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Das jüdische Echo · 1922-12-22 · 50 (22.12.1922) · p. Seite 635

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
50 (22.12.1922)
Date
1922-12-22
Page
Seite 635 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 51 Das Jüdische Echo 635 man es nicht ansah, ob sie Juden oder Deutsche waren. Einer von den letzteren war ein jüdischer Bankier, ein „Millionär“. Er fuhr erster Klasse, doch er kam zum Zeitvertreib oft zu uns nach der zweiten Klasse herüber. Mit seiner schlichten, einfachen Art, die er jedem einzelnen entgegenbrächte, hatte er unsere ganz Gesellschaft sehr bald bestrickt und bestochen. Er war lebhaft, sprach schön und hörte gern Anekdoten. Wenn man ihn so vor sich sah; den Mann,mit dem Kahlkopf, den hochgezogenen Schultern, mit den dicken Lippen und der fleischigen Nase, auf der ein schwarzer Kneifer saß, in seiner einfachen Kleidung, — eine schlichte, schwarze Krawatte auf dem schlichten, weißen Hemd, ohne Gold- und Brillantschmuck, nur mit einer einfachen. dünnen Taschenuhr, die er jeden Augenblick mit zwei Fingern herauszog und an seine kurzsichtigen Augen hielt, — so dachte man sich: „Das soll ein Millionär sein? Unmöglich!“ Aber wenn man ihn sprechen hörte, fließend und rein, fast ohne das „R“ auszusprechen, oder wenn man ihn verhalten, mit halbgeschlossenen Augen lachen hörte, wobei seine Zähne zwischen den Lippen hervorschimmerten, so erkannte man, daß dieser Mann in günstigen Verhältnissen lebte, daß er zu jenen gehörte, vor denen die Menschen kriechen, denen das Glück nachjagt und die die Sorge flieht. Das einzige, was sie wünschen, ist, noch mehr geschätzt und geehrt zu werden, als es ohnehin geschieht. Zu den Schiffspassagieren,, die wirklich nicht litten und über das Meer mit seinen stürmischen Wellen spotteten, 'gehörte einer von unseren unbekannten Bekannten, ein Zwischendeckpassagier, ein gesunder Bursche, — Schlächter, Schuster oder Tischler, in jedem Fall ein Arbeiter mit ein paar Riesenhänden, auf denen der ganze Mensch ruhte. Wenn er redete, hackte er die Worte wie mit einer Axt und schlug mit der Hand dazu, wie mit einem Hammer. Er kletterte oft auf das Verdeck der zweiten Klasse und schlich um unsere jüdische Kolonie herum. Er war glücklich, wenn einer von uns ein Wort zu ihm sagte und freute sich königlich, wenn man eine Frage an ihn richtete. Auch ein weibliches Wesen befand sich in unserer Gesellschaft auf dem Schiff, eine junge Frau, etwa dreißig Jahre alt, groß und schlank, wie eine Engländerin, redselig wie eine Französin, und schön, wie ein jüdisches Mädchen. Sie kleidete sich fast wie eine Mannsperson, benahm sich wie eine Mannsperson und hielt sich gern in Männergesellschaft auf. Frauen mit Weibernerven konnte sie nicht leiden, wie sie sagte... Niemand wußte, wer sie war und wohin ihr Reiseziel sie führen werde, ebensowenig, wie wir von .den übrigen Personen etwas Näheres wußten, * nicht einmal ob sie Juden oder Deutsche waren, obgleich wir sie eher für Juden hielten. Ich war sogar überzeugt und wäre jede Wette eingegangen, daß es Juden waren. Ich erkenne die Juden an ihren Augen, an den fragenden Augen, die stets etwas wissen wollen . . . man weiß nicht, was sie ergründen möchten . . . vielleicht fragen sie euch: „Habt Ihr uns etwa schon erkannt? . . .“ Doch darauf kommt es in unserer Darstellung nicht an. Laßt euch nur sagen: auf dem Meer, wie auf dem Land fühlt man sich stets zu seinesgleichen hingezogen. Sämtliche Passagiere — soviele es ihrer gab — hatten sich nach der Nationalität gruppiert: Engländer, Deutsche, Italiener, Russen. Polen, Türken, Neger, Chinesen — alle bildeten besondere Gruppen. Auch wir hatten nichts verabredet, waren keinem Vorschlag gefolgt, uns zusammenzufinden, es machte sich ganz von selbst, daß die wenigen Juden still und wortlos eine besondere Kolonie bildeten, sich in einer Ecke des Schiffs niederließen und ein Gespräch begannen. Zuerst sprach man von gleichgültigen Dingen, doch allmählich, ohne es zu merken, ging man zu jenen Dingen über, die jeden einzelnen bedrängten. Wir sprachen über die Juden im allgemeinen, über unsere Vergangenheit, über unsere Lage in verschiedenen Ländern und über die Zukunft des jüdischen Volkes. Zuerst redeten nur die ausgesprochenen Juden, bald aber beteiligten sich am Gespräch auch die anderen, denen man nicht ansah, ob sie Juden oder Deutsche waren. So mancher Tor hielt sie womöglich für Deutsche, weil sie deutsch sprachen. Je länger man sich unterhielt, um so mehr löste sich aller Zweifel, daß sämtliche Mitglieder unserer Gruppe Juden waren, Juden aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Berufen und mit verschiedenen Ansichten. Wir waren unserer dreizehn, dreizehn Juden aus dreizehn verschiedenen Welten, das heißt, jeder von uns bildete eine Welt für sich. Das Gespräch war, wie ich schon erwähnte, anfangs gleichgültig und kalt, wurde aber allmählich immer wärmer, bis es sich schließlich so erhitzte, daß die übrigen Passagiere, die sich auf dem Verdeck befanden, sich für uns zu interes- "RbuThallmaier München ThßajtmerftrAd.!MmcoüanB

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