Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1922-12-01 · 48 (1.12.1922) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
48 (1.12.1922)
Date
1922-12-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103027-9146985--05338-9078007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 48_1. Dezember 1922 9. Jahrgang Die Notlage der jüdischen Institutionen und der Keren Hajessod in Deutschland Diejenigen unter uns, die der Palästinasache nicht nur ein Ma’aser an Geld, sondern auch das Ma’aser an Zeit geben, m. a. W. diejenigen also, welche regelmäßig Keren Hajessodbesuche machen, haben ganz besonders in den letzten Monaten und Wochen sehr häufig Gelegenheit gehabt, sich mit einem Bedenken auseinandersetzen zu müssen, das als einer der wirklich einer Auseinandersetzung werten wenigen Ein wände angesehen werden kann. Derjenige, von dem man mehr als eine nur gewohnheitsmäßige Spende für den Keren Hajessod durch einen Besuch erreichen will, erklärt prinzipiell sein volles Einverständnis mit der Palästinasache, weist auch darauf hin, daß er von der Wichtigkeit und Notwendigkeit des Keren Hajessod völlig überzeugt sei, aber, so sagt er, es sei doch eine allgemein bekannte Tatsache, daß es augenblicklich soviel notleidende jüdische Institutionen bei uns in Deutschland gebe. Das Elend unter vielen unserer jüdischen Mitbürger, vorweg der Rabbiner und Lehrer in vielen Gemeinden wäre ein so niederschmetterndes. daß es gewissermaßen ein Verbrechen sei, Gelder, die für wohltätige Zwecke verfügbar sind, nicht sofort an Ort und Stelle zur Linderung dieser Mißstände zu verwenden, um es „ausländischen“ Zwecken zu geben. Das Hemd sei uns nun einmal näher als der Rock, oder auch, erst kommen wir, dann nochmals wir.usw. und dann erst die andern. Wir sagten schon, daß wir diesen Einwand für einen beachtenswerten halten. Hauptgrund dafür ist, daß er eigentlich nur von Leuten gemacht werden kann, die wirklich bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit zur Behebung jüdischer Not im Inlande geben, von Leuten also, die der Ma’aserforderung zum mindesten voll und ganz nachkommen. Wer allerdings glaubt, durch Gelegenheitsgaben von oft noch dazu sehr geringem Realwert das Recht erworben zu haben, sich dieses Einwandes bedienen zu können, der ist im Irrtum und wird kaum erwarten können, daß man in dem, was er sagt, mehr als eine geschickte Ausrede, die ja bekanntlich auch 3 Batzen wert ist, findet. Es sind also nur gute Juden, Menschen, die wissen, daß Judentum verpflichtet, die nicht aus Rücksichten ihres Portemonnaies, sondern aus der begründeten Überlegung desjenigen heraus, der das was er gibt der seinem Sinne am meisten entsprechenden Stelle zuwenden will, Fragen stellen. Und diesen und nur ihnen soll hier geantwortet werden. Es wäre Wahnsinn, zu bestreiten, daß unsere jüdischen Einrichtungen in Deutschland in einer teilweise geradezu verzweifelten Situation sind, daß Lehrer, Rabbiner und die übrigen Gemeindebeainten an vielen Orten buchstäblich dem Elend preisgegeben sind und es ist selbstverständlich, daß hier geholfen werden muß. Keiner, dem jüdisches Leben etwas bedeutet, und daher in allererster Linie niemand, der für den Aufbau Palästinas eintritt, wird fehlen, wenn es sich darum handelt, diesem unwürdigen Zustand ein Ende zu machen. Aber wir glauben, daß es nicht der richtige Weg ist, durch milde Gaben, durch Almosen hier helfend einzugreifen. Es kann nicht vermieden werden, daß die großen Schattenseiten, die das Geben einzelner Privatpersonen auf beiden Seiten, auf der des Empfangenden und auf der des Gebers, gänzlich hintangehalten werden und wenn auch mit der größtmöglichen Delikatesse und Diskretion dabei beiderseits vorgegangen wird. Es ist kaum nötig, Beispiele zu bringen. Man stelle sich nur die unangenehme Lage des Lehrers gegenüber dem ungezogenen Sprößling seines „Wohltäters“ vor, oder die schwierige Position des Rabbiners, der etwa eine andere politische Anschauung als die seines Mäcens zu vertreten sich erdreistet. Eine gewisse Korruption ist auf diese Weise gar nicht zu vermeiden, obwohl ein Zweifel darüber, daß sie unbeabsichtigt ist. natürlich nicht bestehen kann. Wir glauben also, daß auf diese Weise eine wirkliche Hilfe nicht erreicht werden kann. Und doch wäre es unklug und vor allen Dingen rein destruktiv. nur die Fehler dieses Systems aufzudecken und nichts Besseres an seiner Stelle vorzuschlagen, nur Kritik zu üben und nicht aufzubauen. Aber es gibt eben einen anderen Weg, der in jeder Beziehung der richtige ist, da er einmal an Stelle halber ganze Hilfe setzt und auf der anderen Seite mit dem System des Schnorrens und der „Trinkgelder“ endgültig aufräumt. Wir fordern, daß die jüdische Gesamtheit es als ihre uneingeschränkte und restlos zu erfüllende Pflicht betrachtet, für das Gehalt der von ihr angestellten und für ihre Zwecke arbeitenden Beamten genau so aufzukommen, wie der Staat es für die Staatsbeamten tut, und wir wünschen, daß die Bezahlung der gewiß aufopfernden; Arbeit dieser Menschen den Gehaltsregulativen der Beamten mit gleicher und ähnlicher Verantwortung außerhalb der jüdischen Gemeinschaft angepaßt ist. Wir verlangen, daß die Gemeinde in ihrer Eigenschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts von sich aus zureichende Mittel bereitstellt, um die ordentliche Weiterführung und Neuerrichtung jüdischer Anstalten aller Art zu ermöglichen, das alles selbstverständlich in einem nach wirtschaftlichen Grundsätzen in tadelloser Ordnung sich abspielenden Geschäftsgänge. Wir stehen ja mitten in einem heftigen Kampfe für und wider diese neue von uns angestrebte Ordnung der Dinge und wir glauben, daß da, wo sie bereits durchgeführt ist. der Erfolg nicht zuletzt den Anhängern des Palästinagedankens zuzuschreiben ist. Das ist kein Wunder. Niemand ist bereit für eine Sache zu geben, von der er von vorneherein nichts hält. Es ist daher nur eine logische Konsequenz, die diejenigen ziehen, die eigentlich gar nicht mehr wissen warum sie Juden sind und die wir so gut kennen, wenn sie gegen die Bewilligung neuer Gemeindeumlagen stimmen, wenn sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, daß irgendwie neues, auf modernen Grundsätzen aufbauendes Leben in die Gemeindestuben einziehen soll. Sie müssen sich sagen, daß all das schöne Geld, das sie an die jüdische Sache „hinhängen“ müssen, ihnen auch nicht einmal zu einem Bruchteil zugute kommen wird. Ganz anders wird sich derjenige verhalten, der jüdisch stark interessiert ist. Für ihn bedeutet eine jüdische Schule, ein jüdisches Lehrerseminar, ein jüdisches Krankenhaus usw. doch etwas ganz positives. Br hat ein höchst persönliches Interesse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.