Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1922-11-10 · 45 (10.11.1922) · p. Seite 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
45 (10.11.1922)
Date
1922-11-10
Page
Seite 560 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103027-9146785--05300-9077969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

560 Das Jüdische Echo Nr. 45 Gemeinden in sozialem Sinne erziehen. Der Ernst der Lage zeige den Gemeinden, daß sie sich selbst und die Interessen der Gesamtheit gefährden, wenn der Nachwuchs an Beamten bedroht sei. Noch ernster und nachdrücklicher besprach der Redner sodann die Vorgänge in unserem Vaterlande und entwarf ein eindrucksvolles Bild der ungerechten Anfeindungen und Verdächtigungen. Wir müßten uns endlich an das Gewissen von Staat und Öffentlichkeit wenden., obwohl es uns widerstrebe zu sagen, was wir als selbstverständlich geglaubt hätten, nicht sagen zu müssen. Man sucht in der Not der Zeit den Schuldigen und glaubt, ihn im Juden zu finden. Der deutsche Jude, fest verwachsen mit deutscher Kultur und deutscher Wirtschaft — man denke nur auf einem eng begrenzten Gebiet an Namen wie Ballin. Rathenau, Ehrlich. Einstein, Willstädter, Haber, Herz und Lillienthal — verwandt dem deutschen Wesen, tief verwundet durch die deutsche Niederlage, weise den Zusammenhang mit Personen ab, die den Umsturz von außen her in unser Land getragen haben. (Starker Beifall.) Die bayerischen Juden legen darum feierlich Verwahrung ein, gegen die Flut von Haß und Feindschaft, die auf sie einströmen. Seine mahnenden Worte richtete der Präsident aber auch an die Juden selbst, alles zu meiden, was im Widerspruch zu dem Ernst der Zeit stehe und mit aller Kraft mitzuarbeiten am Aufbau und Wohle unseres geliebten Vaterlandes. Reicher, langanhaltender Beifall schließt sich den Worten des Redners an. In geist- und gehaltvollen Darlegungen führte sodann Rabbiner Dr. Freudenthal -Nürnberg, 1. Vorsitzender der Rabbinerkonferenz, zum Thema Judentum und Staat aus: Wenn man den Juden nicht die Wahrheit seiner vaterländischen Gefühle, seiner Treue zum Staat glaubt so muß darauf hingewiesen werden, daß der Zusammenhang zwischen der jüdischen Religion und dem Staat den Quellen des Judentums selbst entsprungen ist. Der Vaterlandslose hat sich fast immer erst vom Judentum losgelöst. Zwischen Judentum und Staat kann es keinen Gegensatz, sondern nur Harmonie geben. Mit dem ersten Glaubenssatz des Judentums, mit dem Glauben an den einzigen Gott, ist die Freiheit ausgesprochen, jedem Staate treu zu sein; so ist das Judentum davor bewahrt, eine völkische Religion zu werden. Es ist ein übervölkische und universelle Religion, wie diie katholische Kirche es ist. Darum konnte schon zur Zeit des jüdischen Staates der Prophet Jeremias von den in einem heidnischen Staat lebenden Juden fordern, treue Bürger desselben zu sein. Wir können uns einen Staat ohne echte Religion nicht denken. Der Staat muß, auch bei einer gegenüber der alten JlHademie Trennung von Kirche und Staat, um seiner selbst willen die Religion pflegen und fördern, darf aber nicht nur einer Religion dienen. Am Staate haben alle Konfessionen gleiche Pflichten und also auch gleiche Rechte. Das lehrt der Glaube an die Gottesebenbildlichkeit und darum Gleichberechtigung aller Menschen, der 2. wichtige Glaubensgrundsatz des Judentums. Aus ihm folgt die soziale Einstellung des Judentums, die ein Gleichgewicht unter den Menschen herstellen will, aber ohne jeden Gewaltakt. Der Thalmud lehnt in bezeichnenden Aussprüchen jeden Kommunismus und sozialen Egoismus ab; er beschwört die Juden: „Lehnt Euch nicht auf gegen die Regierungen. unter denen ihr lebt.“ Wer auf dem Boden des Judentums steht, darf kein Anhänger der Gewalt, muß ein Freund friedlichen Fortschritts sein. Der Redner räumte dann auch gründlich mit dem ebenso lächerlichen als gefährlichen Märchen von der „jüdischen Weitherschaft“ auf. Die jüdische Messias-Idee, die das Ideal des Friedensbundes aller Länder und Völker ersehnt, kann diese Idee nicht auf den Trümmern zerrütteter Staaten, sondern nur aus der Basis blühender Gemeinschaften verwirklichen. Da die Rechtsordnungen des heutigen Staates sich auf der Grundlage der 10 Gebote aufbauen, hat schon aus diesem Grunde das Staatsgesetz für den Juden dieselbe bindende Kraft wie das Religionsgesetz. In diesem Zusammenhänge beleuchtete der Redner den scharfen Gegensatz zwischen einem auf solchen Grundsätzen aufgebauten Staate und dem Bolschewismus. der sittliche Werte nur für vorübergehend und nicht wie das Judentum für Ewigkeitswerte hält. Ein jüdischer Führer des Bolschewismus, Trotzki, hat darum die folgerichtige Konsequenz gezogen, indem er Gott und seine Eltern verleugnet habe. Dieser Mann würde unter den Anhängern des Judentums nimmermehr Gefolgschaft finden. Obwohl heute die Juden im Staat gerade wegen ihrer angeblichen Einstellung zum Staat viel zu erdulden haben, ist das Gefühl der Anhänglichkeit an den Staat stärker als die persönliche bittere Empfindung. Das Staatswohl muß uns höher stehen als das eigene. An Beispielen aus der Geschichte erhärtet der Redner die Richtigkeit seiner theoretischen Ausführungen, wie ja auch im Kriege der patriotische Sinn der Juden sich aufs beste bewährt hat. Die Gefühle der Verbundenheit, die ein über lOOOjähriges Verwachsensein mit deutscher Heimat erzeugt, werden auch in Zukunft weder äußere noch innere Feinde zerstören. Aus jedem Leid fließt nur noch größere Liebe. Für die Liebe zur Heimat gilt dasselbe Gebot wie für die Liebe zu Gott; sie fordert von uns das ganze Herz und die ganze Kraft. Auch diesem Redner zeigt der Beifall der Versammlung, wie sehr er aus ihrem Herzen gesprochen. Aus der Pfalz brachte Herr J o s e p h-L an d au die treuen Grüße der Pfälzer Juden,, die trotz der inneren Anfeindungen unabänderlich geschlossen zu ihrem deutschen Vaterlande halten. Joseph, wies auf die im Weltkrieg gefallenen 12 000 Juden hin, ihr Blutopfer sei geeignet, dem Gedanken der Versöhnung im Vaterlande den Weg zu bereiten. Geh. Just.-R. Dr. Werne r-B a m b e r g sprach über die seelische Not der Juden infolge der Hetze, die auch in den kleinsten Landgemeinden den Frieden der Bürgerschaft gefährde. Plakate für öffentliche Versammlungen, auf welchen den Juden der Zutritt verboten sei. wären eine Schande für das ganze Land.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.