Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 46 (17.11.1922)
- Date
- 1922-11-17
- Page
- Seite 572 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Das Jüdische Echo Nr. 4b versuchen die besser Unterrichteten und Verständnisvolleren aufzuhalten. Wie lange noch? Es ist höchste Zeit, daß dieser verhängnisvolle Einfluß gebrochen wird, denn sonst setzt man sich der Lächerlichkeit aus und Lächerlichkeit tötet. Neben diesen Fragen der großen jüdischen Politik seien noch zwei Tatsachen kritisch erwähnt, die mehr das Innenleben betreffen: Es muß schärfste Prüfung seitens der Distriktsausschüsse geübt werden — manche tun das bereits in vorbildlicher Weise — an den Forderungen der Einzelgemeinden gegenüber den Verbandsmitteln. Nur wirklich leistungsfähige Gemeinden sollten berücksichtigt werden. Sonst geht der Verband zugrunde. Und die Landgemeinden sollen dann von vielen Mittel¬ und Großgemeinden lernen wie man leisten muß, wenn man kann. Gar viele Landgemeinden können heute sehr gut leisten, wenn sie wollen. Sie sollen sich nicht einbilden, daß nur die Mitglieder der Großgemeinden die Pflicht haben, das Judentum in Bayern zu erhalten. Alle müssen mittragen, die Großgemeinden haben nicht die Pflicht, mitzuhelfen, wenn die kleinen nicht auch mittun, soweit sie glücklicherweise das heute besser können als früher. Freilich darf auch das Beispiel einer Großgemeinde nicht Nachahmung finden, die aus prinzipiellen Gründen, „als Anhängerin der Simultanschule“, „um des einträchtigen Zusammenlebens der Konfessionen willen“, nichts bewilligt für die israelitische Realschule ihrer Stadt, die seit Jahrzehnten segensreich für positives Judentum für Bayern wirksam ist und die dafür mit seitens der Regierung Anerkennung findet, die sich selbst für diese Anstalt bei der Kultusverwaltung verwendet hat. — Hilft nichts, das Prinzip muß gerettet werden, auch wenn keine Simultanschule einen jüdischen Lehrer anstellt. Und diese Großgemeinde verlangt, offenbar ohne Gefühl für diesen Zwiespalt der Natur, daß der Verband hier helfe und einen Teil der Verbandssteuer dieser Großgemeinde damit zurückerstattet. In diesem Falle hat — mit einer Ausnahme — Parteitaktik den Sieg davongetragen und Mittel bewilligt, die von ihrem prinzipiellen Standpunkt aus ebensowenig bewilligt werden durften, wie die so gefährlichen Anträge für Bewilligungen an die Chaluzim und dem Keren Hajessod. In Wirklichkeit ist es erfreulich, daß die Mehrheit der liberalen Fraktion es als moralische Pflicht empfunden hat, trotz der ablehnenden Haltung der liberalen Einzelgemeinde eine jüdische Lehranstalt vor dem Untergang zu bewahren und sie wird später unter günstigerer Führung und Aussprache /Ve uh aus ers/r. 15, gegenüber der alten Jkcdem’e auch den Anträgen der Volkspartei ihre Zustimmung geben. Wir begreifen durchaus, daß eine so junge Organisation, wie der Bayerische Gemeindeverband, von vorneherein nicht alle Ideale erfüllen kann. In vielen Punkten hat sich starkes jüdisches Verantwortlichkeitsgefühl bewährt. Die führenden Männer sind erfüllt vom edelsten Streben und arbeiten in treuester Hingebung an die jüdische Sache und haben sich hohe Verdienste erworben. Und wir wollen hoffen, daß die weiteren Tagungen in dieser Hinsicht fortschreiten und immer mehr der Mittelpunkt werden wahrhaft jüdischer Arbeit und auch jüdischer Würde jedermann gegenüber und in allen Stücken. Es kann niemand, der es verstehen will, an unserer loyalen Betätigung und Gesinnung zweifeln, wir haben darin unsere Schuldigkeit getan; nun fordern wir auch unse r sittliches Recht, daß man uns im Staate die Möglichkeit gebe und sicherstelle, als jüdische Persönlichkeiten und Gemeinden leben zu können ohne in irgend einer Weise unsere jüdische Würde anzutasten. Was jüdische Würde und jüdischer Geist und jüdische Sittlichkeit und jüdische Kraft ist —■ das sollen jüdische Schulen, jüdische Bildungsstätten aller Art — das soll ein jüdisches Palästina im tiefsten geistigsten, religiös-sittlichen Charakter zeigen. England und die Palästlnapolftik Es gibt viele Juden — in Deutschland und anderwärts —, deren Verhalten bei den Wechselfällen der allgemeinen Palästinapolitik einen an jene Geschichte von dem Schnorrer erinnert, der wegen eines ganz unbedeutenden Leidens die Armensprechstunde eines berühmten Spezialisten aufsucht. Als dieser ihn entrüstet fragte, warum er denn wegen einer solchen Lappalie nicht einfach zu einem praktischen Arzt gehe und ob er nicht wisse, .was seine, des Professors. Zeit wert sei, erklärt er kaltblütig: „For mei Gesind is mer nix ze teier.“ Für gewisse Juden hat der Zionismus und der mit ihm verbundene Palästinagedanke und vor allen Dingen die erstaunlichen Erfolge, die diese beiden Faktoren in den letzten Jahren politisch und praktisch errungen haben, etwas peinlich unangenehmes. Diese Erfolge widersprechen den witzelnden Voraussagen, die man jahrelang zu machen gewohnt war, sie widerlegen den zur Existenz dieser Menschen unbedingt nötigen Erfahrungssatz, daß nur das Streben nach dem platten Nutzen den praktischen Erfolg bringen kann, sie könnten, wer weiß, noch andere Nachteile mit sich bringen, wirtschaftliche, politische. was zwar schon tausendmal widerlegt worden ist und sich in den 25 Jahren, seit denen diese Befürchtung geäußert wird, noch nie im geringsten bestätigt hat, aber schließlich.... Dingen, die mit einer Idee Zusammenhängen, kann man nie zu mißtrauisch gegenüberstehen! Und aus diesen Gefühlen und Erwägungen heraus, die ihnen oft selbst nicht einmal voll bewußt sind, aus diesen wirklichen oder eingebildeten kleinen persönlichen Beschwerden ergibt sich dann bei ihnen dier Wunsch, diese ganzen politischen Erfolge möchten zusammenfallen und die dummen Zionisten möchten am Ende doch die Gefoppten sein. „For ihr Gesind is ihnen nix ze teier.“ Damit ihre gute Laune nicht getrübt werde, soll die einzige Zukunftshoffnung des jüdischen Volkes ins Nichts zurücksinken, ein zweitausendjähriger Traum ausgeträuimt sein. Und so haben sie während der vielerlei Schwankungen, denen die Palästinapolitik, besonders Englands, zwischen