Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 46 (17.11.1922)
- Date
- 1922-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 46 17. November 1922 9 Jahrgang Epilog zur zweiten Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden An dieser Stelle war zur Begrüßung der Tagung in der vorletzten Nummer der Wunsch ausgesprochen worden, daß aus dem Mechanismus des Verbandes ein Organismus werden möchte. Leider sind in dieser Beziehung unsere Erwartungen nicht erfüllt worden. Gewiß hat man mutige und kräftige Worte gefunden gegen den immer gefährlicher werdenden Antisemitismus, man sollte aber endlich zur Einsicht kommen, daß mit der bisherigen Methode, ihn zu bekämpfen, nicht viel erreicht wird. Noch so loyale Resolutionen werden daher nicht viel ändern. Es ist sicher nötig, nach wie vor dem Antisemitismus allüberall da entgegenzutreten, wo er unsere rechtliche und wirtschaftliche Stellung zu bedrohen sucht. Jeder einzelne Jude wird es als seine selbstverständliche Pflicht halten mitzutun, aber dem gegenüber müssen wir auch ein positives Programm aufstellen, das vielleicht allein von Herrn Kommerzienrat Fränkel in der Montagmorgenkundgebung der Tagung zum Ausdruck gekommen ist. Wir müssen zeigen, daß tatsächlich die ganze Judenheit reagiert, wenn einem Teile Unrecht geschieht und, daß sie versuchen wird, alle legalen Mittel aufzubieten, um einem der bedrängten Teile tatkräftige Hilfe zu bringen. Wir haben dasselbe Recht und die gleiche Pflicht, diese Macht in die Wagschale zu werfen, so wie jederzeit mit Fug und Recht die gesamte Christenheit, auch die deutsche, energisch den Armeniergreueln in der Türkei entgegengetreten ist. Es dürfte doch nicht einerlei sein, wenn dadurch beispielsweise die Stimmung im Ausland für Deutschland ungünstig wird, weil man hier den Antisemitismus in dieser Brutalität sich austoben läßt. Wirksam kann aber der Antisemitismus auch dadurch bekämpft werden, wenn die gesamte Judenheit sich darin einig ist, daß sie eine moralische Pflicht hat, den Palästinaaufbau zu fördern. Hier soll eine jüdische Siedlung der Welt zeigen, was Juden aus eigener Kraft, auf eigener Scholle zu leisten imstande sind. Daraus wird für die gesamte Judenheit eine außerordentlich große moralische Kraft erwachen im Kampfe mit ihren Gegnern. Und wenn dieses jüdische Gemeinwesen einmal eine wirtschaftliche Bedeutung haben wird, durch Export oder Import auch nur von einigen Milliarden, dann wird man sich überall überlegen, ob man es wagen darf, diese wirtschaftliche Bedeutung zu verscherzen durch Judenhaß. Jüdische Vertreter der jüdischen Siedlung werden dann im Völkerbund und anderswo ihre Stimme erheben können gegen eine Beugung des Rechtes der Juden in irgend einem Lande, dem sie von jeher mit Treue als gute Staatsbürger gedient haben. Wir finden es unter unserer Würde, immer wieder zu betonen, daß wir als Gesamtheit anständige Menschen sind, die ihre Pflicht tun. Wer das wissen will, hat genügend Gelegenheit, es zu erfahren und diejenigen, die das bestreiten, tun es aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen und dergleichen, die sie geschickt unter der Maske des Judenhasses verbergen wollen. Wir bestreiten nicht, daß z. B. das Referat von Dr. Freudenthal, Judentum und Staat, außerordentlich wirksam war für — die Zuhörer im Saal, die es aber nicht brauchten, oder für die außerordentlich zahlreichen Besucher der Nürnberger Versammlung, in der es wiederholt wurde. Aber wir können uns darüber nicht täuschen, daß die große Menge unserer Feinde diese Sprache nicht hören will. Immerhin sei zugestanden, daß dieses Referat getragen war vom Geist jüdischer Würde und imstande ist, unseren Brüdern draußen im Lande, wenn sie es lesen, Kraft und Mut zu verleihen. Ganz im Gegensatz dazu steht leider das Verhalten eines Teiles der Tagungsmitglieder zu der These Ile des Referates von Herrn Dr. Strauß über: Die sozialen Aufgaben des Verbandes (am Montag nachmittag). Er forderte Beteiligung an allgemein-jüdischen Wohlfahrtsbestrebungen, Hilfswerken und Notstandsmaßnahmen. Man fürchtete sich zu kompromittieren mit der Zustimmung zu dieser These, nach der man sich als einen Teil der gesamten Judenheit bekennen sollte. Insbesondere bekämpfte man die Anträge der Jüdischen Volkspartei, die auch vom orthodoxen Block unterstützt wurden, daß man Mittel bereitstellen sollte für die in Bayern in landwirtschaftlichen und technischen Berufen beschäftigten Chaluzim (Palästina-Pioniere) und für den Keren Hajessod (Palästina- Aufbau-Fonds). Rabbiner Dr. Brader-Ansbach brachte es fertig zu erklären, man dürfe für außerdeutsche Zwecke keine Mittel verwenden, nachdem die Anstalten in Deutschland so sehr Not litten. Wir wissen zuverlässig, daß die ablehnende Haltung der liberalen Fraktion gegenüber diesen Palästinaanträgen stark beeinflußt worden ist von diesem Verhalten eines orthodoxen Rabbiners. Wir sind sehr neugierig zu erfahren, wie dieser Herr es in Zukunft zu Wege bringen will, für seine gewiß berechtigten Palästinaforderungen irgendwie Geld zu bekommen. Mit Recht wies Präsident Oberlandesgerichtsrat Neumeyer gerade an dieser Stelle der Verhandlungen darauf hin, daß es wahrhaftig keinem Katholiken in Deutschland einfallen würde, für außerdeutsche katholische Zwecke seine Mitwirkung zu versagen. Mit der Ablehnung der These Ile hat man sich eines starken moralischen Mittels beraubt im positivem Kampfe für das jüdische Recht. Der Kampf um die Leitsätze des Verbandes hinsichtlich der Bewilligung des Personalbedarfes für Rabbiner und Lehrer (Eingruppierung) hat mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, auf wie schwachen Füßen bei manchen Mitgliedern der Tagung und des Rates die Einsicht beruht, daß der finanzielle Zusammenbruch dieser geistigen Berufe, und vor allen Dingen der jüdischen Schule und der jüdischen Bildungsstätten für Groß und Klein, wie sie ein Diskussionsredner forderte, die schwerste geistige Schädigung der Judenheit bedeutet. Auch das ist eben ein Ausfluß des Mangels an Verständnis für wahrhaft großzügige jüdische Politik, die freilich von weitblickenden jüdischen Führern in den Gemeinden zum Teil schon erkannt und angestrebt wird. Aber einzelne Heißsporne haben immer noch nicht umgelernt und