Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- 45 (10.11.1922)
- Date
- 1922-11-10
- Page
- Seite 561 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 45 Das Jüdische Echo 561 Rabbiner Dr. Stein-Schweinfurt drückt sein Bedauern aus, daß der jüdischen Bevölkerung der Anschluß an die konservativen Parteien, die am meisten ihrem psychologisch und historisch begründeten Denken und Fühlen entsprächen, durch die judenfeindliche Tendenz dieser Parteien unmöglich gemacht sei. Ebenso bedauert er die Verquickung von Königstreue und Antisemitismus. Er bezeichnet die antisemitische Bewegung als unmoralisch, weil sie mit unlauteren Mitteln wie gefälschten Büchern und leichtfertigen gewissenlosen Verleumdungen kämpfe. Sie diene nicht der Liebe, sondern dem Hasse. Er erklärt es als sehr bedauerlich, daß selbst hervorragende Männer wie Ludendorff ohne zuverlässige Kenntnis der Tatsachen solche Ideen sich zu eigen machen. Dr. Stein fordert vor der Versammlung Herrn General Ludendorff auf, den Nachweis zu erbringen, daß es wirklich eine jüdische Oberleitung gebe, von welcher er in seinem Buche gesprochen habe. Ebenso traurig sei es, daß erst wissenschaftliche Autoritäten nachweisen müßten, daß die Juden nicht „Verbrecher von Religionswegen“ seien. Kommerz.-Rat Fränkel-München betonte vor allem die ungemein schädliche Wirkung der Judenhetze für Deutschland in wirtschaftlicher Beziehung. Er bewies an Beispielen, wie sehr gerade der Rathenaumord das Vertrauen in ein geordnetes Staatswesen erschüttert habe, und daß, wenn die Judenhetze zu ihrem wirklichen unseligen Folgen käme, Plünderungen und Bürgerkrieg unvermeindlich seien. Mit scharfen Worten geißelte Fränkel die angebliche Rede eines katholischen Paters bei den Ampfinger Festspielen am 26. September, worin dieser analog der mittelalterlichen Judensteuer auch für die heutigen Juden eine besondere Steuer als soziale Tat verlangt haben soll. Am gleichen Tage habe der amerikanische Präsident seinen jüdischen Mitbürgern zum Neujahrsfeste Glückwünsche gesandt und dankbar die wertvolle vaterländische Mitarbeit der Juden der Union auf allen Gebieten anerkannt. Fränkel wies auch darauf hin, daß gerade die Nachkommen der bayerischen Juden, die 1800 nach Amerika ausgewandert seien, heute zu den angesehensten und einflußreichsten Bürgern dort zählen. Lehrer Dr. Bamberger -Nürnberg führt aus, daß die jüdischen Volksschullehrer während des Krieges, wie von den Vorgesetzten Stellen wiederholt anerkannt worden sei, an den Simultanschulen vorzügliche Arbeit geleistet hätten, daß aber neuerdings die Lehrer an eben diesen Schulen zurückgewiesen würden. Wenn in den öffentlichen Schulen jüdische Kinder in ihren Empfindungen verletzt werden, so wird das Ziel der Schule in sein Gegenteil verkehrt Man müsse dem Antisemitismus mit allen Kräften entgegentreten. Als bestes Gegenmittel empfiehlt der Redner die Errichung jüdischer Schulen überall dort, wo die Gelegenheit dazu vorhanden ist. In diesen bleibe den Kindern alle Kränkung erspart. Die jüdische Erziehung müsse für alle Schulgattungen auf eine neue Basis gestellt werden, eine Reform unserer bisherigen Volksschulen tut dringend not. Rechtsanwalt Dr. Strauß-Augsburg weist auf das beklagenswerte Überhandnehmen des Hoehschulantisemitismuses und den schweren Kampf hin, den die jüdischen Studenten heute zu führen hätten. Das ungerechte Schicksal, das Deutschland von seinen Feinden bereitet worden sei, werde den Juden in Deutschland jetzt noch einmal zugefügt. Man möge die Juden nicht nach den Geringen und Entgleisten messen, sondern am Maße der Wertvollen und Besten, den Schöpfern und Vermittlern deutscher Kultur. Der Redner bekennt sich fest und gläubig zu ihr und gibt der Zuversicht Ausdruck, daß die gegenwärtige Krise, die auch eine Gefahr der deutschen Kultur sei, überwunden werde. Der Vorsitzende brachte dann die vorn Rat vorgeschlagene Resolution zur Abstimmung, die von der Versammlung einstimmig und mit einmütigem starkem Beifall aufgenommen wurde. Die Resolution lautet: Beschluß Die jüdische Bevölkerung in Bayern, vertreten durch den Verband, bekennt in den Tagen der Not ihren unauflöslichen Zusammenhang mit dem deutschen Vaterlande und der bayerischen Heimat. Seit Jahrhunderten mit der Kultur des Landes, mit Schrifttum und Sprache, mit Wirtschaft und Gewerbefleiß enge verbunden, wird sie mit allen Kräften mitarbeiten am Aufbau und der Wiedergenesung des Vaterlandes. Alle Staat und Kultur auflösenden Bestrebungen weist sie als im Widerspruch stehend! mit den religiösen und sittlichen Anschauungen des Judentums entschieden von sich ab. Einmütig erhebt sie Einspruch gegen die judenfeindliche Bewegung unserer Tage, die, entstanden in der Erschöpfung nach beispiellosem Kampf in ihr den Schuldigen finden will, die in Staat und Gesellschaft, Beruf und Freundeskreis, Schule und Heer, den Keim des Hasses und der Zwietracht trägt, die zerstört und vernichtet, wo Aufbau und Zusammenhalt bitter nottun. Sie droht in Gewalttätigkeiten überzugehen und das Heimatgefühl zu untergraben. Mögen Vertrauen und Frieden in unserem Vaterlande wieder einkehren! Sein Wohlergehen ist unser Schicksal. amzu erren-Jtcden u./einf&J/afrJcAnwkeet^ C&erurczff'rafM