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Das jüdische Echo · 1922-12-01 · 48 (1.12.1922) · p. Seite 596

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
48 (1.12.1922)
Date
1922-12-01
Page
Seite 596 (sequence 4)
Language
German
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596 Das Jüdische Echo Nr. 48 daran, solche Anstalten und diejenigen, die ihnen vorstehen, erhalten zu wissen. Weiß er doch nicht, ob er nicht selbst einmal in die Lage kommt von ihnen Gebrauch zu machten, ist er sich doch des Umstandes bewußt, daß der Untergang solcher Einrichtungen zu mindestens eine ungeheure Schädigung der Sache, die er mit all seinen Kräften fördern will, der jüdischen Sache bedeutet. Und hier ist es, wo wir gerade einsetzen. Der Palästinagedanke ist allein imstande, einer großen Zahl, ja man kann wohl ohne Übertreibung sagen, der weitaus größten Zahl unserer deutschen Juden die feste Bindung mit dem Judentum wieder zu geben, die sie seit Generationen verloren haben. Es gibt niemand, der wirklich für Palästina ist und gegen die Erhaltung jüdischer Einrichtungen hier sein könnte. Das wäre ein Widerspruch in sich selbst. Gelingt es uns also, und wir sind fest davon überzeugt, daß wir weiter so wie bisher Fortschritte machen werden in der Verbreitung des Palästinagedankens bei Jung und Alt, bei Reich und Arm. in jeder Gesellschaftsklasse, so ist damit auch das Problem der Erhaltung in Deutschland befindlicher Einrichtungen einwandfrei gelöst. Und mehr noch. Diese Anstalten, die zum Teil noch ein Scheinleben führen, werden in ganz anderem Maße als bisher in Anspruch genommen werden. Von ihnen wird dann wieder neuer Impuls, neues Leben in reichem Maße ausgehen können. Kurz, man wird bei uns jüdischer werden. Gelingt es uns dagegen nicht, für Palästina die notwendigen Mittel zu bekommen, scheitert das Aufbauwerk, das von unseren aktivsten Kräften geleitet wird, dann wird eine Depression in solch ungeheurem Maße die Folge sein, daß es ohne jeden Zweifel unmöglich sein wird, auf längere Zeit hinaus das Judentum des Galuth und damit seine religiösen und kulturellen Einrichtungen lebensfähig zu erhalten, ganz abgesehen von der katastrophalen Wirkung, die ein solcher Rückschlag in der nichtjüdischen Umwelt auslösen würde. Wer für den Keren Hajessod ei nt ritt, gibt also auch für die jüdische Nothilfe in Deutschland. Wir vvissen. daß es sich hier nicht um eine augenblicklich wirkende Politik handelt, daß das, was wir propagieren, Politik auf lange Sicht »ist. Wir unterstützen daher jede Bestrebung, die der momentanen Misere abhelfen will, aufs nachdrücklichste. Es ist selbstverständliche Pflicht eines jeden von uns, aufs tatkräftigste mitzuarbeiten, daß die über uns hereingebrochene Wirtschaftskatastrophe auf das allerkleinste Maß zurückgeschraubt wird. Aber wir erklären im vollsten Bewußtsein unserer Verantwortung, daß gegenüber der alten Jlkademie es ebenso die selbstverständliche Pflicht jedes Juden ist. gleichzeitig daran mitzuarbeiten, daß eine dauernde, gerechte und würdige Regelung jüdisch-wirtschaftlicher Fragen in hoffentlich nicht zu ferner Zukunft in Erez-Israel und in Deutschland ermöglicht wird. Daß dieser Zeitpunkt von uns durch unsere Leistung bestimmt wird, versteht sich von selbst. Daß jeder verlorene Tag einen Monat vermehrte Arbeit bedeutet, wissen die. die für unsere Sache tätig sind. Die Zeit ist ungeheuer ernst. Laßt uns arbeiten! Li-r. Eine Justizkomödie Der „Münchner Post“ entnehmen wir: Am 29. August gegen 9 Uhr abends wurden der Kaufmann David Heß und dessen 19jähriger Sohn Ludwig, die einen an dem Schaufenster ihres Geschäftes angeklebten Zettel judenhetzerischen Inhalts entfernen wollten,, von Nationalsozialisten überfallenun dm itStockhi eben zu Boden geschlagen mit der Folge, daß beide starke blutende Verletzungen davon trugen. Ais der Haupttäter wurde das Mitglied der Hauptleitung der Nationalsozialistischen Partei, der Pferdehändler und Kaufmann Christian Weber, festgenommen. Die übrigen „Helden“, die sich an dem feigen Überfall beteiligt hatten, waren rechtzeitig verduftet. Am 28. November hatte sich Weber wegen zweier Vergehen der gefährlichen Körperverletzung und eines Vergehens der Nötigung — der in der Polizei wohlbekannte und wohlgelittene Hakenkreuzler hatte, als er sich verfolgt sah. seinen Browning mit der Drohung, jeden Angreifer niederzuschießen, gezogen — zu verantworten. Schon die äußeren Umstände wuchsen sich zu einer Komödie aus. Volle zwei Stunden führten der Angeklagte und sein Rechtsbeistand das Gericht an der Nase herum, bis es dem Vorsitzenden gelang, in die Verhandlung einzutreten. Weber erklärte, er lasse sich in Abwesenheit seines Verteidigers nicht verhandeln, dieser aber ging, ohne sich um das Gericht zu kümmern, inzwischen anderen Geschäften im Hause nach. Der Vorsitzende hatte nicht die Energie, wozu er nach der Prozeßordnung berechtigt gewesen wäre, ln die Verhandlung einzutreten. Schließlich erklärte der Staatsanwalt, daß man nicht länger Schindluder mit sich treiben lassen könne; durch die Verzögerung entstünden unnötige Kosten, die man, wie üblich bei solchen Leuten, nicht beitreiben könne. Der Herr Staatsanwalt scheint seine Pappenheimer zu kennen. Hitlerleute haben immer eine eigene Methode des Auftretens, wenn sie gepackt und vor Gericht gestellt werden. Sie gehaben sich, als ob sie ex lex stünden und bringen zumeist auch den Mut gar nicht auf. für das. was sie getan, einzutreten. Ein besonders würdiges Beispiel in dieser Richtung war Christian Weber, das Hätschelkind der Ettstraße. Er warf bei seiner Verteidigung mit Ausdrücken, wie: „Der Kerl“, „Dem habe ich ein Paar in die Fresse gehaut“, nur so herum; der Amtsrichter saß hilflos auf seinem VorsitzendenstuiM und wagte kaum zu sagen, daß solche Expektorationen unzulässig sind. Der hakenkreuzlerische Maulheld machte sich dieses völlige Versagen der Verhandlungsleitung zunutzen und tanzte dem Gericht auf der Nase herum. Bei der Schilderung des Vorfalls wählte Weber den besseren Teil der Tapferkeit. Er leugnete und log und versuchte glauben zu machen, daß sich die beiden Heß bereits mit einer Gruppe anderer Herren im Streit befanden, als er „zufällig“ dazu kam. Nur weil der junge Heß in Boxerstellung auf ihn losgegangen sei, habe er ihm ein

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