Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1922-12-08 · 49 (8.12.1922) · p. Seite 611

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
49 (8.12.1922)
Date
1922-12-08
Page
Seite 611 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/9072829-9103027-9147355--05354-9078023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

610 Das Jtidische Echo Nr. 49 Österreich Deutsch-Völkische Studentenkrawalle in Wien Wien. Die Vorgänge an der Prager Deutschen Universität haben in Wien ein Eduo gefunden. An der Wiener Universität und den übrigen Hochschulen hielten die deutsch-völkischen Hörer Versammlungen ab und beschlossen, von den Rektoren die Zusicherung zu verlangen, daß kein Jude Rektor oder Dekan werden und daß sowohl unter den Vortragenden als auch unter der Hörerschaft höchstens 10 Prozent Juden sein dürften. An der Hochschule für Welthandel, deren Hochschulcharakter übrigens zweifelhaft ist, erzwangen die antisemitischen Studenten, unterstützt von denen der Hochschule für Bodenkultur, die Einstellung der Vorlesungen. Wien. (Frkft. Ztg.) Nachdem schon gemeldet worden ist, daß die Hochschule für Welthandel und die Hochschule für Bodenkultur infolge von Zusammenstößen zwischen deutschnationalen; und jüdischen Studenten geschlossen worden waren, wurde auch der Unterricht an allen übrigen Wiener Hochschulen eingestellt. Es handelt sich dabei', wie erklärt wird, um einen Solidaritätsstreik deutschnationaler Studenten für die Kollegen der genannten Hochschulen. Es wird jedoch beabsichtigt, die Wiederaufnahme des Unterrichts zu hintertreiben oder wenigstens die willigen Studenten am Zutritt zu den Hochschulen zu verhindern. Für den Augenblick empfiehlt es sich wohl, die weitere Entwicklung abzuwarten, bevor man ein Urteil darüber abgibt, ob es sich um eine vorzugsweise auf jugendliche Radaulust oder Schiwänzung des Unterrichts gerichtete Bewegung handelt, die keine weiteren Folgen haben dürfte, oder ob man es mit einer vorbedachten antisemitischen Hetze zu tun hat, zu der sich die deutschnationale Jugend allerdings durch die auffällige Betonung des „deutschen und christlichen“ Standpunktes in der jüngsten Rede des Bundeskanzlers einigermaßen ermuntert fühlen kann. Vor der Universität und am anatomischen Institut kam es wiederholt zu Prügeleien. (An dem antisemischen Charakter der Bewegung ist nicht zu zweifeln.) TSchecho-Slowakei Ein Antrag der Deutschnationalen auf Einführung des Numerus clausus an sämtlichen Hochschulen der Tschechoslowakei Die Deutschnationalen, deutschen Christlichsozialen und Nationalsozialisten für den Antrag. Sämtliche Tschechen mit einer Ausnahme dagegen. Das „Prager Tagblatt“ medet: Die deutschnationalen Abgordneten Schollich und Radda haben in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 29. November einen Antrag auf Einführung des Numerus clauses an der Universität eingebracht. Der Antrag hat folgenden Wortlaut: „Die Regierung wird aufgefordert, sobald wie möglich einen Gesetzentwurf vorzulegen, laut welchem an sämtlichen Hochschulen für die Hörer und Lehrer jüdischer Nationalität der Numerus clausus im Verhältnis der Bewohnerschaft eingeführt wird.“ Der Antrag ist unterschrieben von den Deutschnationalen Feyerfeil, Lehnert, Kallina, Matzner, Brunnar, Schollich, Radda, Lodgman, Kraus, von den Nationalsozialisten Knirsch, Wenzel, Patzel, Jung, von den Christlichsozialen Schälzky, Feierfeil, Soharnagel, Luschka, Petersilka, Mark und Budig. Der Antrag wurde vom Hause abgelehnt. Von den Tschechen stimmte nur der Klerikale Myslivetz für den Antrag, aber erst als die Deutschnationalen an seinen Antisemitismus appelliert und ihn an sein Versprechen, für diesen Antrag stimmen zu wollen, erinnert hatten. Der Appell an die Nationaldemokraten, für diesen Antrag zu stimmen, weckte nicht das leiseste Echo. „Nasch Kurier“ Organs der poln. Zionisten W arschau. Große Sensation ruft hier die Tatsache hervor, daß die zionistische Organisation Polens das in polnischer Sprache erscheinende offizielle Organ der Folkisten '„Nasch Kurier“ durch Kauf erworben hat, um dasselbe in das offizielle Organ der polnischen Zionistenpartei umzuwandeln. Die Redaktion des zionistischen „Nasch Kurier“ wird der bisherige Redakteur der Zeitung „Owiny Codzienne“, Berkelhammer, leiten. Ungarn Das Urteil Im Landau-Prozeß Budapest. (Tel. d. „Wr._ Morgenzedtung“.) Die geständigen Mörder des Weinhändlers Landau haben die volle Gnade des Militärgerichtes erfahren. Das Urteil, das heute gefällt wurde, ist eine zynische Verhöhnung jedes Rechtsempfindens. Der Oberleutnant Dansky, der die scheußlichen Folterungen anordnete, erhielt sechs Wochen Zimmerarrest; seine Gesellen, der Unterleutnant Paul Liskovsky und der Kadett-Stellvertreter Ladislaus Gouda, je zwei Wochen Zimmerarrest Die Strafe ist durch! die Untersuchungshaft verbüßt. Ein ungarisches Kulturbild Budapest. In Debreczin war von der jüdischen Einwohnerschaft anläßlich der Gründung der Tisza-Universität ein jüdisches Internat, verbunden mit einer jüdischen Mensa, errichtet worden. Im vorigen Jahre hat das Haus, in welchem die beiden' jüdischen Wohlfahrtsanstalten untergebracht waren, den Besitzer gewechselt, und der neue Hausbesitzer, Universitätsprofessor Stephan Kiß. hatte nichts Dringenderes zu tun, als um die Evakuierung der Mensa und des Studentenheims einzuschreiten. Das Wohnungsamt war humaner als der Hochschulprofessor und wies das Ansuchen ab. Der wegen seines Antisemitismus gefürchtete Obergespan Ludwig Miskolczy, der gleichzeitig das Amt eines Wohnungskommissars für das Debrecziner Gebiet bekleidet, setzte sich über die Entscheidung des Wohnungsamtes hinweg und ordnete ELEGANTE PELZE PELZMODE-HAUS PAULF. SCHWABE MÜNCHEN / KAUFINGERSTRASSE 23

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.