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Das jüdische Echo · 1922-10-27 · 43 (27.10.1922) · p. Seite 537

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
43 (27.10.1922)
Date
1922-10-27
Page
Seite 537 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43 Das Jüdische Echo 337 Befreiung der jüdischen Schüler vom Schreiben am Sabbath und an Feiertagen strikte untersagt. Eine Reihe von jüdischen Schülern, die sich dem Gewissenszwang nicht fügten, hat er in den Karzer stecken lassen. In Bayern haben wir eine derartige Unterdrückung jüdischer Religionsäußerung nicht zu befürchten. Dem hier herrschenden Katholizismus ist der fromme Jude lieber als der ungläubige, selbst die extremste Orthodoxie kann sieb hier nicht über irgendwelche Behinderung in religiösen Dingen beklagen. Trotzdem wird heute auch der unentwegteste jüdische Bajuvare nicht behaupten, daß es für die Juden eine Freude sei, in Bayern zu leben. Seitdem unter der Aera Kahr- Pöhner der Radauantisemitismus sich ungestört entfalten konnte, tobt er sich in immer zügelloserer Weise aus. In der Ordnungszelle Bayern kann ein staatliches Gericht in unerhörter Weise öffentlich angegriffen werden, weil es nach bestem Wissen und Gewissen einen Juden freigesprochen hat, hier können ungehindert tagelang in Tausenden von Exemplaren Flugblätter verteilt werden mit schamlosen Ritualmordbeschuldigungen („Hunderte deutscher Kinder verschwinden alljährlich spurlos, wer aber darüber die Wahrheit sagt, wandert 14 Tage ins Gefängnis“) und deutlicher Aufreizung zur offenen Gewalt („Denn wenn die Gerichte keine Gerechtigkeit mehr walten, wird eines Tages das empörte Volk selbst Justiz üben.“). Dieser Antisemitismus bayerischen Gepräges ist eine Kulturschande ersten Ranges, die nicht nur den Streicher, Hirtel und Konsorten zur Last fällt, sondern auch allen hochmögenden Politikern, die bei jeder passenden Gelegenheit ihre Parteisuppe mit der heute so beliebten antisemitischen Würze kochen, die Wind säen, und dann pathetisch ihre Unschuld beteuern, wenn, wie im Falle Rathenau, Sturm geerntet wird. Vielleicht erkennen die Klügeren heute schon, welche Gefahr nicht nur für den Juden, sondern für den ganzen Staat dieser finstere Geist der Gewalt bedeutet, den sie kaum noch zu bannen vermögen. Ganz zu schweigen von der Wirkung auf das Ausland, dessen Meinung auch für Bayern nichts weniger als gleichgültig sein kann. Was lehren uns die so verschieden sächsischen und bayerischen Vorgänge? Daß wir unser Geschick in die Hände keiner außerjüdischen Gruppe, weder einer linken noch einer rechten Partei legen können, daß von der Linken dem jüdischen Geist, von der Rechten unserer nackten Existenz Gefahr drohen kann. Wie schon Theodor HerzI mit genialem Blick erkannt hat, müssen wir endlich — nach zwei Jahrtausenden die Leitung unserer Politik wieder selbst in die Hand nehmen und sie nach jüdischen Gesichtspunkten, nicht nach der Meinung und den Äußerungen der Antisemiten orientieren. Die einzige Waffe gegen den Antisemitismus ist unsere eigene innere Stärke, ist das sichere Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft zu sich selbst. Es genügt aber nicht, jüdischen Stolz und jüdisches Selbstbewußtsein bloß zu proklamieren, die Grundlage dafür ist eine lebendige und jüdische Gemeinschaft mit positiver jüdischer Leistung. Wir haben in Bayern eine jüdische Gemeinschaft, die im Verband bayerischer Israelitischer Gemeinden begründet ist. Daß sie schon lebendig geworden sei, wird ihr auch der wohlwollende Beurteiler nicht nachrühmen können, trotzdem die Leiter des Verbandes, besonders der Vorsitzende ihm ihre beste Kraft widmen. Schuld daran trägt die übergroße Selbstbeschränkung, die der Verband — ebenso wie die Einzelgemeinden — bisher geübt hat. Der Verband, der die Einheitsfront des bayerischen Judentums darstellt, muß — will er seiner Aufgabe gerecht werden — sich aller Angelegenheiten annetymen, welche das bayerische Judentum berühren. Dazu gehören nicht allein Kultusangelegenheiten, darunter fällt vielmehr auch die nachdrückliche Wahrnehmung aller jüdischen Interessen nach außen hin, auch die Abwehr des Antisemitismus, dazu gehört die Pflege alles jüdischen Geisteslebens und die Förderung jüdischer Kräfte, wo immer sie sich regen. Und sie regen sich heute Gott sei Dank — vor allem unter der Jugend, die versucht, sich das alte jüdische Kulturgut wieder zu eigen zu machen, die teilweise in vorbildlichem Pioniertum sich in harter Arbeit zum Handwerk und zur Landwirtschaft ausbildet, um am Aufbau Palästinas teilnehmen zu können. Diese Jugend,, auf die wir wahrhaft stolz sein können, auf welche sogar die besseren Teile der deutschen Jugendbewegung mit Bewunderung blicken, muß der Verband unterstützen, durch Subventionierung von hebräischen Kursen, durch Einrichtung von Arbeitsvermittlungsstellen, durch Förderung von Handwerks¬ und Landwirtschaftslehrlingen und von Palästinapionieren. Es müßte in Bayern ebenso wie anderwärts möglich sein, landwirtschaftliche Lehrgüter zu schaffen, bei deren Einrichtung allerdings der Privatinitiative und der privaten Finanzierung die Hauptrolle zufallen dürfte. Daß zu den Angelegenheiten, die das bayerische Judentum angehen, auch die zentrale Aufgabe des Gesamtjudentums, der Palästinaaufbau gehört, gilt leider heute noch nicht als die Selbstverständlichkeit, die es ist. Wir müssen mit allem Nachdruck fordern, daß der Verband und die bayerischen Gemeinden nach dem Vorbild von großen Gemeinden, z. B. Königsberg, durch Zeichnung für a/tjsu wren~Jfoden u./gifzfteJfa&Jcfyimkwi' <^^uf€tftrasxe

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