Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 52 (29.12.1922)
- Date
- 1922-12-29
- Page
- Seite 635 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103027-9147626--05380-9078049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
646 Das Jüdische Echo Nr. 52 TSchecho-Slowakei Der Rassenkampf an der Prager Universität Prag. (J. C. B.) Bei der Immatrikulation erklärte der Dekan der medizinischen Fakultät in seiner Begrüßungsansprache, daß die Universität im deutscharischen Geiste geführt werde und daß alle Nichtarier bloß Gäste seien, die ihre Gastpflichten nicht zu vergessen hätten. Ist auch der jüdische Rektor nur Gast? Ukraine Großzügige Ansiedlung jüdischer Ackerbauer in der Ukraine In Rußland bereitet die Jca gemeinsam mit dem Joint Distribution Committee eine grundlegende wirtschaftliche Hilfe für die ukrainischen Juden vor. Unter Leitung von Dr. A. Josef Rosen, einem bekannten amerikanischen landwirtschaftlichen Fachmann, sollen 55 000 jüdische Familien mit Genehmigung der ukrainischen Regierung auf den durch die Revolution frei gewordenen Ländereien als Ackerbauer angesiedelt werden. Tausende von Juden haben bereits diie Städte verlassen und sich auf dem Lande angesiedelt, wo sie bereits ihr. Auskommen finden. Sie brauchen Maschinen, lebendes Inventar und Anleitung. Der Joint hat 1 240 000 Dollar für diesen Zweck bestimmt und die Jca will eine gleiche Summe gewähren. (J.P.Z.) ■ 1! fflüi in [■HB ■11 Feuilleton-1 II IHÜII ilHl HI Die erste jüdische Republik (Nach den getreulichen Schilderungen eines Augenzeugen) Novelle von Schalom Alechem Erschienen bei Oesterheld & Co., Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. (Fortsetzung.) Drelzeiin auf dem Meer Wie lange das dauerte, kann ich nicht sagen. Keinem fiel es ein, auf die Uhr zu sehen. Ich erinnere mich nur, daß es lange Zeit dunkel war, immer finsterer, stockfinster wurde und daß die Zeit sich dehnte, als wäre es ein ganzer Tag, oder Tag und Nacht, oder zwei Tage und zwei Nächte... „Alter Teekessel! Was er uns vorflunkert“ mag so mancher Leser mit verächtlichem Lächeln denken. Ich stelle mir die Gesichter vor, welche die „alles besser Wissenden“ schneiden würden, wenn sie vernehmen sollten, was ich als Schiffbrüchiger, auf einem Wrack schwimmend, zu sehen bekam. Sie würden mich einen „Bluffer“ nennen, wie man in Amerika zu sagen pflegt, der Wunderdinge erzählt und aufschneidet, — wenn ich von den Fischen. Wasservögeln, dem Meergetier und den Meeresungeheuern, die halb Mensch, halb Fisch sind, berichten wollte . . . Um mich diesem Urteil nicht auszusetzen, schweige ich lieber von diesen Eindrücken und erzähle, was sich weiter zugetragen hat. Es ging nämlich alles recht gut, viel besser, als wir erwarten durften. Wir wurden mit Wucht auf eine Sandbank geschleudert, auf der große Steine herumlagen. Unsere durchnäßten, halb erfrorenen Leiber fühlten sich von warmer Luft umrieselt. Ein heller Schein drang in unsere halb verschlossenen Augen, seltsame Hitze rollte in unseren Adern. Unsere Glieder reckten und streckten sich, wir öffneten vorsichtig die Augen, fingen an zu sehen, zu hören und zu begreifen, was mit uns vorging, und konnten, wenn auch mit großer Mühe, ein Wort miteinander tauschen. „Wo sind wir?“ sagte einer. „Wo sind wir?“ versetzte ein anderer. Wir wußten nicht, wo wir waren, aber fühlten und sahen, daß wir uns auf trockenem Land' befanden. Wir richteten uns einzeln auf, standen auf unseren Füßen, schüttelten die Näße von uns ab und sahen uns nach allen Seiten um, blickten zum Himmel empor und zur Erde hinunter. Und wir sahen oben einen schönen, blauen, klaren Himmel mit der hellen, wärmenden Sonne und unten ein Stück grüner Erde, mit Gras bewachsen und mit Wäldern bedeckt... Vöglein zogen, mit ihren Flügelchen segelnd, über unseren Häuptern zwitschernd, am blauen Horizont dahin, bunte Blumen zierten das Erdenparadies. Eine seltsame Beklommenheit erfüllte unsere Herzen, wir zitterten an Händen und Füßen, wahrscheinlich vor Hunger. Wir fragten einander wieder: „Wo sind wir? Wo sind wir‘“ Allmählich konnten wir unsere Gedanken wieder sammeln... Wir fingen an zu begreifen, daß das Meer uns irgendwo auf ein Land hinausgeworfen hatte, das wir nicht kannten, auf eine Insel, deren Namen uns fremd war. Wir blickten einander an, ich zählte die Geretteten und denkt euch, — wir waren genau dreizehn! Die dreizehn Personen vom Zwischendeck, — der Millionär, der Atheist, die Frau, der Arbeiter — alle waren sie da, die ganze jüdische Kolonie, die sich auf dem Schiff zusammen gefunden hatte, kein Fremder darunter! Unwillkürlich drang ein tiefer Seufzer aus meiner Brust, Tränen quollen in meine Augen, wir hoben die Hände zum Himmel —■ alle, außer dem Atheisten, der sich zur Seite wandte — und dankten Gott und priesen unseren Retter, den Herrn, still und wortlos, jeder für sich in tiefstem Herzen. Wir sagten: „Du bist groß, o Gott! Und groß sind deine Werke!“ Auf dem Festland Jeder von euch war sicher einmal ein Kind, jeder von euch hat sicher einmal die schöne Erzählung von Robinson Crusoe gelesen. Ihr wißt, daß das Meer ihn auf eine Insel warf, daß der unglückliche Robinson so manches Jahr einsam und allein verlebte, — zuerst mit einem Papagei, dem er eine Anzahl Worte beibrachte, später mit einem wilden Menschen, dem er den Namen „Herr Freitag“ gab; daß er sich von Nüssen nährte und Kleider von Blättern herstellte. Noch eine Menge anderer Wunder habt ihr wohl in dem Buch „Robinson Crusoe“ gelesen, das in der ganzen Welt berühmt und unsterblich geworden ist. Genau wie Robinson erging es uns, den dreizehn unglücklichen Passagieren des Schiffswracks, das uns auf ein fremdes Festland hinausgeschleudert hatte. Der Unterschied war nur der, daß er allein war und wir eine Gesellschaft von dreizehn Menschen bildeten, dreizehn Brüder — zwölf Brüder und eine Schwester — von einem Volk, doch aus verschiedenen Ländern, aus verschiedenen Gesellschaftsklassen und mit verschiedenen Weltanschauungen. Dreizehn Robinsons auf einer