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Das jüdische Echo · 1922-11-24 · 47 (24.11.1922) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
47 (24.11.1922)
Date
1922-11-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nnmmcr 47_ 24. November 1922 9. Jahrgang Wir und die andern! Das Märchen von dem Bündel mit Pfeilen, die zusammen unzerbrechlich waren, einzeln aber ohne jede Mühe vernichtet werden konnten, kennt Jeder und Jeder glaubt auch an seine Richtigkeit — in der Theorie wenigstens. In der Praxis zeigt sich nur allzu oft, daß man durch getrenntes Vorgehen weiter zu kommen wähnt, als durch gemeinsames Handeln, als durch Einigkeit.— Musterbeispiel hiefür, wie für so vieles andere sind wir Juden. Seit Menschengedenken war die Lage der Juden in Deutschland nicht so ungewiß, nicht so unheimlich, als sie es heute ist. Dunkle Kräfte aller Art haben sich zusammengefunden, um e i n Ziel zu erreichen, daß ihnen in der Zeit allgemeiner Rat- und Tatlosigkeit das begehrenswerteste erscheint, das Ziel, uns Juden das so teuer erkaufte Recht zu nehmen, so leben zu dürfen, wie die anderen auch. Wir sollen wieder zum Freiwild werden, jeder, selbst der Zuchthäusler soll, wenn es nach ihrem Willen geht, gesicherter, im Besitze von mehr Rechten sein, als wir, denen nur gLatte Lüge und böswillige Verleumdung nachsagen kann, wir hätten als eine Gesamtheit unsere Pflichten gegenüber dem Staate nicht mindestens ebenso getreu und ebenso willig erfüllt, als alle anderen auch. Das unaufhörlich dem siechen, blutenden Körper eingespritzte Gift des Judenhasses wühlt stärker denn je im deutschen Volke. Es liegt nun einmal in der menschlichen Natur tief begründet, daß das erste Bestreben eines auf irgend eine Weise ins Unglück Geratenen darauf hinausgeht, einen Sündenbock zu suchen, ein Objekt, an dem er den in ihm aufgespeicherten Groll auslassen kaum dem er, wenn auch ohne jeden wahren Grund, den Schlag weitergeben kann, den er empfangen hat. Es ist kein Scherz, wenn man beim Militär zu sagen pflegt, daß der Rüffel,, den der General seinem Oberst erteilt, schließlich durch die ganze Kette der Vorgesetzten hindurch beim einfachen Soldaten in Gestalt einer Arreststrafe zur Entladung kommt. Das deutsche Volk befindet sich in der Lage des schwer Gerüffelten, mehr noch, des unschuldig hart Bestraften. Es sucht einen Sündenbock und es hat ihn — alter Tradition gemäß — bei den Juden gefunden. Aber diejenigen, die die Schuld an allein Unglück, das jetzt über Deutschland und damit natürlich auch über die Juden in Deutschland hereingebrochen ist. den Juden in die Schuhe schieben, sind noch lange nicht die Schlimmsten. Weit gefährlicher, viel unsympatischer sind die, die uns Übel wollen, um aus unserem: Untergange Vorteil für ihre eigene Tasche ziehen zu können, die Geschäftsantisemiten, von denen wir kaum ahnen, wie ungeheuer groß ihre im ständigen Wachsen begriffene Zahl ist. Rechnet man die Schar derjenigen dazu, die, weil sie nichts zu verlieren haben, bei jedem Umsturz zu gewinnen hoffen, vergegenwärtigt man sich die Masse derer, die dem Raubtier gleich, das einmal Blut geleckt hat, die Schule des Schützengrabens nicht vergessen konnten, so haben wir einen ungefähren Begriff davon, wie sich unsere Gegner zusammensetzc-n. ohne daß wir bei dieser Zusammenfassung Anspruch erheben wollen, eine erschöpfende Aufzählung gegeben zu haben. Wie weit es schon, insbesondere hier in Bayern gekommen ist. ist bekannt. Das schamlose Treiben antisemitischer Hetzer, von Menschen, denen nichts heilig, denen kein Mittel zu schlecht ist, wenn es nur dem Zwecke dienstbar gemacht werden kann, die Masse des Volkes aufzupeitschen, hat in dem Maße zugenommen, in dem die Mark sank. Wurden bis jetzt die Juden hauptsächlich als die „Erfinder“ und Träger des Bolschewismus, als die Führer der „staatsfeindlichen“ Sozialdemokratie bezeichnet, versuchte man auf diese Weise diejenigen, denen die bestehende Wirtschaftsverfassung als die auch in Zukunft erstrebenswerte erschien, dem Antisemitismus zu gewinnen, war also bisher die Werbearbeit faßt ausschließlich auf Angehörige der besitzenden Klassen, Agrarier. Bodenindustrielle, Beamte usw. abgestellt, so ist man jetzt zu einer neuen Taktik übergegangen. Die nationalsozialistische Partei hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Juden als „Erfinder“ und Träger des Kapitalismus darzustellen, mit dem klar erkennbaren Ziele, die arbeitenden Massen ihren Führern abspenstig zu machen und einer von Ludendorff bis Knüppelkunze reichenden Klique in die weitgeöffneten Arme zu treiben. Bei den wirklichen Arbeitern allerdings waren die bisherigen Erfolge verschwindend gering. Daß es einem Hitler und seinen Aposteln, unter denen sich besonders in Nordbayern „Herr Lehrer“ Streicher auszeichnet, gelungen war, eine Bande von Raufbolden und Tagedieben um sich zu scharen, und vielleicht ein paar dumme Gimpel durch Versprechungen goldener Berge anzulocken, durfte nicht Wunder nehmen. Aber es muß gesagt werden, daß wir uns in Zukunft gerade von dieser Pogromhetzorganisation allerhand erwarten können. Die erste Autorität, die diese unsere Meinung teilt, ist der Nürnberger „Fränkische Kurier“, ein Blatt, das genau so demokratisch, wie etwa der „Völkische Beobachter“ judenfreundlich ist. Hier schreibt der durch seine deutschnationale Einstellung und die derselben entsprossenen Geistesblüten sattsam bekannte Erlanger Universitätsprofessor Leut, nachdem er versichert hat, daß er an der nationalsozialistischen Bewegung einen guten Kern nicht leugne, daß mit der Ausbreitung dieser Bewegung ernsthaft gerechnet werden könne. Mit dieser Erklärung hat Herr Lent ein unzweideutiges Bekenntnis zum schärfsten Antisemitismus abgelegt. Es ließe sich darüber streiten, ob die Idee der Vereinigung von Nationalismus und Sozialismus in einer Bewegung möglich ist. wobei allerdings unter Nationalismus etwas ganz anderes verstanden werden müßte, als unter dem „Nationalismus“ des Herrn Professors. Wir sind sogar der Ansicht, daß die wahre Verwirklichung eines edlen Sozialismus nur möglich sein kann auf der Basis eines gesunden Volkslebens und es regen sich bei uns Gott sei Dank Kräfte unserer Besten genug, um den Beweis für die Richtigkeit dieser Anschauung zu liefern. Aber mit dem. was sich in Deutschland, vorweg in Bayern der sozialistischen Maske bedient um Antisemitismus zu propagieren, mit dieser nationalsozialistischen „Bewegung“ darf sich niemand identifizieren, der ein friedliches Gedeihen seines Landes wünscht, nicht der „Fränkische Kurier“ und auch nicht Herr Professor Lent in Erlangen, der doch als geschulter Jurist, wie man wenigstens annehmen sollte, die Begriffe

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