Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 47 (24.11.1922)
- Date
- 1922-11-24
- Page
- Seite 584 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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584 Das Jüdische Echo Nr. 47 der Simulation und Mentalreservation kennen sollte. Wenn Herr Dr. Lent auch nur einen einzigen Vortrag des Herrn Streicher besucht hat — wozu er ja als Nichtjude legitimiert ist — wenn er auch nur einen einzigen seiner Aufrufe, die eine wahre Fundgrube antisemitischen Witzes sind, gelesen hat. und das muß man doch schließlich von einem Manne der Wissenschaft annehmen, der über Nationalsozialismus schreibt, dann hätte er^ erkennen müssen, daß weder von wirklichem Sozialismus noch von echtem Nationalismus dort die Rede ist, sondern von Juden, Juden und nochmals Juden, als Abschaum der Menschheit, als Unstern der Welt. Wer so etwas für Tichtig findet, eine Zeitung, die solchen Bestrebungen Sympathie und sei es auch nur mit Einschränkung entgegenbringt, ist antisemitisch und würde durch ein offenes Bekenntnis zum Antisemitismus in unseren Augen bedeutend an Achtung gewinnen. Die wohlwollende Beachtung, die der „Fränkische Kurier“ und sein Mitarbeiter Lent dem Treiben der Nationalsozialisten schenken, wäre für uns noch nicht Grund genug, so ernst in die Zukunft zu schauen. Aber es gibt eine noch viel gewichtigere Gewährsperson, deren Zeugnis wir an dieser Stelle bringen müssen. Es ist niemand anderes, als der neue bayerische Ministerpräsident — Herr von Knilling selbst. Seine Jungfernrede im Landtag bedeutete die Anerkennung der Nationalsozialisten als einer der regulären Parteien im Freistaate Bayern. Man weiß auch in München gewiß, daß es ein Gesetz zum Schutz der republikanischen Staatsform, zur Verhütung der systematischen Abschlachtung der Führer der Parteien, die positiv auf dem Boden der Verfassung stehen, wie überhaupt zur Ermöglichung von Präventivmaßnahmen gegenüber Umsturzgelüsten jeglicher Art gibt. Aber natürlich, es wird ja ausgiebig genug angewandt — um Haussuchungen bei sozialistischen Zeitungen zu halten, Plakate der deutschdemokratischen Partei zu verbieten. Kommunisten ins Zuchthaus zu setzen. Aber ein solches Gesetz gegen eine Partei, deren Führer Tag für Tag zum Judenmorde, wie überhaupt zum Umstürze hetzen, die den gläubigfrommen Zuhörern Ritualmordmärchen erzählen, anzuwenden, dazu besteht natürlich keinerlei Veranlassung. Wofür anders ist Reichswehr und Sipo da, als mit Stahlhelm und Gummiknüppel die Versammlungen eines Streicher zu schützen, schwarzrotgoldene Fahnen zu zerfetzen und eventuell sich noch an Regnnentsfeiern zu beteiligen? Unbegreiflich, wie man in andern deutschen Ländern solch harmlose Vereinigungen wie nationalmunmM gegenüber der alten JJkgdemie jferrenfcßneiderei sozialistische verbieten konnte! Es sind doch erst ein paar Juden verprügelt worden und die Fahnenweihe, bei der es erst richtig los gehen sollte, hat ja garnicht stattgefunden, weil der richtige Zeit* Punkt noch nicht gekommen schien. Wenn erst einmal die ersten Taten da sind, dann wird die bayerische Regierung schon eingreifen, darüber können wir ganz beruhigt sein — wenn ihr dann überhaupt noch jemand zur Verfügung steht, mit dem sie zugreifen kann. Wir gestatten uns. darein gelinde Zweifel zu setzen. Na. vielleicht entschädigen dafür dann ein paar Verleihungen des goldenen Hakenkreuzes am weißblauen Bande. Wir sehen, es ist schlecht um unsere Zukunft bestellt, wenn wir nicht selbst dafür sorgen, daß sie anders wird. Erste Voraussetzung einer wirksamen Arbeit, einer würdigen Abwehr muß ihre Geschlossenheit sein. Alle jüdischen Gruppen und Grüppchen, jeder einzelne hat die Pflicht, das Seinige zu tun, um zur Niederkämpfung der gegen uns anspritzenden Haßwelle beizutragen. Aber — und wir sagen das immer und immer wieder, jeder von uns hat auch das Recht, unbeschadet seiner jüdisch politischen Überzeugung sich in der Abwehraktion zu beteiligen. Es muß möglich sein, eine große gemeinsame Plattform zu finden, eine Basis, auf der wir alle uns zusammenfinden können, einig im Bewußtsein des uns Verbindenden, und das ist doch hoffentlich mehr als das gemeinsame Interesse an der Abwehr des Antisemitismus. Wir müssen einig sein als Juden. Wer anders sollte berufen sein, zur Bildung dieser Notgemeinschaft aufzufordern, sie zu formieren, endlich sie nach außen zurückpräsentieren, als die gewählte Vertretung unserer Gemeinden, als die Kultusgemeinde und natürlich auch der Gemeindeverband. Es muß wieder möglich gemacht werden, daß der Kultusgemeinde der ihr gebührende Platz wird, daß sie zum Herzen eines lebendigen kräftigen Organismus werden kann. Haben wir erst einmal eine Gesamtrepäsentanz jüdischen Willens, sind wir dadurch verhandlungsfähig geworden, dann werden wir ganz anders als bisher in der Lage sein, uns unserer Haut zu wehren und berechtigte Forderungen durchzusetzen, als es bei unserer jetzigen unerhörten Zersplitterung möglich ist. Das Gleichnis von dem Bündel mit den Pfeilen ist heute noch so wichtig wie je. Ziehen wir die Konsequenzen. Li-r. Aus der Jüdischen Welt Palästina Vermehrte Einwanderung amerikanischer Juden Jerusalem. (J. C. B.) In der letzten Zeit hat sich die Einwanderung amerikanischer Juden in Palästina vergrößert. Hauptsächlich kommen aus Amerika Unternehmer ins Land, die hier neue Handels- und Industrie-Unternehmungen organisieren wollen. Mit dem letzten Dampfer trafen aus Amerika 21 Emigranten ein, die alle dauernd in Palästina zu bleiben und eine umfangreiche Tätigkeit zu entwickeln gedenken. Massennaturalisation der Juden in Palästina Jerusalem. (J. C. B.) 50 000 Juden haben bis jetzt auf Grund des Dekretes der Palästina- Regierung über die Erwerbung der Bürgerrechte die palästinensische Staatsbürgerschaft angenommen. In dieser Zahl sind die früheren ottornanischen Staatsangehörigen nicht enthalten, die automatisch das palästinensische Bürgerrecht erworben haben.