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Das jüdische Echo · 1922-10-27 · 43 (27.10.1922) · p. Seite 540

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
43 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
Seite 540 (sequence 8)
Language
German
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540 Das Jüdische Echo Nr. 43 Universität und Hochschulen sind ungeheure Tumultszenen vorausgegangen. Die antisemitschen Studenten überfielen und mißhandelten nicht nur ihre zu den Vorlesungen erschienenen jüdischen Kollegen, auch mehrere Hochschullehrer wurden von ihnen tätlich angegriffen. An der Tierärztlichen Hochschule zu Budapest wurden am 6. Oktober die wenigen jüdischen Studenten, die auf Grund des numerus clausus dort studieren dürfen, von den christlichen Hörern im Hochschulgebäude überfallen, blutig geschlagen und ihrer Mappen und Bücher beraubt. Am gleichen Tage drangen antisemitische Hörer in einen Krankensaal der medizinischen Fakultät der Budapester Universität ein und mißhandelten den Universitätsprofessor Dr. Geza Encz, in der falschen Meinung, daß er Jude sei. Sein Assistent Dr. Lindholz, ein Jude, wurde blutig geschlagen und aus dem Gebäude hinausgeworfen. Ähnliche Szenen spielten sich an der Universität zu Preßburg, sowie an anderen ungarischen Hochschulen ab. Unterrichtsminister Graf Kuno Klebelsberg empfing die Führer jener Hochschulverbände, die die Abhaltung der Vorlesungen verhinderten. Er gab der Deputation die Versicherung, daß die von Juden an ausländischen Universitäten erworbenen Diplome streng nach dem Prinzip des numerus clausus nostrifiziert würden. Eine diesbezügliche Gesetzesvorlage sei bereits ausgearbeitet, doch habe man mit Rücksicht auf außenpolitische Bedenken diese Vorlage der Nationalversammlung noch nicht unterbreiten können. Das wird aber baldmöglichst geschehen. Er, Klebelsberg, mache für seine Person die Wünsche der christlichen Studentenschaft hinsichtlich des Rassenschutzes zu seinen eigenen. Feuilleton Ära fremden Strom Von Scholem Asch* *) Ein Sabbatnachmittag. Das Städtchen liegt still wie im Schlafe da. Auf den Bänken vor den Haustüren sitzen Schneidergesellen mit weißen sabbatlichen Hemdkragen und werfen Blicke den Dienstmädchen zu, die in sabbatlichen Kleidern züchtig auf und ab spazieren. Reb Anschel Weinbaum, der angesehenste Bürger des Städtchens, geht mit seinem Enkelsohn Jidele über die Gasse zum Fluß spazieren. Seine weißen Haare zittern aus dem roten Schnupftuch, das Reb Anschel sich um den Hals gebunden hat, und der dünne lange Bart bewegt sich auf seiner Brust und scheint den Wind zu bitten, daß er ihn nicht wegblase. Reb Anschel geht bedächtig, weniger seines Alters als der Sabbatruhe wegen; er hat seinen greisen Kopf auf die Seite geneigt und hört zu, was ihm der Enkel erzählt. Der Enkel, Jidele, ein schlanker junger Mann, trägt einen sabbatlichen Gehrock, gewichste Stiefel und einen gestärkten Hemdkragen, wie ihn nur die wohlhabenden Bürger haben. Der junge Mann gibt sich Mühe, seine vorwärtsstürmenden Schritte der ruhigen Gangart des Großvaters anzupassen. Der ruhige Ton und die langsamen Handbewegungen verleihen seiner Erzählung Nachdruck und Ernst. Ab und zu nickt ihnen ein Vorbeigehender zu, wünscht „Gut Schabbes“ und unterbricht so die Erzählung. So gehen sie die Straße zu Ende und kommen zum Fluß, der am Städtchen vorbeifließt. Ein weiter ausgetretener Platz fällt zum Wasser hinab; Balken, Mehlsäcke und Petroleumfässer liegen auf ihm umher. Ein Wagen ohne Pferde steht dicht am Wasser; unten, auf dem Wasser, liegt ein großer Kahn, und vom Kahn führt ein Steg zum Wagen: dies zeigt, daß die Arbeit gestern abend durch den Sabbatbeginn unterbrochen wurde. Juden gehen nach dem Essen auf dem Ufer gemächlich auf und ab und betrachten das Wasser mit den Blicken ruhiger wohlhabender Bürger. Auf einem Kahn stehen Bauern und schöpfen vom Flußgrunde Sand. Sabbatlich gekleidete Frauen mit goldenen Ohrringen gehen vorbei; eine von ihnen erzählt etwas mit weinerlicher Stimme; aus *) Aus dem Buche: Ostjüdische Novellen. Erschienen im Georg Müller Verlag, München. Zu haben in der „Ewer“-Buchhandlung, Wagmüllerstraße 19. der Ferne hört es sich wie das Weinen der Braut vor der Trauung an. Hart am Wasser balgen sich Chederjungen, sie schlagen einander die Mützen vom Kopfe und werfen sie ins Wasser. Reb Anschel und sein Enkel setzen sich beide auf einen Balken am Ufer. Ringsum herrscht die Ruhe des Sabbats. Das Wasser fühlt sich so sicher zwischen seinen beiden Ufern: es wiegt sich gemächlich und kitzelt den grasbewachsenen Strand. Still ist es auf dem Wasser; die Kähne und Boote rühren sich nicht vom Fleck, und das Wasser wiegt sich langsam und träge. Eine Welle folgt lautlos der andern, als ob sie wüßten, daß man am Sabbat keinen Lärm machen darf, und der ganze Strom gleicht einem bedächtigen sabbatlichen jüdischen Bürger: nachdem er die ganze Woche gearbeitet hat, erlaubt er sich am Sabbat nach dem Essen etwas zu scherzen; er kitzelt das Ufer und hält dann, dem Sabbat zu Ehren, sein Mittagsschläfchen ab. Und der junge Mann fährt in seiner Erzählung fort: „. . . Vor achtzehn Jahren war es, Großvater. Juden von verschiendenen Parteien, auch Ärzte und Anwälte fuhren nach Erez-Jßroel *). und unter ihnen war auch Reb Schmuei Mohilewer. Und als sie landeten, knieten sie nieder, drückten ihre Gesichter in den Staub und küßten die Erde. Und sie hüben zu weinen an und hielten unter freiem Himmel das Nachmittagsgebet ab, und dann kauften sie die erste Elle Boden und gründeten die erste Kolonie . . .“ „So, so . . .“ wundert sich der Alte, und schüttelt den Kopf und schaut ins Wasser. . . . Zion, unser Zion, von dem im Chumesch2) die Rede ist, dort liegt es, in weiter Ferne . . . Das Land, in dem die Juden gewohnt haben, die Kinder Israels, wie es im Chumesch steht ... Da geht eine Straße, mit Kies beschüttet, von Tannen eingefaßt, sie führt nach Bethlehem. Da ist ein Grab, Mutter Rahels Grab, das „Kejwer Rochel“, von dem im Chumesch steht, daß es unser Vater Jakob gebaut hat; seine Hände haben die Steine zusammengefügt, unseres Vaters Jakob Hände haben es gebaut . . . Und da ist die Zwiefache Höhle, die Vater Abraham von den Kindern Heth gekauft hat, wie es im Chumesch beschrieben ist. Für vierhundert Taler hat er sie gekauft. Dort liegen unsere Väter Abraham, Isaak und Jakob begraben. Und mit ihnen unsere heiligen Mütter ... D Erez-Jßroel — Land Israels, Palästina. 2) Chumesch — Pentateuch.

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