meer erhob, unterbrach mich mitten drin, gerade an der Stelle, an der geschildert wird, wie das Schiff auf dem großen Ozean umherirrte und die Lebensmittel zu Ende gingen, wie gewürfelt wurde, welcher der Matrosen in den Kessel geworfen werden sollte, um aus ihm eine Suppe für die übrigen Matrosen zu kochen, bis schließlich kein einziger Matrose übrigblieb, nur der Kapitän Haribaba, der nach einer Insel mit Namen Kukurusa schwamm, wo die wilden Menschen, die Hottentotten, lebten. „Das kann ja schön werden, wenn wir unter die Wilden der Hottentotten geraten sind und sie Lust bekommen, aus uns einen Braten oder Koteletts zuzubereiten, mit Frauenmilch angerichtet! Dann wäre es tausendmal besser gewesen, wenn wir auf dem Meeresgrund ertrunken oder von einem Fisch verschlungen worden wären.“ Dieser Gedanke schwirrte uns allen dreizehn im Gehirn, denn keiner von uns hatte Lust, den Wilden der Hottentottenkaste als Braten zu dienen. Eher hätte jeder von uns nicht übel Lust gehabt, einen wilden Menschen zu verschlingen, so hungrig waren wir und so erschöpft von der unfreiwilligen Reise auf dem losgerissenen Brett, die drei Tage und drei Nächt gedauert hatte. Wie ein Knochen im Halse würgte uns die Frage: „Was werden wir essen4“ Wir blickten einander mit solchen Augen an, als wollten wir sagen: „Wir wollen Knoten ziehen, wer zuerst aufgegessen werden soll!“ „Was hat das für einen Zweck, hier herumzustehen? Man muß irgendwoher Essen beschaffen,“ sagte einer der dreizehn, und zwar der Millionär, der weniger als die übrigen Hunger vertragen konnte. „Essen beschaffen! Essen beschaffen!“ rief ein anderer wütend. „Das ist leichter gesagt... Aber wie? Woher? Seht ihr denn nicht, daß wir in eine Wüste geraten sind?“ „Woher wißt ihr das?“ fragte ein dritter erregt den zweiten. „Der große Gott, der uns aus der stürmischen Flut gerettet hat, wird uns vielleicht auch Näherung finden lassen!“ sprach der einzige fromme Jude, der Orthodoxe, der unter uns war und dem die Passagiere böse Blicke zugeworfen hatten. Ein langer Streit entspann sich darüber, wo man das Essen herschaffen könnte, bis einer von uns — ich will nicht sagen, daß ich es war, damit ihr mich nicht für einen Prahler haltet — auf die Idee kam, daß wir alle dreizehn uns nach verschiedenen Richtungen begeben, dreizehn verschiedene Wege einschlagen und, sei es auf dem Feld, sei es im Wald, sei es auf den Bergen, suchen sollten, ob wir nichts Eßbars finden. Der Vorschlag war fast schon angenommen, als einer Widerspruch erhob: „Was wird sein, wenn wir uns verirren? So sind wir wenigstens alle dreizehn zusammen! Dreizehn ist nicht einer!“ Das war ein wichtiger Einwand, — alle gaben zu, daß dreizehn nicht einer waren! Aber nun handelte es sich darum, wohin wir uns zu dreizehn begeben sollten. Nach rechts oder links? Ins Feld oder in den Wald? Diese Frage rief einen neuen Streit hervor, der minutenlang dauerte, und die Meinungen gingen hier auf dem Festland ebenso auseinander wie einst auf dem Meer. Wie viele Menschen, so viele Meinungen! Dreizehn Menschen, dreizehn Meinungen! Einer wies darauf hin, daß im Wald irgendwelche Früchte wuchsen, gleichviel welcher Art. Doch ein anderer überschrie ihn, daß er zum erstenmal höre, daß in einem Wald Früchte wachsen sollten. Der dTitte mischte sich hinein und behauptete, daß es in der Welt verschiedene Wälder gebe. Wenn es dort auch keine Äpfel und Birnen geben möge, so sei es mit den Nüssen nicht ganz ausgeschlossen. Für Nüsse garantiere er. „Für Nüsse garantiert ihr? Womit garantiert ihr denn?“ „Womit ihr wollt!“ „Garantiert ihr auch für wilde Tiere?“ „Was? Wilde Tiere? Wilde Menschen sind schlimmer!“ „Viel schlimmer!“ So entspann sich ein langer, erbitterter Kampf darüber, ob man sich in den Wald begeben sollte, um Früchte zu suchen. Gott weiß, wie lange sich der Streit hingezogen hätte, wenn nicht plötzlich der Passagier des Zwischendecks, der einfache Mann, der Arbeiter, hervorgetreten wäre, der folgendes sagte: „Meine Herren! Wenn ihr es mir nicht übel nehmt, will ich euch etwas sagen. Ich bin zwar nur ein einfacher Mann, ein Arbeiter, und verstehe nichts von gelehrten Sachen... Was nützt es aber, über Dinge zu streiten, die man nicht kennt? Es ist möglich, daß der Wald reich an Früchten ist, es ist aber auch möglich, daß es dort gar keine Früchte gibt. Wenn ihr erlaubt, springe ich nach dem Wald hinüber und werde euch sagen, ob dort Früchte wachsen, oder ich werde sie pflücken und herbringen, und wir werden davon essen.“ Das war so einfach und einleuchtend, daß niemand Widerspruch erhob. Wir setzten uns auf die Steine, der Sonne gegenüber, wärmten uns, ließen unsere Kleider trocknen und jeder überließ sich seinen eigenen Gedanken. Keiner sprach. Nicht, weil man nicht wagte, die heilige Stille zu stören, auch nicht, weil man nichts zu sagen hatte, sondern aus einem sehr natürlichen Grund: Wir hatten, wie ich bereits erwähnte, einen Wolfshunger, und wenn ein Mensch das Verlangen hat zu essen, redet er nicht gern. Wenn die anderen ebenso empfanden wie ich, so fürchte ich, daß man sich gegenseitig nicht in die Augen sehen mochte, weil man imstande gewesen wäre, ein-