Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 50 (22.12.1922)
- Date
- 1922-12-22
- Page
- Seite 636 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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636 Das Jüdische Echo Nr. 51 sieren begannen und am Bord stehenblieben. Sie taten, als ob sie ins Meer schauten, aber in Wahrheit hörten sie unserer Diskussion zu. Die Debatte wuchs zu einem Meinungsstreit, bei uns würde man sagen, zu einer Zänkerei, einem Jahrmarktsgeschrei, einem Krawall. Jeder wollte den anderen überzeugen, daß seine Meinung die allein richtige sei. Um durchzudringen, mußte immer lauter und erregter gesprochen werden, — wer überzeugen wollte, mußte die anderen überschreien. Das ist eine alte Geschichte. Wer lauter schreit, wirkt überzeugender. Wir schrien also alle, fuchtelten mit den Händen und bemerkten gar nicht, daß das Meer unruhig wurde. Kleine, dichte schwarze Wolken waren plötzlich aufgetaucht, breiteten sich, immer länger und breiter werdend, über den Himmel aus und verschlangen die Sonne. Das Meer sang seine traurige Weise, die Wellen stimmten brausend ein. Das Schiff fing an sich zu wiegen und zu schaukeln, es drehte sich hin und her. Und dann — Glocken läuteten, die Musik gab ein Signal, die Matrosen eilten hin und her. Die Maschinen rasselten, die Räder drehten sich knarrend, dröhnende Schläge gegen die Kanten wurden vernehmbar, wie tausend Donnerschläge, und bevor man sich versah, wurde das Krachen so gewaltig, als ob der Boden sich unter uns in unzählige Teile gespalten hätte. Es dauerte gar nicht lange, und sämtliche Passagiere der Schiffe lagen regellos durch-, über- und untereinandergeschmissen. Wir fühlten, wie ein kalter, nasser Strom uns umbrauste, sich über uns ergoß, uns hinunterzog. uns emporhob und uns mit dem Wasser in einen Abgrund schleuderte . . . Das alles geschah mit so blitzartiger Schnelligkeit, daß wir keine Zeit hatten zu überlegen, was mit uns vorging . . . Wie verlorene Schafe scharten wir uns in der drohenden Gefahr zusammen, klammerten uns, im Wasser zappelnd, mit den Händen an das Wrack, die Bretter und die kalten, glatten Eisenstangen, an denen wir uns mit aller Kraft festhielten. Noch einen Augenblick, und wir verloren die Zeitrechnung, die Einteilung von Tag und Nacht, die Erinnerung an unsere Namen und an alles, was uns umgab. Wir wußten nur. daß wir getragen, hin- und hergeworfen, hinauf- und hinuntergeschleudert wurden, wir fühlten, wie das Blut in unseren Adern erstarrte, wir spürten* wie unsere Glieder einzeln abstarben. Wir hörten auf zu sehen, zu hören, zu fühlen, — wir ergaben uns-wir waren nicht mehr wir... Alles dies bezieht sich auf meine Mitreisenden. Ihr dürft nicht glauben, daß ich prahle, wenn ich euch erzähle, daß ich mich auf einem Platz behauptete, der mir die Möglichkeit bot zu beobachten, wie jeder meiner Mitreisenden mit den Meereswellen rang und sich um keinen Preis ergeben wollte. Bei dem Millionär war das sehr begreiflich. Welcher Millionär möchte wohl gern sterben? Höchstens ein solcher, der seiner Millionen, der Ehren und der ganzen Welt so überdrüßig ist, daß er einmal versuchen möchte, wie es einem in der „anderen Welt“ gefällt. Ihr hättet aber den Atheisten, den Ungläubigen, sehen sollen, der während der Fahrt Gott