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Das jüdische Echo · 1922-12-22 · 50 (22.12.1922) · p. Seite 634

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
50 (22.12.1922)
Date
1922-12-22
Page
Seite 634 (sequence 6)
Language
German
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634 Das Jüdische Echo Nr. 51 lens bekundet hatte. Der jähe Tod Narutowiez’ ist ein furchtbares Signal für die ungeheure Gefahr der Vergiftung der Massen, insbesondere aber der jungen Generation, die berufen ist, in der Zukunft ihr Volk zu führen. Es ist ein Attentat, wie wir es in den letzten Jahren schon so oft erlebt haben. Seine Quellen sind die gleiche«, aus denen der Tod Rathenaus und Erzbergers kam. Nicht nur Deutschland ist durch das große Unglück des Krieges seiner Selbstbesinnung und Disziplin beraubt worden. Auch andere Völker, die als Sieger gelten, sind bis in die Seele infiziert und überall tritt die Seuche am stärksten unter der moralisch oder psychisch widerstandsunfähigen Jugend hervor. Sie wurde und wird in dem Gedanken erzogen, das jüdische Volk als den Urheber und Nutznießer der Kriegskatastrophe hassen zu müssen, und sie tut es. Sie wird zu der unbedingten Anbetung der Gewalt angehalten von denen, die ihr Vorbild sein sollen, die ihre Erziehung leiten und sie darauf vorher eiten sollen. Tüchtiges zur Entwicklung der Menschen zu tun. Ohne Halt, sittlich depraviert, ohne Kenntnis der Menschen und Dinge, der Zusammenhänge in der staatlichen und wirtschaftlichen Gemeinsamkeit, taumelt diese Jugend immer tiefer in die Gasatmosphäre des Hasses. Man drückt ihr die Waffe in die Hand und sie mordet. In tiefster Erschütterung nimmt man die Nachricht von dem Tod Narutowiez’ entgegen, der in der vollen Kraft seines Schaffens, 57 Jahre alt, auf dem Schlachtfeld der Politik gefallen ist. Der Christ starb für das jüdische Volk, dessen Herz getroffen werden sollte. Das polnische Volk hat einen schweren Verlust erlitten. Es hat wieder einen seiner Söhne für die Sache der Freiheit und des Rechtes fallen sehen und mit allen anderen Nationen1 neigt sich auch das jüdische Volk an dem frischen Grab. Die Rolle der Juden in Polen In einem vom Lodzer Rozwoj-Bund erlassenen Aufruf wird darauf hingewiesen, daß von den 16 Millionen Juden in der ganzen Welt sich allein in Polen vier Millionen befinden. Dabei wird unterstrichen, daß in Polen die Zahl der Juden das Fünffache der jüdischen Einwohnerschaft Palästinas beträgt. Ferner wird darauf hingewiesen, daß die Juden 70% des polnischen Handels, 86% der Industrie und 52% des Handwerks in ihren Händen haben. In den polnischen Städten soll die Zahl der Juden die der Nichtjuden um 750 000 übertreffen. Rumänien Die Pogromwelle in Rumänien Nach den von uns berichteten antisemitischen Kundgebungen und Ausschreitungen der Studentenschaft in Klausenburg und Bukarest zög am vorigen Freitag, wie die „Voss. Zeitung“ meldet, in Jassy, einer Stadt mit überwiegend jüdischer Bevölkerung, nach einer studentischen Versammlung eine 2000 Personen zählende Volksmenge vor die Blätter „Opinia“ und „Lumea“ und zertrümmerte die Redaktionen und Druckereien vollständig. Der Schaden beläuft sich auf Millionen. Sämtliche jüdischen Geschäfte sind geschlossen. Nachmittags kam es zu neuen Unruhen und Zusammenstößen. bei denen viele Personen verletzt wurden. Ungarn Ein klassisches Urteil Budapest. (J. C. B.) Der Militärgerichtshof verkündete am Sonnabend das Urteil in dem Prozeß gegen den der Quälerei und des Mordes an dem Großhändler Landau beschuldigten Oberleutnant Dausky und Genossen. Dausky wurde wegen Amtsvergehens, begangen durch die Mißhandlung der beiden: Landau, Vater und Sohn, schuldig erkannt. Unterleutnant Paul Diskovsky wurde gleichfalls des Amtsvergehens schuldig gesprochen, weil er die beiden Landaus zwang, drei bis vier Liter Wasser zu trinken, sowie ein antisemitisches Spottlied zu singen. Der Offizierstellvertreter Ladislaus Conda wurde wegen Mitschuld verurteilt. Oberleutnant Dausky erhielt sechs Wochen (!) Professorenarrest, Diskovsky und Gonda je zwei Wochen (!) Professorenarrest zuerkannt. Die Strafen sind durch die Untersuchungshaft verbüßt. Feuilleton Die erste jüdische Republik (Nach den getreuliehen Schilderungen: eines Augenzeugen) Novelle von Schalom Alechem Erschienen bei Oesterheld & Co., Berlin. Zu haben in der Ewer-Buchhandlung, München, Wagmüllerstraße 19. üreizelm auf dem Meer Die ersten Tage der großen Wasserfahrt hatten wir, Gott sei Dank,, überstanden. Jeder von uns überließ dem Meer, was dem Meere zukommt, ohne das geringste zu unterschlagen: der eine gab mehr, der andere gab weniger, dieser kapitulierte früher, jener wieder später. Einer unserer Schiffsbrüder, der uns aber sonst kein Bruder war, der sich als Mensch ausgab, der an nichts glaubte und nichts fürchtete, und den wir deshalb den Atheisten nannten, war der einzige, dem das Meer anscheinend nichts angetan hatte. Er aß für uns alle, wandelte stolz auf dem Verdeck und pfiff ein Lied dazu, so lange, bis ... er eines Tages verschwand. Zwei volle Tage blieb er fort, — er saß wahrscheinlich unten in seiner Kajüte . . . Am dritten Tage, als ich ihn wiedersah, schaute er etwas blaß aus. Er spazierte wieder herum und pfiff dazu wie früher, aber er war doch nicht derselbe. Es reizte ihn mehr, mit ausgestreckten Beinen dazuliegen und zu beobachten, wie das Schiff sich von Osten nach Westen und von Norden nach Süden bewegte, wie die Wellen einander jagten, gleich weißen Lämmern, die in endloser Zahl daherkamen, man wußte nicht, woher, und wieder verschwanden, man wußte nicht, wohin. Wenn man sich eine Weile der Betrachtung hingegeben hat, ermüdet man allmählich. Man erhebt die Augen zum Himmel und erblickt die Sonne. Einsam erscheint sie auf dem weiten Meer ohne Land, ohne Bäume, ohne Häuser, ohne Wege, ohne Eisenbahn und ohne hin- und herrennende Menschen . . . Man schließt die Augen und zählt, wie viele Tage man schon gefahren ist und wie viele man noch fahren muß, bis man schließlich einschlummert und von roten Blumen träumt, die mit den Köpfen wackeln und mit dem Träumenden eine Quadrille tanzen. Auf dem Schiff bildeten wir eine Gesellschaft von Bekannten, weitläufig Bekannten, unbekannten Bekannten und ganz Unbekannten. Darunter gab es ausgesprochene Juden und solche, denen

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