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Das jüdische Echo · 1922-10-20 · 42 (20.10.1922) · p. Seite 535

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
9 (1922)
Issue
42 (20.10.1922)
Date
1922-10-20
Page
Seite 535 (sequence 15)
Language
German
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Ach, was zerstört ein solcher Riß den seinen! So weint die Welt, und sollen wir nicht weinen?« So weint die Welt, und sollten wir nicht weinen? Wir, die wir uns voll Stolz seine Brüder nannten, und wir, die wir das höchste Ziel unseres Strebens darin sahen, Schüler Rabbiner Nobels werden zu wollen. Der Verlust, den die Welt und die Frankfurter Gemeinde erlitten hat, ist heute von anderer Seite an der Stätte seines Wirkens beklagt worden. Ich möchte es versuchen, in wenigen Worten das darzulegen, was wir im besonderen in ihm als geistigen Führer der Frankfurt-Loge verloren haben. Zuvörderst einige kurze Angaben aus seinem Lebenslauf: In Ungarn geboren, kam er mit sieben Jahren' nach Halberstadt, wo sein Vater das Amt eines Klausrabbiners übernahm. Ich habe diesen ehrwürdigen Mann kurz vor seinem Tode kennen gelernt, aus dessen Augen und Mienen eine reine Güte und Liebe strahlte, der Typus eines Mannes, der nichts anderes wollte, als seinem Gotte in Liebe und Dankbarkeit dienen. Von diesem seltenen Vater empfing Rabbiner Nobel schon als Knabe eine äußerst umfassende talmudische Ausbildung, die er auf einem Rabbinerseminar in Berlin vollendete, um sich gleichzeitig philosophischen Studien zu widmen. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Rabbiner in Köln und Königsberg unterbrach Dr. Nobel seine rabbinische Tätigkeit, um zwei Jahre als Schüler Hermann Cohens in Marburg zu weilen. Ihnen Allen dürfte die wunderbare Rede im Gedächtnis sein, mit der Rabbiner Dr. Nobel im Kreise unserer beiden Logen vor einem Jahre seinen großen Lehrer feierte, ebenso die unvergleichlich schöne Ansprache in unserer Logenzeitung zu Hermann Cohens 70. Geburtstag, mit deren Wiederherausgabe in der Festgabe zu Nobels 50. Geburtstag sich unser Br. Dr. Franz Rosenzweig ein großes Verdienst erworben hat. Nach längerer Tätigkeit in Leipzig, wo Rabbiner Nobel unserem Orden vor 20 Jahren beitrat, erhielt er ein Amt als zweiter Raboiner in Hamburg, um von dort einstimmig im Jahre 1910 den Ruf zur Nachfolgerschaft von Rabbiner Dr. Marcus Horovitz in Frankfurt a. M. zu erhalten. Und wenn Rabbiner Nobel auch nur ein Jahrzehnt der Tätigkeit vergönnt war, hat er es dennoch verstanden, nicht bloß das große Erbe unseres großen Br. Rabbiner Horovitz getreulich zu verwalten, sondern diesem Amt eine neue und große Tradition zu verleihen. Weltunkundig, und die kleine Klugheit dieser Welt verachtend, hat Rabbiner Nobel in stärkstem Maße auf seine Gemeinde einzuwirken gewußt, kraft einer ganz besonderen menschlichen Begnadung, kraft der unendlichen Fülle der von ihm ausstrahlenden Liebe. Der ihr entspringenden Fähigkeit, sich in die religiösen Triebe, in die Seele seiner Mitmenschen zu versenken, überall und in jedem MenschenTjutes zu entdecken und an das Gute in ihm zu appellieren, verdankte Rabbiner Nobel jenen unaussprechlichen Adel und Zauber seiner Persönlichkeit,der sich niemand zu entziehen wußte. Und in einer jüdischen Gemeinde, wie Frankfurt a. M., will es vielleicht mehr als anderwärts bedeuten, daß Rabbiner Nobel turmhoch über allen Parteien stand, daß alle Unterschiede religiöser und politischer Stellung vor ihm verschwanden. Und nach zehnjähriger Tätigkeit erlebten wir es bei seinem Sterben, daß der Jüngling weinte und Greise seltsam ergriffen waren, die Frauen und Mädchen sich von tiefstem Schmerze getroffen fühlten und die Mütter um ihre Jugend bangten, die sie unter seiner Obhut so gut bewahrt wußten. Alter und Jugend sahen in ihm in gleicherweise den Führer, die Jugend neigte ihm willig ihr Ohr, weil sie sich von ihm verstanden wußte. Dem Alter war er ein Stab und den Leidenden ein Freund, den Schmerzgebeugten ein Tröster und der heutigen Jugend restlose Autorität. Daß er dies konnte, dieses letzte Rätsel seiner Persönlichkeit, läßt sich vielleicht am besten mit den Worten kennzeichnen, die Rabbiner Nobel in dem erwähnten Gruß auf Hermann Cohen an wendete: »Weil er die Religion selber erlebt hatte, ward ihm das Leben zur Religion.« Nicht eine Wissenschaft war ihm die Religion, obwohl ihre Geschichte ihn als Forscher aufs lebhafteste interessierte und er zu vielen religionswissenschaftlichen Fragen selbst Stellung nahm. Nicht Ethik war ihm die Religion, obwohl er der sozialen Ethik im Judentum seine schwungvolle Rede über den Sabbath gewidmet hat, nicht eine das ganze Leben verschönende Kunst war Nobel die Religion, obwohl Nobel eine tiefst innerlich künstlerische, dichterische Natur war, sondern Religion war ihm mit »sein« überhaupt identisch. Und diese Religion des Erlebens, sie schied ihn auch von seinem großen Meister Hermann Cohen, dessen überragende Grundlegung und Ableitung »der Religion aus den Quellen der Vernunft« Nobel nach Cohens Tod mitherausgegeben hat. Die Religion des Erlebens bildete die Grundlage seiner ganzen Persönlichkeit wie seiner Religionsphilosophie. Sie führte ihn zu anderen Quellen der Religion als seinen Lehrer Hermann Cohen, sie führte ihn zur jüdischen Mystik, zur Kabbalah und ihren Vorstufen, denen er nachforschte in der Haggadah und im Midrasch. Rabbiner Nobel gehörte zu den seltenen Naturen, die, wie der Talmud* sich ausdrückt, in den Pardess, in den Wundergarten der Mystik eindringen konnten und sich darin nicht verloren. Diese Fragen der Kabbalah, das Studium des heiligen Buches des Sohar legten ihm auch die Fragen der Einwirkung der Kabbalah auf Spinoza nahe und durch dessen Einfluß auf Goethe. Mit Goethe, dessen religiöse Sehnsucht Rabbiner Nobel über Spinoza aus dem Judentum ableitete, fühlte er sich aufs innigste verwandt, und mit Recht glaube 3

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