leugnete und sich aus der ganzen Welt nichts machte, dem die Welt nicht mehr galt, als ein Zigarettenstummel. Wie er jetzt mit den Händen arbeitete, seufzte und stöhnte und Gott zu Hilfe rief! ... Die Frau, die männliches Wesen und so große Zurückhaltung zur Schau trug, verlor alle Geistesgegenwart, sank aus einer Ohnmacht in die andere, aus der sie immer wieder erwachte, wenn ihr das Wasser ins Gesicht peitschte. Weib bleibt Weib... Eine Freude war es, den Passagier des Zwischendecks zu beobachten, den Arbeiter mit den Riesenhänden! Er gab mir mit dem Kopf Zeichen, daß ich mich mit beiden Händen an dem eisernen Haken festhalten möge, den er mit einer Hand umklammerte, während er mit der anderen die bedauernswerte Frau hielt, die sonst vor Schwäche vom Brett hinuntergeglitteii und ihr frühzeitiges Grab auf dem Meeresgrund gefunden hätte. (Fortsetzung folgt.) Gemeindenu. Vereins-Echo Die Chaluzim-FürSorgestelle teilt uns mit: Mittwoch, den 20. Dezember passierte eine Gruppe von 36 deutschen Chaluzim, ausschließlich Bauhandwerker, München, Dank der guten Fürsorge der hiesigen Organisation konnte dieselbe den nächsten Anschluß nach Triest erreichen. Sie fuhren, dankbar über die freundliche Aufnahme in München, im reservierten Wagen nach Salzburg weiter. Für nachstehend ausgewiesene Spenden wird an dieser Stelle bestens gedankt. Aron Kohn 3000.—, bei Verlobung Schorr-Lublinsky 1000.—, J. Epstein 1000.—, L. Langenbach 1000.—. Chaluzim-Fürsorge Rothmundstraße 6. Bar Kochba München. Der Turnbetrieb sämtlicher Abteilungen ist während der Weihnachtsferien geschlossen und beginnt wieder am 8. Januar 1923. Schachklub „Lasker“. Nächster Spielabend wegen Weihnachten und Neujahr erst am 7. Januar 1923 im neuen Lokal (voraussichtlich Restaurant „Torbräu“ am Isartorplatz). Näheres wird noch bekanntgegeben. Achi-Esser, Nürnberg. Der Verein hatte am Samstag abend im Vereinslokal, Feuerweg 6, seine diesjährige ordentliche Generalversammlung, die sehr gut besucht war. Es wurden neu gewählt: 1. Vorstand Herr Max Hertstein, 2. Vorstand Herr Moses Katz. 3. Vorstand Herr Leib Sonnenblick, 1. Schriftführer Herr Sally Time, 2. Schriftführer Herr Albert Katz, 1. Kassier Salomon Hertstein, 1. Beisitzer Hermann Messinger, 2. Beisitzer David Berger, 3. Beisitzer Jacob Bornstein, Bibliothekar Albert Katz. Der vom Vorstand eingereichte Geschäftsbericht zeigte, daß der Verein sehr stark unter der Geldentwertung zu leiden hatte, umso mehr als sich die durchreisenden Armen stets vermehren. Es wurde allgemein zum Ausdruck gebracht, daß alle hier lebenden Ostjuden sich enger zusammenschließen müssen, um der Vereinstätigkeit eine breitere Grundlage zu geben. Es wurde ferner der Beschluß gefaßt, darauf hin zu wirken, daß in allen ostjüdischen Kreisen Nürnbergs das Echo abonniert werden muß, damit die hiesigen Ostjuden über die Entwicklung der Dinge im Judentum Bayerns unterrichtet sind. Wir geben gleichzeitig bekannt, daß am Samstag. den 23. Dezember, abends 8 Uhr in den Räumen des Hotels „Deutscher Hof“ ein großes Chanukkahfest verbunden mit Ball stattfindet, wozu alle Mitglieder und Bekannte freundliehst eingeladen sind. Würzburg. Die hiesige Aufführung des neuen Palästinafilmes bedeutete in jeder Beziehung einen großen Erfolg. Während gewöhnlich Ver-