Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 49 (8.12.1922)
- Date
- 1922-12-08
- Page
- Seite 612 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 49 611 Das Jüdische Echo dl« Delogierung der Mensa und des Studentenheims an. Ein Memorandum der Budapester Kultusgemeinde an den Minister für Volkswohlfahrt blieb unberücksichtigt. Der liberale Abgeordnete von Debreczin Paul Kiß versuchte persönlich beim Minister zu intervenieren, wurde jedoch nicht vorgelassen. Hingegen bestätigte der Minister für Volkswohlfahrt den Delogierungsbeschluß. Tatsächlich wurde letzten Montag um halb 8 Uhr früh die Räumung der Mensa und des Studentenheims in der brutalsten Weise durchgeführt. Beamte und Träger erschienen im Internat warfen die Kleider, Bücher und sonstige HabseLigkeiten der Studenten sowie die Möbelstücke auf die Qasse. Dasselbe geschah in der Mensa. Dadurch wurden die armen Studenten obdachlos und auch der Möglichkeit beraubt, ein dürftiges Mittagsmahl zu genießen. ■MH——I feullletoi. lillBilllllllillliilliliiiBllül Die Hand Martha Nothmann Schnee, Schnee... Die hartgefrorene Landstraße liegt wie ein graues Band zwischen den verschneiten Feldern. Aaron wickelt sich fest in seinen mächtigen Zobelpelz, und läßt die Pferde tüchtig ausholen. Plötzlich scheuen die Tiere. „Verflucht! Zigeuner!“ Im Nu ist der Wagen umringt. „Eine Gabe, schöner Herr, Hunger, Hunger!“ „Gebt den Weg frei“, schreit Aaron. Die Zigeuner klammern sich an Sattel und Zaumzeug. Aaron hebt drohend die Peitsche. „Werdet Ihr wohl loslassen!“ keucht er blaurot vor Wut. Schabbes ist vor der Tür, und die Luft schneidet wie mit Messern. Aber die Zigeuner stehen wie eine Mauer. „Hunger, Hunger, Hunger!“ „Verdammte Hunde!“ Aaron läßt die Peitsche auf die Pferde niedersausen und treibt sie rücksichtslos durch die Zigeuner hindurch, die fluchend Zurückbleiben. Nur edh junger Bursche läuft noch neben dem Wagen her. Die eine Hand umklammert den Wagenschlag, die andere ist bittend emporgestreckt. Es ist eine jämmerliche Hand. Um blaugefrorene Finger ist ein schmutziger Verband gewickelt, der von Blut und Eiter starrt. Aaron fühlt die widerliche Hand an seinem Pelz. Voll Wut und Ekel schlägt er mit der Peitsche auf die bittend ausgestreckten Finger.- Kurz vor Sabbatanbruch kommt Aaron nachhaus. Da er seit einem halben Jahr verwitwet ist, nimmt er selber die Leuchter vom Schrank und zündet sie an. Aber was ist das? Kaum hat er das Licht angezündet, so ist es auch schon wieder erloschen. Er versucht es ein zweites, ein drittes Mal. Sind die Lichter schlecht? Sind die Streichkörper feucht geworden? Er nimmt eine neue Schachtel, da- „Großer Gott!“ Schaudernd läßt er die Schachtel fallen. „Großer Gott!“ Er hat gesehen, deutlich gesehen, wie eine Hand aus dem Dunkel heraus das Licht ausgelöscht hat. Es ist eine jämmerliche Hand. Um blaugefrorene Finger ist ein schmutziger Verband gewickelt, der von Blut und Eiter starrt. Blutrot flammt das Mal eines Peitschenhiebes auf. Von Entsetzen geschüttelt, stellt Aaron die Lichter von dem weißgedeckten Tisch. Stöhnend verbirgt er das Gesicht in den Händen. Wie soll er den Kindern in$ Auge sehen, wenn sie nach den Lichten fragen? Was soll er den Mägden sagen? Ein Sabbath ohne Lichte! Stumm sitzt Aaron unter den Verstummten- Aaron geht nunwie unter einer schweren Last umher. Nicht einmal seinen Knechten wagt er ins Angesicht zu sehen. Ist er nicht ein Gezeichneter vor dem Herrn? Ist nicht sein Fenster das einzige in Israel, das am Sabbath dunkel bleibt, und sein Tisch der einzige ohne Lichterglanz? Seine Tage sind ihm vergällt, und seine Arbeit macht ihm keine Freude mehr. Das Schlimmste aber sind die Nächte. Schlaflos liegt er Nacht für Nacht. Er glaubt die Hand zu sehen, die verbundene Hand, die sich vergeblich nach ihm ausgestreckt hat. Und da ist noch eine Hand und noch eine! Die Dunkelheit wimmelt von flehend geöffneten Händen. Da sind weiche Kinderhände, verrunzelte Greisenfinger, da sind schwele Männerfäuste, und die schwachen Hände von Kranken. Hat er so viele Hände zurückgestoßen? Hat er so viel Flehen unerhört gelassen? Jetzt kommen sie allnächtlich, all diese Hände, und fordern die Gabe, die er verweigert hatte — Schließlich geht Aaron zum Rabbi. Der heilige Mann sitzt im Kreise seiner Schüler. Der reiche Aaron bleibt scheu in der Tür stehen, aber der Rabbi winkt ihm näher zu treten. Lange schweigt er. Schließlich sagt er leise und bestimmt: „Die Hände, die des Armen Hand zurückgestoßen haben, sind nicht würdig, die Lichter des Herrn zu entzünden.“ Wie ein zu Tode Erschöpfter sinkt Aaron zu des Rabbi Füßen. „Rabbi, Erbarmen, was soll ich tun? Wie kann ich mich entsühnen? Welche Buße befiehlst Du? Welche Strafe erlegst Du mir auf? Erbarme Dich meiner, und erlöse mich von dem furchtbaren Fluch!“ Der Rabbi schüttelt das Haupt. „Ich kann Dir nicht helfen. Die Hand^ die Deine Lichter ausgelöscht hat, wird es Dir wieder entzünden.“ — -Aaron hat alle seine Diener ausgesandt, Aaron hat überall Boten hingeschickt — er läßt den Zigeunerknaben mit der verbundenen Hand suchen. An allen Orten läßt er nachforschen, eine hohe Belohnung hat er ausgesetzt für den, der den Knaben bringt — aber alles ist vergeblich. Da macht er sich selbst auf den Weg. Er läuft auf den Straßen umher, er sucht auf den Chausseen. Er sucht die Hütten der Armen auf, und die Herbergen, in denen sich heimatloses Volk aufhält. und überall, wo er auch hinkommt, teilt er mit vollen Händen aus. Er gibt ohne zu fragen, er gibt ohne zu prüfen. Wo er eine ausgestreckte Hand sieht, da legt er eine Gabe hinein. Er kleidet die Nackten, er hilft den Bedürftigen, und den Hungrigen teilt er sein Brod. Wer hat der Frau des Melamed beigestanden, als ihr Mann plötzlich starb? Wer hat die Tochter des armen Thoraschreibers verheiratet? Aber nichts vermag den Druck von seiner Seele zu nehmen. Schwer fühlt er die Hand Gottes auf sich lasten.--- Jahrmarkt ist's.-